zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 20. April 2006

„Entbehrlicher Gag der Apotheker!“

Nach Wien, Niederösterreich und der Steiermark haben die Apotheker nun auch in Salzburg die Einführung des „Arzneimittel-Sicherheitsgurtes“ angekündigt. Das System soll kontrollieren, ob Patienten Medikamente richtig einnehmen und vor Wechselwirkungen warnen.

So argumentieren die Apotheker: Eine aktuelle Studie habe ergeben, dass jeder fünfte Patient in Österreich seine Medikamente falsch, zu kurz oder gar nicht einnimmt. Außerdem verursache jedes vierte verabreichte Medikament Wechselwirkungen, die zu Gesundheitsproblemen führen können. „Hier handelt es sich um einen reinen Marketing-Gag“, ist Dr. Otto Pjeta empört. Der Allgemeinmediziner aus Oberösterreich ist für Medikamenten-Angelegenheiten in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) zuständig. „Apotheker spielen sich als Hausmediziner der Patienten auf“, ärgert sich Pjeta. Dieser Trend zeige sich leider auch bei den so genannten Vorsorgeuntersuchungen, die derzeit in Apotheken angeboten werden.

... wie eine „Ampel“

Die Apotheker sprechen dem „Arzneimittel-Sicherheitsgurt“ die Funktion einer Ampel zu. Über ein Computerprogramm und eine persönliche Patientenkarte könne der Apotheker jederzeit prüfen, ob der Patient sein Medikament richtig einnimmt oder es Wechselwirkungen zu anderen Medikamenten gibt. Integriert ist zudem eine automatische Impferinnerung für den Patienten. Unterstützung bekommen Salzburgs Apotheker – zum Ärgernis der Ärzte – von höchster landespolitischer Stelle. „Der elektronische Impfpass ist eine langjährige Forderung. Viele Menschen vergessen einfach auf die dritte Folge-Impfung oder die Auffrischung ihres Impfschutzes“, meint Salzburgs Gesundheitslandesrätin Mag. Gabi Burgstaller. „Viele Patienten wissen auch nicht, dass die Einnahme gewisser Medikamente die Wirkung anderer mindert oder gar aufhebt.“

Apotheker schießen übers Ziel

Zum kostenlosen Angebot der Apotheken gehören auch „individuelle Beratungsgespräche“ über Anwendung, Wirkung und Dosierung der verschriebenen Medikamente. „Apothekern fehlen die nötige fundierte Ausbildung und medizinische Erfahrung, um ein solches Angebot sinnvoll umsetzen und begleiten zu können“, gibt Pjeta zu bedenken. „Diese haben ihre beruflichen Befugnisse schon längst überschritten und hinterfragen nun auch die Kompetenz der Ärzte. Es geht momentan nur darum, mehr Kunden in die Apotheken zu locken und diese an einen bestimmten Standort zu binden.“

Wo bleibt der Ruf nach Qualität?

Die Qualität des Angebots dürfte allerdings für Bundes- und Landespolitiker keine Rolle spielen. Pjeta kann sich durchaus vorstellen, dass Schlagworte wie Medikamentensicherheit oder Slogans wie „Verhindern von Wechselwirkungen“ und „sinnvoller Einsatz von Medikamenten“ für Politiker gut klingen. „Die Verantwortung für die Verschreibung und Dosierung der Medikamente liegt aber allein beim Arzt“, betont er. „Der Hausarzt ist der Koordinator, der Lotse durch die Behandlung in enger Kooperation mit Fachärzten, wenn dies erforderlich ist. In diesem Setting ist ein Arzneimittel-Sicherheitsgurt absolut entbehrlich.“ Es würde auf keinen Fall in die Kompetenz oder Aufgabe der Apotheker fallen, den Verlauf der Therapie zu kontrollieren. Inzwischen tragen diese auch keine Verant-wortung mehr dafür, ob ein Rezept kassenrechtlich abgedeckt ist. Scharf weißt Pjeta auch den implizierten Vorwurf zurück, Ärzte würden Patienten über Wirkung und mögliche Wechselwirkungen von Medikamenten zu wenig in-formieren oder nicht auf die regelmäßige Einnahme achten.

Politiker sollen Farbe bekennen

„Es ist höchste Zeit für eine klare Stellungnahme der zuständigen Politiker zur zentralen Position des Arztes in der Behandlung und in der Kommunikation mit den Patienten“, fordert der ÖÄK-Referent. Er spielt damit auch auf die Gesundheitsministerin an, die ihre Gesundheitswerte vor laufenden Kameras in der Apotheke ihres Vertrauens prüfen hat lassen. Aus Sicht der Standesvertretung sei durch die laufenden Apothekenaktionen jedenfalls eine Verunsicherung der Patienten zu befürchten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben