zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 17. Jänner 2006

Marode Jungmänner als Alarmsignal

Tauglich oder untauglich? Bereits jeder Fünfte, der zur Stellungskommission für den Zivil- oder Präsenzdienst kommt, wird aufgrund gesundheitlicher Probleme „ausgemustert“. Das Gesundheitssystem sollte darauf reagieren.

Von den über 46.300 Jungmännern des Jahrgangs 1986, die von 2003 bis 2005 zur Stellungskommission kamen, waren 7.800 oder rund 17 Prozent für den Zivil- oder Präsenzdienst „untauglich“. Zum Vergleich: 1992 waren das von 45.000 Stellungspflichtigen nur 5.000 oder 11,4 Prozent.

Gründe für die Ausmusterung

„Meist sind nicht einzelne Symptome der Grund für die zeitlich limitierte oder unbegrenzte Ausmusterung, sondern eine Kombination mehrerer Faktoren“, berichtet Brigadier Dr. Wolfgang Gerl, der als Arzt im Bundesministerium für Landesverteidigung unter anderem für die Arbeit der Stellungskommissionen zuständig ist. Die aktuellen Zahlen wertet er als Spiegel eines allgemeinen Trends in der Bevölkerung. Vor allem mit dem Lebensstil assoziierte Symptome und Krankheiten nehmen zu, also Adipositas, Allergien, Probleme des Bewegungsapparats, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Bei den primären Gründen für Untauglichkeit liegen Einschränkungen des Gehörs mit 15,6 Prozent an zweiter Stelle. An der Spitze rangieren „seelische Störungen“ mit 17,8 Prozent. Auch wenn unter diese „Diagnose“ laut Definition der Stellungskommissionen auch „schlechte Deutschkenntnisse“ fallen, sticht diese Zahl heraus. Besonders auffällig ist die hohe Zahl der Männer mit Anpassungsstörungen. „Dies hängt“, so Gerl, „vermutlich auch mit den oft hohen Belastungen in Schule oder Berufsleben zusammen.“ Außerdem seien massive Veränderungen und Schwierigkeiten in der Herkunftsfamilie Auslöser. Für Prim. Dr. Werner Leixnering, Leiter der Jugendpsychiatrie an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, spiegeln sich in den Daten der Stellungskommissionen die Zahlen der WHO wider. Demnach ist etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung von psychiatrischen Symptomen und/oder psychosozialen Problemen betroffen. Gerl weist darauf hin, dass bei der Musterung viele Erstdiagnosen gestellt werden, etwa Herzrhythmusstörungen, Diabetes oder eben psychische Probleme: „Am Ende der Adoleszenz wird oft erstmals nach vielen Jahren wieder eine gründliche Vorsorgeuntersuchung vorgenommen.“ Viele Symptome könnten deutlich früher erkannt und darauf entsprechend reagiert werden, z.B. durch regelmäßige Untersuchungen in der Schulzeit, in Ausbildungsstätten oder Unternehmen. Vor allem bei psychiatrischen oder psychosozialen Problemen hat laut Leixnering die Früherkennung eine besondere Bedeutung.

Hilfe für die Untauglichen

Die Untersuchungsergebnisse der Stellungskommission werden mit den Männern unmittelbar vor Ort besprochen. „Die dort tätigen Ärzte bieten auch Informationen an, wo Unterstützung bzw. eine spezifische Behandlung möglich ist“, berichtet Gerl. Manchmal komme es auch – in Absprache mit dem jeweils Betroffenen – zu einem direkten Kontakt mit dem behandelnden Arzt. Gerl kann sich vorstellen, „dass ein intensiverer sowie institutionalisierter Dialog und Erfahrungsaustausch mit Ärzten aus dem intra- und extramuralen Bereich für beide Seiten und die Gesundheitspolitik insgesamt einen Nutzen bringen könnte“. Diese Überzeugung bestätigt Leixnering und wünscht sich, dass die erhobenen Daten nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden: „Gerade für Allgemeinmediziner und Pädiater wären diese ein Signal, gezielter auf Anpassungsstörungen zu achten.“ Dies gelte genauso für heranwachsende Frauen. Der Trend bei den Stellungskommissionen würde die Forderung untermauern, „die psychische Gesundheit stärker als bisher in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken und deutlich mehr in die Prophylaxe zu investieren“, so Leixnering.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben