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Gesundheitspolitik 3. Mai 2006

„Offizielle“ Entlastung für Kassenärzte

Kassenärzte in Niederösterreich können eine dauerhafte Stellvertretung beantragen, ohne dadurch die Kassenstelle zu verlieren. Erste Erfahrungen haben die Sinnhaftigkeit dieser Initiative bestätigt.

Mitte 2004 wurde in Niederösterreich ein Pilotprojekt mit dem viel sagenden Namen „Erweiterte Stellvertretung“ gestartet. Acht Ärzte konnten in den letzten zwei Jahren davon Gebrauch machen. Ab Juli 2006 ist eine Ausweitung auf fünf Prozent der Kassenvertragsärzte vorgesehen, also etwa 60 Mediziner. Geplant ist eine Laufzeit von drei Jahren, angesprochen werden sowohl Allgemeinmediziner als auch niedergelassene Fachärzte aller Richtungen. Entwickelt wurde die „Erweiterte Stellvertretung“ gemeinsam von der Kurie der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für NÖ und der Gebietskrankenkasse. Grundsätzlich kann jeder Arzt an diesem Projekt mittels eines formlosen Ansuchens teilnehmen. Darin muss er/sie erklären, warum es unmöglich ist, die Tätigkeit als Vertragsarzt im vorgesehenen vollen Umfang auszuführen. Mögliche Gründe sind etwa eine eigene Krankheit, die Pflege von Angehörigen, Betreuung von Kleinkindern oder eine nebenberufliche Tätigkeit für eine öffentliche Institution. Über die Teilnahme am Projekt entscheidet die Kurie der niedergelassenen Ärzte unter Einbeziehung der jeweiligen Fachgruppe. In bis zu 50 Prozent des Ausmaßes der Vertragsstelle kann sich der Arzt durch einen selbst gewählten Kollegen dauerhaft vertreten lassen, ohne die Kassenstelle zu verlieren. Sogar die Möglichkeit einer Ausweitung der Ordinationszeiten besteht. Es darf nur nicht dazu kommen, dass wesentlich mehr Krankenscheine umgesetzt werden. Wird das Honorarvolumen pro Quartal gegenüber dem Durchschnitt vergangener Abrechnungszeiten um mehr als zehn Prozent überschritten, erfolgt eine Kürzung um drei Prozent. Eine Teilung der Kassenstelle ist im Rahmen dieses Projektes nicht möglich.

Erfahrungen eines Orthopäden

Ein Arzt war von Anfang an dabei: Dr. Andreas Stippler, Facharzt für Orthopädie in Krems. Er ist auch Obmann seiner Fachgruppe in der Kammer und nebenberuflich als Chefarzt bei der Sozialversicherung der Angestellten tätig. „Das Projekt bringt sehr viele Vorteile“, resümiert Stippler. „Zum einen wird dadurch eine Teamarbeit ermöglicht, die auch viele fachliche Synergien bringt bzw. eine Spezialisierung auf Teilbereiche unterstützt.“ Einen weiteren Vorteil sieht der Orthopäde in der zeitlichen Flexibilität. Die „Erweiterte Stellvertretung“ lasse einerseits deutlich mehr Zeit für die Patienten zu – auch durch eine Ausweitung der Öffnungszeiten –, und bringe anderseits mehr Lebensqualität für die beteiligten Ärzte. „Außerdem kann man gut und flexibel auf eigene Grenzen der Leistungsfähigkeit reagieren und muss sich nicht um jeden Preis bis zum Letzten auspowern“, sagt Stippler.

Vor der Pension kürzer treten

Für Kassenärzte, die beruflich kürzer treten möchten, hält Stippler das Projekt besonders geeignet, z.B. wenn jemand in absehbarer Zeit, etwa innerhalb der nächsten drei Jahre, in Pension gehen möchte. Er rechnet des Weiteren mit einer Zunahme des Trends, „dass Mediziner nicht mehr zu 100 Prozent in der Ordination sind, sondern auch nebenberuflich arbeiten, ohne dabei aber den Verlust der hart errungenen Kassenstelle befürchten zu müssen.“ Der gewonnene Freiraum ermögliche vielfältige Erfahrungen in anderen Berufsfeldern, die kontinuierlich in die Ordination und damit eine bessere Patientenbetreuung einfließen könnten. Beispiele dafür sind für Stippler „Vorgänge rund um das Pflegegeld“ bzw. generell die „soziale Dimension der Medizin“.

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