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Gesundheitspolitik 22. März 2006

Wasser mit ungeahnten Heilkräften

Zwar gibt es zahlreiche rechtlich festgelegte Qualitätsanforderungen für das kühle Nass aus heimischen Leitungen, die Reste von Arzneimitteln daraus zu eliminieren, schreibt jedoch niemand vor.

In den letzten zehn Jahren wurde Medikamentenrückständen in der Umwelt vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Wie Dr. Süleyman Kolcu, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Umweltrecht, der Universität Bielefeld auf der 46. Assistententagung „Öffentliches Recht“ Ende Februar in Wien erläuterte, können Arzneimittel auf vielerlei Arten in Fließ-gewässer, Grundwässer und letztlich auch ins Trinkwasser gelangen.

Umweltbelastung kein Grund, die Zulassung zu verweigern

Von Bedeutung seien vor allem Ausscheidungen von Personen, die Arzneimittel einnehmen, das „Entsorgen“ von Medikamenten über das WC, Abwässer von Krankenhäusern und Arzneimittelindustrie, Deponiesickerwässer und Klärschlamm, der als Düngemittel auf Felder aufgebracht wird. Im Wasser nachgewiesen wurden u.a. Antibiotika, Lipidsenker, Betablocker, Kontrazeptiva, Schmerzmittel, Psychopharmaka und Kontrastmittel „Zwar stellen zahlreiche Rechtsnormen Qualitätsanforderungen an das Trinkwasser und schützen es, es gibt aber keine gesetzliche Pflicht, Arzneimittel daraus zu eliminieren“, so Kolcu. Im Zulassungsverfahren von Arzneimitteln muss heute eine Prüfung und Bewertung der Risiken für die Umwelt erfolgen. „Eine vertiefte Prüfung muss dabei in der Regel nur durchgeführt werden, wenn davon auszugehen ist, dass die Konzentration eines Arzneimittels in Oberflächengewässern über dem Schwellenwert von 0,01 µg/l liegen wird“, so der Experte. Nachteilige Umweltauswirkungen stellen dabei keinen Grund dar, Humanpharmaka die Zulassung zu versagen – lediglich Auflagen zum Schutz der Umwelt sind möglich. Altstoffe müssen überhaupt nicht bewertet werden. Was die Entsorgungspraxis von Altmedikamenten betrifft, entspricht diese aus Sicht von Kolcu nicht der EU-Richtlinie, welche „geeignete Sammelsysteme“ fordert. So hält der Umweltjurist die Entsorgung etwa über Problemmüll-Sammelstellen für nicht geeignet. „Am besten wäre es, wenn alle Apotheken Altmedikamente zurücknehmen würden“, meinte Kolcu.

Biologisch abbaubar

„Ideal wäre es (in der Theorie), wenn nur mehr biologisch abbaubare Arzneimittel produziert würden“, so Kolcu. Der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen empfahl, verstärkt auf bedarfsgerechte Verpackungen zu achten. Kolcu verwies darauf, dass auf Gesetzesebene ohnehin von „therapiegerechten Verordnungsmengen“ die Rede sei. Möglich sei auch eine weitergehende Abwasserreinigung und Trinkwasseraufbereitung, was allerdings hohe Kosten verursachen würde. Günstiger sei es, weiterführende Wasserreinigungs-Verfahren nur bei besonders belasteten Teilströmen einzusetzen, analog zur Amalgamabscheidung in den Zahnarztpraxen. Darüber hinaus sprach sich der Umweltjurist dafür aus, die Düngung mit Klärschlamm zu verbieten (so wie in der Schweiz). Kolcu: „Insgesamt gibt es kein Patentrezept für die Verminderung des Eintrags von Arzneimitteln ins Trinkwasser. Es empfiehlt sich daher, auf mehreren Ebenen anzusetzen.“

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