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Gesundheitspolitik 21. Februar 2006

Kasse zahlt „Schmalspur“-Vorsorge in Apotheken

Die neue Apotheken-Vorsorgeaktion „10 Minuten für meine Gesundheit“ konterkariert die ärztliche Gesundenuntersuchung. Die Gebietskrankenkassen unterstützen finanziell.

„Bereits der von den Apotheken gewählte Titel für die Aktion ist bezeichnend für den Wert dieser Kampagne“, kommentiert Dr. Norbert Jachimowicz von der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien und Mitverhandler der seit ungefähr einem Jahr in Kraft befindlichen Gesundenuntersuchung Neu. In zehn Minuten werden lediglich Bauchumfang, Cholesterin, Blutdruck, Gewicht und Blutzucker gemessen. „Jedem muss klar sein, dass ein solches Schmalspurprogramm nicht einmal annähernd verglichen werden kann mit einem kompletten ärztlichen Vorsorgecheck, wie er in den Arztpraxen angeboten wird“, so Jachimowicz. Die ganze Apothekenaktion sei daher aus ärztlicher Sicht mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Der Allgemeinmediziner vermutet, dass es bei der Aktion auch weniger um den tatsächlichen Vorsorgegedanken, sondern vielmehr um eine Verkaufsanbahnung für OTC-Produkte gehe: „Es bleibt den Apotheken unbenommen, Marketingstrategien zu forcieren, um ihre Tees, Nahrungszusätze, und was auch immer an den Kunden zu bringen. Diagnostische Parameter mit den damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Patienten dürfen dafür aber auf gar keinen Fall herhalten.“

Evidence based nur für Ärzte?

Unterstützt wird die Aktion von Gesundheitsministerium und Gebietskrankenkassen bzw. der Stadt Wien. Auch das ärgert Jachimowicz: „Seit Jahren werden uns vom Ministerium und der Sozialversicherung Schlagwörter wie Evidence-based Medicine vorgehalten. Nach diesen Kriterien muss alles in den Arztordinationen ablaufen. Die Apotheken hingegen dürfen völlig unevaluiert und nach eigenem Gutdünken diagnostische Verfahren anbieten.“ Und noch eine Brisanz enthält die Apotheken-Aktion. Sowohl die Wiener als auch die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse unterstützen die Testreihen mit zwei Euro pro Kunden. Angesichts der laufenden Honorarverhandlungen für Wien kann die Ärztekammer dafür kein Verständnis aufbringen. „Wenn die Wiener GKK den Apotheken zwei Euro pro Versichertem dafür zahlen kann, ist für uns klar, dass es kein besonderes Problem sein wird, auch für uns die Fallpauschale um zwei Euro zu erhöhen“, heißt es in einer Mail-Aussendung der Standesvertretung an die Wiener Ärzte. „Oder will man die Apotheker besser behandeln als uns Ärzte?“

Krankenkasse auf Abwegen?

Jachimowicz hält der GKK vor, dass diese Aktion nicht einmal annähernd etwas mit den Kernauf-gaben einer Krankenkasse zu tun habe. Für die Ärztekammer sei dies einmal mehr Indiz dafür, dass für einen neuen Kassenvertrag in Wien entgegen anders lautenden Aussagen von Seiten der Krankenkasse genügend Geld vorhanden sein müsste, um auch in Zukunft eine flächendeckende bestmögliche medizinische Versorgung in Wien zu ermöglichen. „Gerade in Hinblick darauf, dass die Wiener Gebietskrankenkasse offensichtlich über so große finanzielle Reserven verfügt, um auch Marketingstrategien in den Apotheken finanzieren zu können, wird die Wiener Ärztekammer in den Vertragsverhandlungen konsequent bei der eingeschlagenen Linie bleiben“, betont der Kurienvertreter. „Wir werden weiterhin vehement und im Sinne der Patienten für eine bestmögliche extramurale ärztliche Versorgung eintreten.“

Immer öfter ohne Ärzte

Dass weder Apothekerkammer noch Wiener GKK auf die Idee gekommen sind, die Ärzteschaft einzuladen, „sind wir ja schon gewöhnt“, heißt es im Infomail der Ärztekammer. „Anscheinend spielen die Ärzte in der Vorsorgemedizin in den Augen dieser Einrichtungen keine Rolle mehr.“ Und dass bei den Apothekern medizinische Evidenz und Sinnhaftigkeit eines Vorsorge-Programms nicht von Belang seien, „verwundert nicht mehr wirklich“. „Jedem muss klar sein, dass ein solches Schmalspurprogramm nicht einmal annähernd verglichen werden kann mit einem kompletten ärztlichen Vorsorgecheck, wie er in den Arztpraxen angeboten wird“, betont Jachimowicz. Die Apothekenaktion sei daher aus ärztlicher Sicht mit einem großen Fragezeichen zu versehen.

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