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Gesundheitspolitik 10. Jänner 2006

Engagierte Ärzte als Lückenbüßer

Trotz aller Beteuerungen der Regierung weist das soziale Netz in punkto Gesundheitsversorgung viele Lücken auf. Diverse Einrichtungen und motivierte Ärzte können dieses Manko zumindest zum Teil kompensieren.

„Ich stamme selbst aus einer Bauernfamilie – in meinem Umfeld gab und gibt es viele, die sich den Arzt nicht leisten können“, berichtet Dr. Heidemarie Degendorfer-Reiter. Die Allgemeinmedizinerin ist als Wahlärztin in Wien tätig, ihr Schwerpunkt sind Essstörungen. Ehrenamtlich leitet sie „Amber“, ein ambitioniertes Projekt der Diakonie (siehe Kasten). „Auch Ärzten ist oft nicht bewusst, dass viele Menschen kurz- oder langfristig keine Krankenversicherung haben“, so Degendorfer-Reiter.

Teufelskreis

Armut Menschen, die armutsgefährdet sind oder in Armut leben, sind häufiger und länger krank und gehen seltener zum Arzt. Dabei spielt die Angst vor Stigmatisierung mit, auch aufgrund einschlägiger Erfahrungen. Dass trotz Neuregelung viele der über 100.000 Sozialhilfeempfänger kein Anrecht auf die e-Card haben, verschärft diese Situation. Außerdem gibt es noch etwa 160.000 Personen, die überhaupt keine Kranken- und Pensionsversicherung haben. „Das sind zum Beispiel geringfügig Beschäftigte, die sich selber versichern müssten, aber lieber zuerst die Miete als die Krankenversicherung zahlen“, berichtet Martin Schenk, Koordinator der „Armutskonferenz“ (www.armut.at). Das sind auch Arbeit-suchende ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld und die damit verbundene soziale Absicherung.

Alleinerzieherinnen und psychisch Kranke

Immer größer wird auch die Zahl von Frauen aus gescheiterten Ehen, die ohne Absicherung dastehen, darunter viele Alleinerzieherinnen. „Eine weitere Gruppe sind Menschen mit psychischen Krankheiten, die oft lange Zeit Termine nicht rechtzeitig wahrnehmen können“, führt Schenk weiter aus. In diesen Personengruppen seien viele, die nicht den Mut hätten, Sozialhilfe zu beantragen. Gründe dafür sind aus Schenks Erfahrung „Scham, Schikanen am Sozialamt und Angst vor Armutsverfestigung“. Neben „Amber“ bieten in Österreich auch andere Einrichtungen kostenlose medizinische Betreuung. Beispiele dafür sind das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien und die Marien-Ambulanz der Caritas in Graz (Infos im Web: www.aima.at). „Die Initiative niedergelassener Ärzte ist insbesondere in Regionen abseits der Zentren gefragt“, betont Degendorfer-Reiter. „Wir haben als Ärzte auch einen sozialen Auftrag. Vor allem am Land erfahren Hausärzte als Erste, wenn jemand in eine schwierige soziale oder psychische Situation kommt. Diese Menschen sollten ernst genommen werden.“ Die Allgemeinmedizinerin plädiert an die Kollegenschaft, sich für Betroffene Zeit zu nehmen, „auch wenn dahinter kein Entgelt wartet“. „Die Lücken im Krankenversicherungsschutz könnten durch die Einbindung bedürftiger Nichtversicherter über die Sozialhilfe geschlossen werden“, meint Schenk. Dabei müssten sämtliche Nichtversicherte einen Status als Selbstversicherte in der Krankenhilfe erhalten. Notwendig dafür wäre ein Rahmenvertrag zwischen Gebietskrankenkasse und Ländern mit Unterstützung des Bundes. „Momentan sagt jeder über den anderen, er sei zuständig, ohne eine gemeinsame Vorgangsweise in Betracht zu ziehen“, bedauert Schenk. Mit einer derartigen Verein- barung könnte ein Paradigmenwechsel vom Almosencharakter der Sozialversicherung geschehen. Das bedeute unter anderem auch Förderung von Projekten für Arbeitssuchende, Menschen mit psychischen Krisen, Jugendliche und alleinerziehende Frauen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 1/2006

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