zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 22. März 2006

Patienten sollen aufbegehren

Ärzte wollen Patienten unter anderem dabei unterstützen, sich gegen drohende Einschränkungen der medizinischen Nahversorgung und beschnitte Therapiefreiheit beim Arzt zu wehren.

„Allein im niedergelassenen Bereich haben wir pro Jahr etwa acht Millionen Patientenkontakte. Immer häufiger hören wir dabei Ängste bezüglich des künftigen Umfangs und der Qualität der Gesundheitsversorgung“, berichtete Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für Oberösterreich, bei einer Pressekonferenz. Es müsse immer mehr Zeit aufgewendet werden, um Patienten zu beruhigen.

Was Patienten erwarten

„Viele Patienten nehmen sehr bewusst wahr, dass Ärzte immer mehr Zeit und Energie in eine ausufernde Bürokratie investieren müssen und dies zulasten des persönlichen Gesprächs geht“, betonte Niedermoser. Daraus resultiere die Erwartung, dass Ärzte darauf aufmerksam machen, wenn sich das Gesundheitssystem negativ entwickelt. Um sich gegen diese Entwicklungen gemeinsam zu wehren, startete vergangene Woche in Oberösterreich ein „Patientenbegehren“. In allen Ordinationen sowie Ambulanzen haben Patienten einen Monat lang die Möglichkeit, „sich mit ihrer Unterschrift gegen die unüberlegten Reformen des Gesundheitsministeriums zu wehren, welche die gute medizinische Versorgung in unserem Bundesland gefährden“, erklärte der Kammerpräsident. Die gesammelten Unterschriften sollen dann der Gesundheitsministerin übergeben werden. Niedermoser ist überzeugt, „dass diese Willensbekundung nicht ignoriert werden kann und in die noch bis Ende Juni möglichen Adaptionen des Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) einfließen. Dies gelte auch für die zahlreichen kritischen Stellungnahmen von Ärzten – auch von jenen, die bei der Konzeption des ÖSG zwar gehört, deren Fachmeinungen bis jetzt aber ignoriert wurden.

Unrealistische Pläne

Das österreichweit erste Pati-entenbegehren macht darauf aufmerksam, das der ÖSG eine „fast universitäre Spezialisierung der Spitäler“ vorsieht. Unrealistische Frequenzen sollen ausschlaggebend sein, ob bestimmte Operationen durchgeführt werden oder nicht. Dr. Harald Mayer, Kurienobmann der angestellten Ärzte in OÖ und auf Bundesebene, fordert, dass sich im ÖSG stattdessen Mindeststandards finden müssten, die jedes Spital zu erfüllen habe. Es sei klar, dass spezielle Probleme an großen Zentren behandelt würden, eine Blinddarmoperation bei Kindern müsse aber überall möglich sein.

Unsoziale Sparmaßnahmen?

Dass für bestimmte Regionen nur ein gewisses Kontingent finanziert wird, ist für Mayer unvorstellbar. Es befürchtet außerdem, dass durch Sparmaßnahmen Menschen wegen ihres sozialen Status oder aufgrund ihres Alters bestimmte medizinische Leistungen vorenthalten bleiben. Als zweiter Punkt wird auf die geplante Zentralisierung der Brustkrebsvorsorge in Linz aufmerksam gemacht. Die Standesvertreter befürchten, dass diese nicht mehr regional bzw. von niedergelassenen Fachärzten durchgeführt werden kann. „Auch dazu habe ich viele Anfragen von Patienten“, berichtete der Fachgruppensprecher der Gynäkologen, Dr. Thomas Fiedler. Er sieht „keinen Grund, ein anerkanntes und erfolgreiches System mutwillig zu zerstören“. Das Patientenbegehren richtet sich auch gegen staatlich verordnete Therapiepläne. Niedermoser befürchtet, dass die von vielen Seiten scharf kritisierte Verordnung des Gesundheitsministeriums bezüglich der Substitutionstherapie nur ein erster Schritt in diese Richtung sei. Unterstützung für die Aktion kommt unter anderem aus Wien. Ärztekammerpräsident MR Dr. Walter Dorner kann sich eine ähnliche Aktion in der Bundeshauptstadt vorstellen: „Auch wir nehmen die Tendenz in Richtung Verstaatlichung der Medizin wahr. Das ist weder für uns Ärzte noch für die Patienten erstrebenswert.“ Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, warnt davor, das „deutliche Protestsignal“ zu ignorieren: „In ganz Österreich formiert sich zunehmend der ärztliche Widerstand gegen drohende Verschlechterungen im Gesundheitssystem.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben