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Gesundheitspolitik 19. Dezember 2005

Leitlinien-Kompendium für Allgemeinmediziner

Einen umfassenden Überblick über das gesicherte medizinische Wissen auf der Grundlage internationaler Evidenz bietet das von der Österreichischen Ärztekammer diese Woche vorgestellte erste deutschsprachige Standardwerk.

„Das vom Verlagshaus der Ärzte herausgegebene Leitlinien-Kompendium ist ein wichtiger Schritt in der medizinischen Qualitätssicherung, der für die Wissensvermittlung und -erschließung in der ärztlichen Aus- und Fortbildung unverzichtbar ist“, kommentierte der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Reiner Brettenthaler, das 1.472 Seiten umfassende Standardwerk. „Damit bekommen Allgemeinmediziner einen umfassenden Überblick über das gesicherte medizinische Wissen zu 900 der häufigsten Diagnosen und Therapien.“
Dass es sich dabei nicht um eine obligatorische Anleitung handelt, die vom Arzt unreflektiert und stur einzuhalten sei, betonte der Bundesobmann der niedergelassenen Ärzte, Dr. Jörg Pruckner. „Es geht um den rationalen Einsatz eines Hilfsmittels, das eine konkrete Entscheidung in einem konkreten Einzelfall nicht vorwegnehmen kann. Es entbindet den Arzt nicht von der Verantwortung, die Patienten ganzheitlich im Kontext mit allen ihren physischen, psychischen und sozialen Befindlichkeiten zu behandeln.“ Eine Absage erteilten die beiden Standesvertreter den in Österreich vermehrt Platz greifenden politischen Bestrebungen, ärztliche Therapie-Handlungen für den Einzelfall durch Gesetze und Verordnungen vorzuschreiben. Dieser Trend zur Kochbuchmedizin sei „ein verhängnisvoller Irrweg“.
Die vom Verlagshaus der Ärzte diese Woche herausgegebenen EBM-Guidelines sind ein sicht­bares Zeichen des „ethisch vorgegeben, autonomen ärztlichen Strebens nach laufender Aktualisierung der medizinischen Praxis“, ist ÖÄK-Präsident Dr. Reiner Brettenthaler überzeugt. Sie seien allerdings kein Dogma, dem der Arzt blind zu folgen habe. Das erste deutschsprachige Standardwerk solle vielmehr eine entscheidende Unterstützung im Praxisalltag, nicht jedoch eine strikte Anleitung sein. Die konkrete Therapie werde daher manchmal von den Empfehlungen abzuweichen haben, um dem persönlichen Zustands- und Risikoprofil eines Patienten gerecht zu werden. Der Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Dr. Jörg Pruckner, sieht in den Guidelines den „Ausdruck moderner, gelebter und angewandter Medizin“. Die Österreichische Ärztekammer habe das Projekt gefördert, um den Ärztinnen und Ärzten in der Praxis zeitgemäße Orientierungshilfen zur Verfügung zu stellen“. Die rasche Entwicklung der Medizin und die Explosion der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten erforderten neue Formen der Evidenzhaltung.

Elektronische Version geplant

Deshalb sei vom Verlagshaus der Ärzte in weiterer Folge geplant, die nunmehr in Buchform vorliegende Ausgabe so rasch wie möglich durch eine elektronische zu ergänzen und zu ersetzen. Damit werde der Dynamik und Globalität des Fortschrittes eher Rechnung getragen. Der kontinuierliche und rasche Anpassungsprozess der Leitlinien werde auf Basis der nun vorliegenden Printversion über das ärzteeigene Gesundheits-­Informationsnetz mit Ende 2006 vom Verlagshaus der Ärzte zur Verfügung gestellt. Pruckner wies in der Folge darauf hin, dass die vorliegenden Leitlinien einen Durchbruch im mitteleuropäischen und deutschsprachigen Raum darstellten: ­„Österreich nimmt mit der Realisierung dieses Projektes einmal mehr eine Vorreiterrolle in der ­medizinischen Welt ein.“

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