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Gesundheitspolitik 28. Februar 2006

Wahlärzte auf der Überholspur

Der Anteil der Wahlärzte ist seit 1990 kontinuierlich im Steigen. In Niederösterreich gibt es nun erstmals mehr Wahl- als Kassenärzte. Ein Trend, der sich in ganz Österreich widerspiegelt.

In Österreich gibt es derzeit mehr als 8.300 Wahlärztinnen und Wahlärzte, davon 2.200 Allgemeinmediziner. „Vor dem Weggang der Zahnärzte aus der gemeinsamen Struktur war das Verhältnis zwischen Kassen- und Wahlärzten ausgeglichen, nun gibt es in Niederösterreich erstmals mehr Wahlärzte“, berichtet Dr. Christoph Reisner, Wahlärztereferent in diesem Bundesland und auf Österreichebene. Auch im Bundestrend ist die Zahl der Wahl-ärzte stark im Steigen. Aus Reisners Sicht bedeutet diese Entwicklung auch ein hohes und weiter wachsendes Interesse der Patienten an diesem Angebot: „Immer mehr sind offensichtlich nicht mehr mit dem Kassensystem restlos zufrieden, zugleich aber bereit, für medizinische Leistungen etwas zu bezahlen.“ Wenn Reisner Patienten darauf anspricht, werden vor allem die Faktoren des ausführlichen Gesprächs und der Möglichkeit der intensiven Zuwendung zum Einzelnen betont. Im Kassensystem ist das ärztliche Gespräch krass unterbewertet. „Die Leistungskataloge müssten generell in vielen Bereichen neu geregelt werden, z.B. sind technische Leistungen wie das Schreiben eines EKG eher überwertet“, so Reisner. Ein Arzt sei aber auch Unternehmer. Damit Kassenärzte ausreichend Umsatz erzielen können, seien sie gezwungen, das Gespräch möglichst kurz zu halten und eher auf die Apparatemedizin zu setzen.

Problem Kostenrefundierung

Gebremst wird der Zulauf zu den Wahlärzten durch die kaum durchschaubare Politik bei der Refundierung der Kosten durch die Kassen. „Aus vielen Patientenberichten geht hervor, dass die Höhe der Refundierung oft vom Bearbeiter abhängt beziehungsweise ob sich jemand über deren Höhe beschwert“, berichtet Reisner. Mehr Transparenz und Unterstützung der Patienten wäre wünschenswert. „Rückmeldungen zeigen aber auch“, so der Wahlärzte-Referent, „dass viele Patienten den Wert der intensiven Betreuung durch den Wahlarzt schätzen und deshalb die Höhe der Refundierung nicht so stark bewerten.“ Neben den ausschließlich niedergelassenen eröffnen auch immer mehr angestellte Ärzte nebenbei eine Wahlarztpraxis. Diese Entwicklung sieht Reisner als Beitrag zum viel diskutierten Schnittstellen-Management: „So wird wirklich eine durchgehende Betreuung und ein ununterbrochener Informationsfluss gewährleistet.“ Eine weitere Zunahme der Wahlarzt-Niederlassungen ist zu erwarten. „Interessant dabei ist“, so der Orthopäde, „dass gerade diese Gruppe, bewusst die Kooperation mit anderen Ärzten und auch therapeutischen bzw. sozialen Berufsgruppen sucht.“ Dadurch würden Wahlärzte innovative Impulse für das Gesundheitswesen liefern, multi- und interdisziplinäres Vorgehen wäre mehr als ein Lippenbekenntnis.

Synergieeffekte nutzen

Eine Niederlassung ohne Kassenverträge birgt auch zahlreiche Risiken. Um das wirtschaftliche Risiko zu minimieren, sollte vor Eröffnung einer Ordination ein klares Konzept vorliegen, das unter anderem mögliche Standorte genau untersucht bzw. Synergieeffekte mit verschiedenen Berufsgruppen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich prüft. „Nur weil auf dem Schild ‚Wahlarzt’ steht, bedeutet das nicht automatisch einen hohen Zulauf an Patienten“, betont Reisner. „Es geht um einen wohlüberlegten Mix an Leistungen, die gut vor- und auch aufbereitet sind.“ Sinnvolle Ergänzungen zum Angebot der Kassenärzte vor Ort erhöhen die Chancen auf Erfolg. Außerdem gibt es immer mehr Modelle, bei denen Kassen- und Wahlärzte zusammenarbeiten, um die Vorteile beider Systeme anbieten zu können. Die steigende Zahl der Wahlärzte muss aus Reisners Sicht bald auch Konsequenzen für die Strukturen in den Landesärztekammern haben: „Dort sind die Wahlärzte und damit deren Interessen und speziellen Anliegen deutlich unterrepräsentiert.“ In Niederösterreich werden die Bildungs- und Beratungsangebote für Wahlärzte derzeit ausgebaut, die Nachfrage ist groß.

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