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Gesundheitspolitik 21. Februar 2006

Mehr Kontrolle für Pflegegeld?

Mit 1. Jänner 2006 erfolgte erstmals seit acht Jahren eine Valorisierung des Pflegegeldes. Nach wie vor gibt es aber Diskussionen, ob es sachgerecht eingesetzt wird, insbesondere bei niedrigeren Pflegestufen.

Nach aktuellen Daten des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger beziehen derzeit über 310.000 Menschen Pflegegeld, zwei Drittel davon sind Frauen. Im Jänner wurde das Pflegegeld nach endlosen Diskussionen um zwei Prozent erhöht. So erhalten Bezieher der Stufe 1 nun 148,30 Euro und jene der Stufe 7 1.562,13 Euro.

Erfahrungen eines Allgemeinmediziners

Dr. Wolfgang Ziegler, Arzt für Allgemeinmedizin in Kremsmünster und Referent für Altersmedizin der Ärztekammer für Oberösterreich, betreut viele Pflegegeldbezieher und macht seit mehreren Jahren Pflegegeldgutachten für die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft. „Es ist erschreckend, unter welchen Verhältnissen manche Menschen leben und wie oft das Pflegegeld nicht für die Betreuung ausgegeben wird“, klagt Ziegler. Er fordert eine intensivere Kontrolle der Verwendung dieser Mittel. Eine Möglichkeit dazu wäre die Kopplung der Auszahlung an das verpflichtende Führen einer Pflegemappe, schlägt Ziegler vor: „In ganz Österreich gibt es ganz unterschiedliche Modelle, wie mobile Pflege dokumentiert wird. Leider bleiben diese Initiativen meist auf eine Region beschränkt.“ In Oberösterreich wird es demnächst eine einheitliche Pflegemappe geben, die das Rote Kreuz entwickelt hat. Alle Anbieter werden diese nutzen. In einer Ringmappe, die beim Betroffenen bleibt, werden alle Maßnahmen der pflegerischen, therapeutischen und sozialen mobilen Begleitung dokumentiert. „Es wird auch Einlageblätter geben, mit denen prägnante Informationen von Arzt zu Arzt unterstützt werden, vor allem wenn es um Vertretungs- und Notfallvisiten geht“, erklärt Ziegler. Bei der Dokumentation ginge es „nicht um das Verfassen von Romanen“. Sinn der Sache sei die bessere Weitergabe von Informationen zwischen den verschiedenen Diensten, Therapeuten und Ärzten bzw. auch der Nachbarschaftshilfe. Besonders wichtig ist für den Allgemeinmediziner „das Festhalten der wesentlichen Handlungen“. Dies könnte die Kontrolle erleichtern, ob das Pflegegeld auch wirklich im Sinn des Betroffenen zum Einsatz kommt. Laut Judit Marte, Leiterin des Referats für Sozialpolitik der Caritas Österreich, beschränkt sich der Missbrauch von Pflegegeld auf Einzelfälle: „Wenn der Eindruck entsteht, dass Geldleistungen bei Betroffenen nicht eintreffen, kann auch der Arzt Schritte zu einer Umwandlung in Sachleistungen einleiten.“ Marte sieht die Valorisierung als „längst überfälligen Schritt“. Trotzdem wäre vor allem in den höheren Pflegestufen eine weitere Anpassung nötig, auch wenn das Pflegegeld nur ein Beitrag zur Finanzierung der Pflege ist.

Psychische Beeinträchtigungen haben zu wenig Gewicht

Ziegler und Marte sind sich einig, dass im jetzigen, relativ starren System der Bewertung der Pflegestufen „psychische Beeinträchtigungen zu wenig Gewicht haben“. Ziegler denkt dabei vor allem an Menschen mit Demenz. „Bei dieser Zielgruppe wird das Pflegegeld oft zu gering angesetzt“, pflichtet Marte bei. Gründe dafür seien mangelndes Wissen über Demenzerkrankungen und deren rechtzeitiges Erkennen sowie das Verhalten der Bertoffenen. „Diese stellen ihre Situation - oft auch aus Scham – immer wieder in einem wesentlich besseren Licht dar, als es der Realität entspricht“, so Marte. Auf eine Lösung warten aber noch weitere offene Punkte. „Nach wie vor sind kaum Ansätze auf sozial- und gesundheitspolitischer Ebene erkennbar, um das Problem der 24-Stunden-Betreuung im mobilen Bereich anzugehen“, so Marte. In vielen, vor allem in dezentral gelegenen Regionen gebe es große Lücken sowohl im mobilen, teilstationären als auch stationären Bereich. Die Caritas-Mitarbeiterin plädiert außerdem für „einen Rechtsanspruch auf ein gewisses Paket an Pflegeleistungen“. Dieses sollte auch Maßnahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger enthalten, z.B. Weiterbildung und die Möglichkeit, Urlaub zu machen.

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