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Gesundheitspolitik 1. Februar 2006

Zahl der Berufskrankheiten steigt

Die Früherkennung von Berufserkrankungen scheitert oft auch daran, dass die Betroffenen aus Angst vor Folgen Symptome verschweigen. Daraus resultiert eine hohe Dunkelziffer. Arbeitsmediziner bauen in der Früherkennung auf die Unterstützung durch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen.

Die Zahl der von der AUVA neu anerkannten Berufskrankheiten ist im Jahr 2004 auf etwa 1.100 gestiegen. „Das liegt auch daran, dass mehr Betroffene ihre Krankheit melden. Allerdings ist die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher als die von der AUVA gemeldeten Zahlen“, erklärt Dr. Solveig Fiedler. Die Arbeitsmedizinerin und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (GAMED) ist im Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft Leiterin der Abteilung für Arbeitsmedizin und Arbeitsinspektorate. Konkret gestiegen ist die Zahl der Gehörschäden durch Lärm-einwirkung, wobei überwiegend Männer betroffen sind. Gehörschäden machen 40 Prozent der anerkannten Berufskrankheiten aus, an zweiter Stelle folgen mit 25 Prozent Hauterkrankungen, die sich gleichermaßen auf Männer und Frauen verteilen.

Auffällige Branchen

Gestiegen ist auch die Zahl der Atemwegserkrankungen, wobei sich in den AUVA-Daten die langfristigen Auswirkungen der Arbeit mit Asbest zeigen. Am häufigsten sind Berufskrankheiten in der Metallbranche, im Maschinen- und Fahrzeugbau, Bauwesen sowie im Gesundheits- und Sozialwesen (vor allem Hepatitis). Einen Grund für die Steigerung der Zahlen sieht Fiedler „in der verstärkten Dichte der Arbeit: Alles muss schneller und besser gehen“. Ständiger Druck am Arbeitsplatz sei auch ein Auslöser von verstärkt auftretenden psychischen Symptomen und psychosozialen Problemen. Fiedler richtet einen Appell „vor allem an niedergelassene Ärzte, der Arbeitsanamnese ausreichend Raum zu geben“. Dabei sollte nicht nur nach dem Beruf, sondern auch nach den konkreten Tätigkeiten gefragt werden bzw. nach Stoffen, mit denen jemand regelmäßig in Berührung kommt.

Begründeter Verdacht genügt

„Viele Menschen haben Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und verschweigen deshalb Symptome oder verweisen nicht auf Zusammenhänge mit dem Berufsleben“, erklärt die Arbeitsmedizinerin. Als Grundlage für eine Meldung an die AUVA reiche schon der begründete Verdacht. „Der Arzt muss nicht zum Toxikologen mutieren, aber er kann auf mögliche Zusammenhänge zwischen Belastungen am Arbeitsplatz und Symptomen hinweisen“, so Fiedler. Nach der Meldung führen in den Arbeitsinspektoraten tätige Arbeitsmediziner Begehungen durch, der Name des bzw. der Betroffenen bleibt anonym. „Geprüft wird, ob sich die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz ändern lassen“, erklärt Fiedler. „Viele Maßnahmen unterbleiben aufgrund fehlenden Wissens oder einer ausbleibenden Gefahrenanalyse vor Ort.“ Eng zusammengearbeitet wird mit den Arbeitsmedizinern im Betrieb. Die 13 Arbeitsmediziner der Arbeitsinspektorate besuchen Betriebe auch prophylaktisch, vor allem in jenen Branchen, wo die höchsten Quoten an Berufskrankheiten zu finden sind. „Immer mehr Betriebe nehmen unsere Tätigkeit als Unterstützung wahr“, berichtet Fiedler.

Die Krux mit dem Kreuz

Dem niedergelassenen Arbeits- und Allgemeinmediziner Dr. Karl Hochgatterer, zugleich Vorstandsmitglied der GAMED, ist ein Aspekt in Bezug auf berufsbedingte Erkrankungen wichtig: „Diese sind schwer quantifizierbar. Aber in durchschnittlichen Unternehmen ist zum Beispiel etwa ein Drittel der Krankenstände auf Probleme mit dem Stütz- und Bewegungs-apparat zurück zu führen. Das kann bis zu 18 Tage Ausfall vom Arbeitsplatz bedeuten.“ Hochgatterer nimmt sowohl bei diesen Ursachen als auch bei Atemwegserkrankungen eine steigende Tendenz wahr: „Die meisten Arbeitnehmer sind in kleineren Betrieben tätig. Diese kommen – leider auch nur zu einem kleinen Teil – erst seit wenigen Jahren mit der Arbeitsmedizin in Berührung.“ Dennoch gebe es in einigen Bereichen bessere Raten bei der Früherkennung von Symptomen. Ärzte sollten sich der großen Chance und Wichtigkeit von gesundheitsfördernden Maßnahmen in Betrieben bewusst sein, beispielsweise in Form von Bewegungsprogrammen.

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