zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 11. April 2006

Auslaufmodell Facharzt?

Der Hausarzt ist kein Auslaufmodell. Soviel steht fest. Ganz im Gegenteil sind die Erwartungen an die Pförtner des Gesundheitssystems auch für die Zukunft hoch. Unter der Lupe stehen eher die Fachärzte.

Manchmal gehen Diskussionen ganz und gar am Thema vorbei, zum Beispiel vergangene Woche in Wien. Da stellte eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion (siehe Kasten) die Frage: „Hausarzt, die aussterbende Gattung. Wer ist teurer/besser – Spital oder Ordination?“ Wer sich erwartet hatte, hier mehr über den „Hausarzt in Not“ zu hören, ging genau so schlau wie zuvor nach Hause. Die Frage „Was ist besser, was ist billiger?“ stellt sich nur für Facharztpraxen und Ambulanzen, die auf derselben Versorgungsebene agieren. Mit dieser Feststellung machte ÖBIG-Chefin Dr. Michaela Moritz von vornherein klar, dass bei der Sanierung des Gesundheitssystems nicht der Allgemeinmediziner am Prüfstand steht. Die hohen Erwartungen an den Hausarzt seien unumstritten gegeben. Allerdings gibt es bisher auch keine Studie, die einen Kostenvergleich zwischen ambulanten Einrichtungen und Facharzt-Ordinationen zulässt. Und „ein Vergleich Facharzt mit Spital geht nicht“, so Moritz, „weil die Strukturen nicht vergleichbar sind.“

Hausarzt sollte auf der e-Card gespeichert werden

Somit war zumindest die Frage nach der „aussterbenden Gattung“ Hausarzt geklärt. Der offizielle Vertreter der Allgemeinmediziner in der Runde, ÖGAM-Präsident Dr. Erwin Rebhandl, ließ die Kostenfrage gleich ganz beiseite. „Ich möchte kein Gatekeeper sein, sondern ein Türöffner in das Gesundheitssystem“, postulierte er. Die kommenden strukturellen Veränderungen sollten eines ermöglichen: Dass alle medizinischen Informationen über einen Patienten bei einem Arzt zusammenlaufen, am besten beim Hausarzt. Sein Lösungsvorschlag: Auf der e-Card den Namen des Vertrauensarztes zu speichern, an den dann alle Befunde zu schicken sind. „Ja, das ginge“, nahm Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat das Staffelholz auf. Technisch sei das kein Problem, die rechtliche Seite werde derzeit geprüft. Sie geht in ihren Visionen sogar noch einen Schritt weiter: Die lebenslange Patientenakte sei das Ziel.

Fokus auf Nahtstellen

Ob die mit dem Österreichischen Strukturplan Gesundheit beschlossenen strukturellen Veränderungen eine Aufwertung des Hausarztes vorsehen, wollte die oberste Systemlenkerin nicht so recht beantworten. „Die Reform soll Nahtstellen verbessern durch gemeinsame Planung“, steckte sie zumindest die Richtung ab. Ein Kostenvergleich von niedergelassenen und ambulanten Einrichtungen werde jedenfalls erfolgen. Voraussetzung dafür sei allerdings ein für beide Bereiche kompatibler Diagnosecodex, an dem das ÖBIG arbeite. „Jetzt kann der niedergelassene Arzt dokumentieren, was er will“, stellte Rauch-Kallat fest. Eine Aussage, die nicht unwidersprochen blieb. „Wir Kassenärzte rechnen nicht irgendetwas ab, die Krankenkasse weiß ganz genau über unsere Leistungen Bescheid“, hielt ein Facharzt im Publikum der Ministerin entgegen.

Es gibt keine Kostenwahrheit!

Die Debatte „wo ist was billiger?“ ist nichts für Ärzte, stellte OA Dr. Gabriele Kogelbauer, Vertreterin der angestellten Ärzte, fest. Es gebe keine Kostenexplosion, sondern eine Leistungsexplosion. „Es gibt keine Kostenwahrheit, wir können nur Tarife vergleichen“, so Kogelbauer. Die Frage müsse deshalb lauten: „Was kostet wie viel?“ Dass „Tarife ein Verhandlungsergebnis widerspiegeln und nicht reale Kosten“ bestätigte ÖBIG-Chefin Moritz. Sie sieht vielmehr die Notwendigkeit, auf der Versorgungsebene Fachärzte und Ambulanzen neue Kooperationsformen zu finden. „Für Allgemeinmediziner ist es oft ermüdend, sich die politische Kür zum Thema anzuhören“, zeigte Mag. Jan Pazourek von der Wiener Gebietskrankenasse Verständnis für diese Ärztegruppe. „Was ist billiger?“ sei nicht mehr als eine Glaubensfrage, eine empirische Evidenz wurde bisher nicht erbracht. Über die Aufwertung des Hausarztes werde viel philosophiert, aber kaum etwas konkret umgesetzt. Der neue Kassenvertrag für Wien setze einen Schritt in diese Richtung mit der Honorierung von Leistungen im Sinne des Schnittstellen-Managements. Ein Begriff, den Rauch-Kallat auszumerzen versucht: „Nahtstellen“ sei der passendere Terminus. Ob schneiden oder nähen – „der Patient braucht alle Ebenen des Gesundheitssystems“, betonte die Ärztin Dr. Therese Schwarzenberg. Bei der Aufwertung der niedergelassenen Ärzte sei jedenfalls der immaterielle Aspekt besonders bedeutsam. „Das unter materielle Kuratel zu stellen, würde bedeuten, dass viel verloren geht“, so Schwarzenberg. Patienten wollen einen Arzt ihres Vertrauens, bestätigte Dr. Andreas Penk, Geschäftsführer von Pfizer Austria. Dies hätten Patientenbefragungen in Europa eindeutig ergeben. Hier liegt auch ein Nachteil von Ambulanzen, wo Patienten selten vom selben Arzt betreut werden. Dennoch, so Kogelbauer, haben die ambulanten Leistungen in den Spitälern stark zugenommen. Den Grund dafür sieht Schwarzenberg darin, dass „die Fortschritte der Medizin immer öfter eine ambulante Behandlung möglich machen. Deshalb werden die Prozesse neu zu organisieren sein.“

Hausärztedemo in der Schweiz

Die Nöte der Hausärzte im Sinne der ÄRZTE WOCHE-Aktion stehen am politischen Parkett jedenfalls nicht zur Diskussion. Hier werden die Betroffenen selbst aktiv werden und vehement auf ihre Interessen aufmerksam machen müssen. So wie vor kurzem in der Schweiz, wo 10.000 Hausärzte an einer Demonstration in Bern teilgenommen haben.

Herbert Hauser, Ärzte Woche 15/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben