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Gesundheitspolitik 29. März 2006

Breite Basis für regionale Psychiatrie

Viele Jahre wurde über die Dezentralisierung der Psychiatrie mehr geredet als gehandelt. In Oberösterreich wird dieses Konzept in einigen Regionen endlich umgesetzt. Dennoch bleiben einige Wünsche offen.

Ein Ziel des Österreichischen Strukturplans Gesundheit (ÖSG) ist die Regionalisierung der Akutpsychiatrie und deren Integration in allgemeine Krankenhäuser. In Oberösterreich gab es dazu bereits konkrete Maßnahmen: So sind innerhalb der letzten zwei Jahre psychiatrische Abteilungen in Steyr, Vöcklabruck und Braunau entstanden. Nach wie vor überlegt wird die Integration der psychiatrischen Klinik Wels in das dortige allgemeine Krankenhaus. In Freistadt ist eine psychiatrische Ambulanz in Bau. „Es bringt ein großes Maß an Normalität und trägt zur Entstigmatisierung bei, wenn Patienten mit psychischen Krankheiten durch die gleiche Tür in das Spital kommen wie jemand mit einem Schlaganfall“, argumentiert Prim. Dr. Christian Spaemann, Leiter der im vergangenen Dezember in Vollbetrieb gegangenen psychiatrischen Abteilung am Krankenhaus St. Josef der Franziskanerinnen in Braunau.

Vorteile der Regionalisierung

Regionalisierung bringt aus seiner Sicht eine deutliche Qualitätsverbesserung der psychiatrischen Versorgung. Die Angebote sind besser abstufbar und leichter erreichbar, die ambulante Nachsorge ist unmittelbarer möglich. Unterstützt wird des weiteren die raschere Reintegration in das Familien- und Berufsleben. „Dazu kommt der Vorteil, dass auch andere Patienten des Spitals über Konsiliardienste psychiatrisch mitbetreut werden können“, so Spaemann. „Gleichzeitig können multimorbide, psychisch Kranke anderer Abteilungen mitversorgt werden.“ Der Facharzt für Psychiatrie befürwortet auch das Konzept des „gemeindepsychiatrischen Verbundes“, das ebenso im ÖSG skizziert ist. „Dieser soll alle Leistungsanbieter zusammenbringen, auch aus dem komplementären und psychosozialen Bereich. Angebote können aufeinander abgestimmt, Bedarfslücken wahrgenommen und geschlossen werden.“ Die Mitarbeit der Hausärzte hat für Spaemann große Bedeutung: „Sie sind gerade in einer Region wie dem Innviertel, wo es nur wenige niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie gibt, sowohl als erste Anlaufstelle wie auch als Begleiter ambulanter Betreuung bzw. der Reintegration in den Alltag wichtig.“ Dasselbe gelte für die Vernetzungsarbeit bei den verschiedenen Angeboten im psychosozialen Bereich. Allerdings wären finanzielle Mittel erforderlich, um Hausärzten die regelmäßige Teilnahme an Helferkonferenzen zu ermöglichen.

Netzwerke aufbauen

„Ohne entsprechende Netzwerke macht es keinen Sinn“, so Spaemann, „irgendwo eine Psychiatrie oder psychiatrische Ambulanz aufzubauen.“ Fachärzte für Psychiatrie – sowohl niedergelassene als auch jene der Abteilungsambulanzen – könnten die regionale psychiatrische Versorgung deutlich verbessern. Beispiele dafür wären Visiten in Alten- und Pflegeheimen sowie in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder mit psychosozialen Problemen – „selbstverständlich in enger Absprache mit den zuständigen Hausärzten“, betont Spaemann. Allerdings wären auch dafür - und vor allem für die Ambulanzen - entsprechende finanzielle Mittel erforderlich. Schließlich sollte in dezentralen Regionen auch betreutes Wohnen für Menschen mit psychischen Krankheiten angeboten werden. Als weiteren Aspekt eines Gesamtkonzepts sieht Spaemann ambulante und am Arbeitsplatz angebotene Ergotherapie mit „training on the job“ bzw. die Kooperation mit der Arbeitsassistenz: „Dabei sollte vor allem die berufliche Reintegration im ersten Arbeitsmarkt unterstützt und nicht nur an den geschützten Bereich gedacht werden.“ Im Großen und Ganzen müsste das Gesamtkonzept der regionalen psy­chiatrischen Versorgung den Zugang zu Psychotherapie erleichtern, auch psychosomatische Betten wären sinnvoll.

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