zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 5. April 2006

Lautstarker Notruf der Hausärzte

Sechs Allgemeinmediziner aus Oberösterreich legen die Karten offen auf den Tisch: Die Arbeit der Hausärzte wird zunehmend zu einem „Drahtseilakt ohne Netz“.

„In den vergangenen Jahren ist uns Hausärzten regelmäßig in Sachen Kompetenz, aber auch in Sachen Einkommen etwas abgeschnitten worden“, eröffnete Dr. Helmut Heiter, Präsident des Oberösterreichischen Hausärzteverbandes, den ersten ÄRZTE WOCHE-Stammtisch zum Thema „Hausarzt in Not“ in Grieskirchen. Ein Kern-thema der engagierten Diskussion war daher auch die jüngste Debatte um Hausapotheken. Nicht nur in diesem Zusammenhang kritisierten die Teilnehmer ihre Standesvertretung. „Immer wieder werden Vereinbarungen getroffen, die sich nicht mit den Interessen der Ärzte decken“, so der Grundtenor. Der überbordende unbezahlte Verwaltungsaufwand beispielsweise ist ein schmerzhafter Dorn im Auge der Allgemeinmediziner. „Man wird monatlich mit sich völlig widersprechenden Neuregelungen konfrontiert, wo sich dann keiner mehr auskennt“, klagte Heiter. Unterschiede gebe es nicht nur von Kasse zu Kasse, sondern auch von Bundesland zu Bundesland. Die Gebietskrankenkasse kommt ihren Pflichten gegenüber den Versicherten immer weniger nach, gaben die Stammtisch-Teilnehmer zu bedenken. Dr. Helmut Lutz wundert sich über die Bezeichnung „Forum Gesundheit“, welche die Gebietskrankenkasse seiner Ansicht nach nicht verdient: „Medikamente dürfen in bestimmten Fällen nur dann verschrieben werden, wenn es bereits zu spät ist.“ Der Hausarzt sieht sich in der Zwickmühle zwischen Begehrlichkeit der Kasse einerseits und der Patienten andererseits. Als Unternehmer klagen die Vertragsärzte über nicht kostendeckende Honorare. „Jeder Kassen-Hausarzt muss sich heute einen Nebenerwerb suchen“, so Dr. Werner Mahn, Bezirksärztever-treter in Grieskirchen. Deshalb erachten die meisten der Stammtisch-Ärzte einen vertragslosen Zustand als überlegenswerte Alternative. In der Ärztekammer vermissen die Hausärzte eine Zukunftsper-spektive für Allgemeinmediziner. „Ist unsere Standesvertretung nicht fähig oder ist ihr unsere Alltagsarbeit egal?“ fragte einer der Teilnehmer, der sich über manche Verhandlungsergebnisse mit der Kasse maßlos ärgert.Eigentlich herrschte beim ÄRZTE WOCHE-Stammtisch gute Stimmung. Es war aber eher eine Art Galgenhumor, da die Situation der Hausärzte am Land in Oberösterreich sehr kritisch zu sein scheint. Lautstarke Kritik kam im Laufe der Diskussion an der Politik von Gebietskrankenkasse und Ärztekammer auf. Die Hausärzte fühlen sich schlecht vertreten und permanent über den Tisch gezogen. Der undurchsichtige und übertriebene Verwaltungsaufwand sowie die Unvereinbarkeit mit optimaler Behandlung und Regelungen des Kassenvertrages setzen vielen Ärzten zunehmend zu. Wo die einzelnen Teilnehmer der Schuh schon höchst schmerzhaft drückt, lesen Sie in der folgenden Zusammenfassung.

Dr. Elmar Tockner
Niedergelassener Kassenarzt für Allgemein-
medizin mit Hausapotheke, Gaspoltshofen
Tel. 07735/6842; e-Mail: e.e.tockner@gmxnet.at

 Dr. Elmar Tockner

Wir Ärzte bestreiten immer mehr einen Drahtseilakt ohne Netz. Wir stehen ständig in einem Spannungsfeld von Kassenforderungen, Patientenansprüchen und medizinischen Entscheidungen. Dazu sind wir mit einem Übermaß an Bürokratie konfrontiert. Immer mehr Funktionen wurden an uns ausgelagert, für die Gebietskrankenkasse haben wir jetzt auch die Chefarztfunktion übernommen. Der Schriftverkehr mit den Ausnahme- und Sonderregelungen für die Arzneimittelverordnung füllt bei uns schon einen ganzen Ordner. Die EDV-Umstellung der Ordinationen hat viel Geld gekostet, profitiert haben davon aber hauptsächlich die Kassen, das Ausmaß der Büroarbeit hat für uns nämlich eher zu- als abgenommen. Helfen würde uns mehr Solidarität zwischen allen Ärztegruppen, wir Hausärzte auf dem Land stehen sonst auf verlorenem Posten.

Dr. Helmut Heiter
Niedergelassener Kassenarzt für Allgemein-
medizin mit Hausapotheke, Gaspoltshofen, und
Präsident Oberösterreichischer Hausärzte-
verband. Tel. 07735/6084;
e-Mail: dr.heiter@utanet.at

 Dr. Helmut Heiter

In den vergangenen Jahren ist uns Hausärzten regelmäßig in Sachen Kompetenz, aber auch in Sachen Einkommen etwas „abge-schnitten“ worden. Dies gipfelte jüngst in der Debatte um die Hausapotheken, wo wieder einmal die Hauptproblematik ganz deutlich wurde. Nämlich dass wir Haus-ärzte innerhalb unserer Kammer, speziell der Österreichischen Ärztekammer, überhaupt keine Lobby haben. Dort wird geschwiegen und immer alles so hingenommen. Dass im Verfassungsgerichtshof jemand sitzt, der aus einer Kanzlei kommt, die Apotheker betreut, können wir nicht ändern. Dass Urteile politisch und nicht sachlich begründet sind, müssen wir auch zur Kenntnis nehmen. Wir Hausapotheker sind halt nun mal ein Relikt, das von allen nichts als beneidet wird. Wir haben in unserem Umfeld überwiegend Kleinpraxen, die ohne Hausapotheke kaum überlebensfähig wären. Die Argumente in Sachen Erwerbsfreiheit höre ich mir gerne an, aber die Grenzen sind dann überschritten, wenn Praxen nicht mehr lebensfähig sind. Wir haben vor kurzem eine Jahrhundertchance verpasst. Man hätte ganz klare, bundesweit gültige, vernünftige und praktikable Regelungen zur Medikamentenver-schreibung definieren können. Aus dieser Chance ist das komplette Gegenteil geworden. Sämtliche Mög-lichkeiten sind vertan worden. Die Frustration der Ärzte kommt überwiegend daher, dass man monatlich mit sich völlig widersprechenden Neuregelungen konfrontiert wird, wo sich dann keiner mehr auskennt. Es gibt ja nicht nur Unterschiede von Kasse zu Kasse, sondern auch von Bundesland zu Bundesland. Dass die Österreichische Ärztekammer dem zugestimmt hat, ist eine bodenlose Frechheit. Wir Allgemeinmediziner werden jedenfalls permanent vernachlässigt und sollten unsere Vertretung endlich einmal selbst in die Hand nehmen. Natürlich haben viele Ärzte Angst vor einem vertragslosen Zustand, vor allem wegen ihrer finanziellen Verpflichtungen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Ordinationen für die optimale Behandlung von Patienten eingerichtet haben. Ein vertragsloser Zustand würde sicher auch so manchen Pseudo-patienten von der Ordination abhalten, aber in Summe für ein optimiertes Arbeiten sorgen. Österreich hat laut OECD eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Es ist schon Luxus, hier Qualitätskrite-rien anlegen zu wollen und Politik und Verwaltung ungeprüft zu lassen. Wenn wir die Leute vor lauter Bürokratie schlechter behandeln, werden sie nicht mehr so alt wie bisher. Kann das im Sinne einer zeitgemäßen Gesundheits- und Sozialpolitik sein?

Dr. Werner Mahn
Niedergelassener Kassenarzt für Allgemein-
medizin mit Hausapotheke, Weibern,
Bezirksärztevertreter Grieskirchen
Tel. 07732/2900; e-Mail: dr.mahn@telebox.at

 Dr. Werner Mahn

Ich habe vor drei Jahren erkannt, dass man als Arzt am Land ein zweites Standbein zum Überleben braucht. Uns wird nämlich Scheibchen für Scheibchen abgeschnitten. Man kann zwar mehr arbeiten, dann fällt man aber ins Limit. Bei mir haben nur wenige Meter für die mögliche Führung einer Hausapotheke gefehlt. Die alte Praxis war nichts mehr wert, daher habe ich den Schritt gewagt und einen Neubau mit der notwendigen Entfernung zur öffentlichen Apotheke errichtet. An der Arbeitsweise hat sich im Vergleich zu früher nichts geändert. Ich versorge wie bisher die Patienten optimal, nur hat früher der Apotheker dafür kassiert. Da war auch öfters das benötigte Medikament nicht lagernd.Apotheker müssen während ihrer Bereitschaft offenbar auch nicht ans Telefon gehen, meine Patienten mussten auch schon mal fünf Apotheken abklappern, um an das benötigte Medikament zu kommen. Ich habe die Neuregelung der Chefarztpflicht in der Ärztekammer aus Gründen des Individual-bonus bekämpft. Das war moralisch sehr bedenklich, ich werde dafür allerdings noch heute geprügelt. Unsere Kammer hat keine Zukunftsperspektive, zumindest nicht was uns Praktiker angeht. Wir können als Allgemeinmediziner ohne zweites Standbein nicht mehr leben, weil uns alle Quersubventionen, wie bessere Honorare bei den kleinen Kassen, in den vergangenen Jahren gestrichen wurden und die GKK-Honorare nicht kostendeckend sind. Ich halte meine Quersubvention Hausapotheke für wesentlich sicherer als beispielsweise die Möglichkeit der Gesundenuntersuchung. Diese kann aus meiner Sicht von kurzsichtigen Politikern oder Verwaltungsbeamten jederzeit gestrichen werden.

Dr. Helmut Lutz
Niedergelassener Kassenarzt für
Allgemeinmedizin, Haag/Hausruck
Tel. 07732/2307; e-Mail: h.lutz@aon.at

 Dr. Helmut Lutz

Wir sitzen im Ort direkt neben der Apotheke und sind umringt von zahlreichen Ärzten mit Hausapotheke. Wir haben nichts als schlechte Dienste und das schlecht sortierte Lager der öffentlichen Apotheke. Wer ökonomisch und im Sinne der Patienten arbeiten will, sollte eigentlich die öffentlichen Apotheken wegrationalisieren. Wenn wir unsere Patienten so wenig flächendeckend versorgen würden, wäre der Teufel los. Ich habe drei Grundsatzprobleme: Mein juristisches Problem ist die Abwälzung des Chefarztproblems auf uns Ärzte. Ich muss die Regeln kennen, bekomme dafür nichts bezahlt und stehe mit vollem Risiko da, ohne alle Regeln und Ausnahmen jeweils beherrschen zu können. Wenn mein Jurist mit einem Verhandlungsergebnis wie dem unserer Kammer bei mir erscheinen würde, hätte er zwei Probleme: Ich würde ihn rausschmeißen und auch verklagen. Unsere Kammer vertritt nicht die Interessen der Ärzte, leider ist sie dafür nicht belangbar. Mein zweites, „psychiatrisches“ Problem hat mit den Boxen zu tun. Das Problem ist deshalb psychiatrisch, weil die Urheber der Boxen (grüne Box mit IND = oder doch ungleich RE1 oder RE2) aus meiner Sicht psychiatrisch untersucht werden sollten. Das dritte Problem ist gesundheitspolitisch und betrifft die „Sekundärprävention“. Ich darf ein wissenschaftlich geprüftes Medikament (Statin) erst dann aufschreiben, wenn es bereits zu spät ist, also keine Prävention mehr machen. Wenn ich es trotzdem mache, bezahlt es die Kasse und fordert von mir den Betrag zurück. Wenn ich es nicht mache, kann mich der Patient mit guten Chancen klagen. Und das nennt sich „Forum Gesundheit“. Und noch eines zum Schluss: Wenn ich meinen Scheinschnitt auf Patient und Monate umrechne, kann ich einen Monat Rundumbetreuung für 15 Euro anbieten. Für mich wäre daher eine Vertragskündigung eine starke Option.

Dr. Gerhard Lutz
Niedergelassener Kassenarzt für Allgemein-
medizin, Haag/Hausruck. Tel. 07732/2215;
e-Mail: lutz_gerhard@hotmail.com

 Dr. Gerhard Lutz

Der Apotheker in Haag hat praktisch kein Lager. Wenn man nur zwei gleiche Medikamente am Vormittag verschreibt, muss er den Patienten am Nachmittag nochmals bestellen. Kein Wunder, dass die Patienten zu den Kollegen mit Hausapotheke abwandern. Wenn die Entwicklung so weiter geht, wird trotz der miserablen Jobsituation vieler Jungärzte niemand mehr in eine Landarztpraxis einsteigen. In Zukunft werden diese Stellen als Teilzeitstellen betrieben werden. Ob das dann die Versorgung gewährleisten kann, bleibt die Frage. Ich muss mich auch sehr über die Vorschriften in Sachen diverser Behandlungen wundern. Die Diabetikerbetreuung beispiels-weise ist nicht kostendeckend. Wozu mache ich all diese Seminare und Fortbildungen, wenn ich dann auf eigene Verantwortung von einem Bürokraten bei der Kasse gesagt bekomme, wie man eine Behandlung durchzuführen hat? Hauptproblem ist natürlich die Abhängigkeit vom Kassenvertrag. Solange eine Übermacht der Ärzte als Überlebensinstrument darauf setzt, wird nichts in Bewegung kommen. Wer als Einziger kündigt, hat verloren, und eine mehrheitliche Unterstützung ist wahrscheinlich erst bei größtem Leidensdruck zu erreichen. Offensichtlich geht es uns immer noch zu gut, das weiß wohl auch die Kasse. Solange sich niemand wirklich wehrt, kann man die Daumenschrauben immer weiter zudrehen.

Dr. Philipp Walderdorff
Niedergelassener Kassenarzt für Allgemein-
medizin mit Hausapotheke, Hofkirchen an der Trattnach. Tel. 07734/2545;
e-Mail: ph.walderdorff@medway.at

 Dr. Philipp Walderdorff

Ich empfinde es als ein starkes Stück von Kasse und Apothekerkammer, nach der Diskussion um die Hausapotheken eine Gesundenuntersuchung in Apotheken einzuführen. Der Gesetzgeber hat mit der rechtlichen Definition der Hausapotheke erklärt, dass Ärzte Medikamente verteilen können und dürfen. Wenn ärztliche Leistungen in der Apotheke angeboten werden, dürfen wir Ärzte die Frage formulieren, warum nicht ebenso alle Ärzte Medikamente verkaufen dürfen. Warum gibt es Ärzte, die dies dürfen und solche, die dies nicht dürfen? Warum müssen manche Kollegen unentgeltlich Medikamente für den Apotheker an die Patienten abgeben? Mit dieser illegalen Hausapotheke beweisen sie gemeinsam mit dem Apotheker, dass an diesem Ort eine Hausapotheke nötig wäre. Es scheint so, dass unsere Kammer in diesem Punkt der Apothekerkammer verhandlungstechnisch unterlegen war und ist. Genauso ist unsere Kammer in den Verhandlungen mit den Krankenkassen unterlegen, wo es darum geht, uns immer mehr Verwaltungsarbeit aufzubürden. Ich bin dafür, dass wir zum Zwecke der Kosteneinsparung Verantwortung übernehmen in Fällen, die ein „Chefarzt“ bisher mangels Kenntnis des Patienten und dessen Situation nicht sachlich entscheiden konnte. Ich bin aber auch dafür, dass dieser Mehraufwand bezahlt wird. Ich bin bereit, mich an die Vorschriften des Kontrollsystems der Krankenkasse zu halten, weil es Sinn macht, die bestehenden Mittel gerecht und sinnvoll zu verteilen. Ich bin aber enttäuscht von meiner Standesvertretung, wenn sie zulässt, dass diese Kontrollarbeit durch ein kompliziertes System von Ausnahmen und Ausnahmen von der Ausnahme zulässt. Die Krankenkasse hat die Möglichkeit, durch das Kennzeichen „schwarzer Punkt“ Medikamente von der Verordnung auszunehmen. Mit der teilweisen Einschränkung mit dem Text, der hinter RE1 und RE2 steht, kann ich gut leben. Ich fühle mich aber nicht imstande, im Alltagswirbel die Informationen zu berücksichtigen, die nicht im Computer abrufbar sind. Und wenn ich dann noch mit meinem Privatvermögen für solche Entscheidungen haften muss, die ich sozusagen in meiner Freizeit unter Berücksichtigung diffizil juridisch ausformulierter Texte für das Wohl des Patienten treffe, dann frage ich mich, wer mich bei dieser Vertragsgestaltung vertreten hat. Bisher hatten diese Entscheidung „Chefärzte“ in ihrer bezahlten Arbeitszeit ohne persönliches Risiko getroffen. Ich bin für die Modernisierung des Gesundheitssystems durch die e-Card. Warum aber lässt es unsere Kammer zu, dass das System verkompliziert wird durch die Auflage, bei jeder Konsultation stecken zu müssen? Es steigt mir die Galle hoch, wenn ich jede einzelne Visite mit der O-Card nachstecken muss – eine völlig sinnlose Tätigkeit und Willkür der Beamten, da die Leistung ohnehin bei der Abrechnung geliefert wird. Auf welcher Seite war die Standesvertretung, als dies beschlossen wurde? Ist unsere Standesvertretung nicht fähig oder ist ihr unsere Alltagsarbeit egal? Ich erwarte mir von meiner Standesvertretung, dass sie dafür eintritt, die administrative Arbeit beispielsweise beim Formularwesen zu reduzieren, damit wir uns wieder ganz den medizinischen Notwendigkeiten widmen können und nicht mehr dem Gutdünken von Beamten ausgeliefert sind.

 Kommentar

Michael Dihlmann, Ärzte Woche 14/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben