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Gesundheitspolitik 14. Februar 2006

Psychosoziale Krankheiten nehmen zu

In Oberösterreich wurden umfassende Daten zur Häufigkeit und zu den Auswirkungen psychosozialer Erkrankungen gesammelt. Zur Früherkennung, vor allem zur Suizidprävention, können Allgemeinmediziner entscheidend beitragen.

Der Großteil psychischer Erkrankungen hängt eng mit sozialen Problemen zusammen, oft entsteht ein Teufelskreis. Einerseits können viele psychische Störungen durch Problemsituationen ausgelöst und verstärkt werden, andererseits ziehen psychische Beeinträchtigungen häufig soziale Problemlagen, unter anderem am Arbeitsmarkt, nach sich. Bei Arbeitssuchenden ist die Wahrscheinlichkeit für einen Spitalsaufenthalt doppelt so hoch wie in der Normalbevölkerung. „Ebenso ist zu wenig bewusst, dass Kinder aus solchen Familien mit höherer Wahrscheinlichkeit krank werden bzw. ein höheres Risiko, zum Beispiel für Suchtkrankheiten, haben“, nennt Prim. Dr. Werner Schöny, Leiter der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, Ergebnisse der Erhebung. Gesundheitliche Konsequenzen hat auch die Art des Beschäftigungsverhältnisses. Beispielsweise kommen bei ArbeiterInnen signifikant häufiger Krankenhausaufenthalte aufgrund von affektiven Störungen vor als bei Angestellten. Auch dies zeigen die kürzlich vom „Institut für Gesundheitsplanung“ erhobenen Daten zur psychosozialen Gesundheitssituation im Land ob der Enns. „Psychosoziale Krankheiten und deren massive, auch volkswirtschaftlich negativen Konsequenzen sollten deutlich ernster genommen werden“, fordert Schöny. Dies würden auch die aktuellen Daten unterstreichen. So habe sowohl bei Krankenstandstagen als auch frühzeitigen Pensionierungen die Bedeutung psychosozialer und psychiatrischer Probleme als Auslöser massiv zugenommen.

Anamnese der Lebenssituation

Das Land Oberösterreich hat sich als eines von zehn Gesundheitszielen die Reduzierung der mit psychosozialen Krankheiten eng zusammenhängenden Suizidrate um mindestens ein Drittel vorgenommen. „Ein mutiges Ziel“, so Schöny. Dafür sind in ganz Österreich vor allem die Hausärzte als erste Ansprechpartner gefragt. „Bei jedem vierten Patienten, der zum Allgemeinmediziner geht, stecken psychische Symptome und/oder psychosoziale Probleme dahinter“, berichtet Schöny. Deshalb sollten bei der Anamnese die Lebensbedingungen der Patienten ausreichend Raum bekommen. Eine Verbesserung der Voraussetzungen dafür müsste schon bei der Ausbildung der Ärzte ansetzen, „wo die psychischen Komponenten im Vergleich zu den somatischen Inhalten leider nach wie vor eine marginale Bedeutung haben“, kritisiert Schöny. Gleichzeitig müssten sich die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen ändern. „Das ärztliche Gespräch ist massiv unterdotiert, ganz zu schweigen von psychosomatischen oder psychotherapeutischen Interventionen“, so der Psychiater.

Schulung für Suizidprävention

Die bei Investitionen bevorzugte Apparatemedizin bringe bei psychischen Erkrankungen kaum Unterstützung. Wertvoll wäre hin-gegen, Menschen darin zu schulen, Warnsignale für einen Suizid bei sich und anderen zu erkennen und darauf zu reagieren. In den aktuell gesammelten Daten spiegelt sich auch das soziale Stigma für Menschen mit psychiatrischen und/oder psychosozialen Problemen wider. Schöny: „Viele dieser Störungen werden nicht als Krankheit anerkannt oder die Betroffenen oft als grundsätzlich gefährlich oder gewalttätig ein-gestuft, obwohl dies nur auf eine sehr kleine Minderheit zutrifft.“ Außerdem fehlten in den erhobenen Zahlen jene Personen, die nicht in Spitälern oder durch Krankmeldungen erfasst werden. „Deshalb“, so Schöny, „ist eine bewusste Wahrnehmung Suizid-gefährdeter Menschen durch Hausärzte besonders wertvoll.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 7/2006

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