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Gesundheitspolitik 30. November 2005

Privatuniversität für Psychotherapie

Prof. Dr. Alfred Pritz kann wohl mit einigem Recht als Vater des österreichischen Psychotherapiegesetzes bezeichnet werden. Nun setzt er wieder neue Akzente – als Rektor der neu gegründeten Sigmund-Freud-Privatuniversität für Psychotherapie in Wien.

Die Sigmund-Freud-Privatuniversität für Psychotherapie in Wien ist die elfte Privatuniversität in Österreich. Erst im Oktober dieses Jahres hat sie ihren Lehrbetrieb aufgenommen. Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, systemische Familientherapie, Gestalttherapie sowie Forschung auf dem Gebiet der „Mensch-Tier-Beziehungen“ stehen unter anderem für die etwa 200 Studenten auf dem Programm. Zur Theorie kommt aber auch die Praxis: Es gibt Selbsterfahrungskurse und eine eigene Ambulanz, die ihren Schwerpunkt auf Randgruppen, wie etwa alte Menschen, setzen möchte. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Alfred Pritz über Zielsetzung und Pläne des Rektorats.

Die Sigmund-Freud-Privatuniversität ist die erste Psychotherapie-Universität nicht nur in Österreich, sondern weltweit. Gingen der Gründung lange Diskussionsprozesse voraus?
Pritz: Ja, es gab enorme Diskussionen, auch mit den Gegnern dieses Projekts. Uns ging es zum einen darum, die Eigenständigkeit der Psychotherapie als wissenschaft-liche Disziplin zu betonen, zum anderen auch darum, das Gute der bisherigen Psychotherapieausbildung mit dem Guten des Akademischen zu verbinden.

Warum eine Privatuniversität und warum nicht die Einbindung in die staatlichen Universitäten?
Pritz: Wir haben jahrelang versucht, an der staatlichen Universität eine ähnliche Ausbildung zu etablieren, aber der Senat der Wiener Universität hat immer nur Nein gesagt. Also standen wir vor der Alternative: Entweder wir warten bis ans Lebensende oder wir tun etwas. Und wir haben uns für das Tun entschieden.

Sie bieten Ihren Studenten auch Selbsterfahrungskurse an. Nun heißt es oft: Wer Psychotherapie studiert, möchte in erster Linie mit sich selbst ins Reine kommen. Ein Vorurteil?
Pritz: Das ist kein Vorurteil. Und wir wollen auch solche Menschen, die mit sich selber ins Reine kommen möchten. Es studieren ja viele andere Fächer, auch zu dem Zweck, mit sich ins Reine zu kommen, doch das gelingt ihnen nicht, weil ihnen die Möglichkeit zur Selbsterfahrung nicht angeboten wird. Ich finde, diese Möglichkeit sollte all jenen angeboten werden, die kommunikationsgesteuerte Berufe lernen: also künftigen Ärzten, Lehrern, Krankenschwestern, Polizisten. Wir sind hier wahrscheinlich auch ein Stück weit Vorreiter.

Im Lehrangebot Ihrer Universität sind die unterschiedlichsten Psychotherapie-Schulen vertreten. Sollte man nicht die Spreu vom Weizen trennen?
Pritz: Das ist ja gerade die zentrale Aufgabe einer Universität: Spreu und Weizen zu untersuchen und zu bewerten. Wir betreiben wissenschaftliche Forschung, die wollen wir auch gerade jenen Schulen angedeihen lassen, die noch auf einer sehr schmalen wissenschaftlichen Basis stehen, beispielsweise den verschiedenen Körpertherapien.

Jung und Freud haben sich im Streit getrennt und sind eigene Wege gegangen. Heute wird nach beiden Schulen gearbeitet. Und das mit Erfolg. Wie ist das zu erklären? Man sollte doch meinen, entweder stimmt die eine oder die andere Richtung.
Pritz: Dieses Phänomen lässt sich mittlerweile ganz gut erklären. Für den therapeutischen Effekt ist nicht in erster Linie die Schule entscheidend, sondern die therapeutische Beziehung. Die Schule ist nicht mehr als ein Konzept, das der Therapeut anwendet. Wir wissen, dass es in allen Therapie-Schulen gemeinsame Faktoren gibt, die für den therapeutischen Erfolg letztlich entscheidend sind. Beispielsweise sind das ein hohes Ausmaß an Empathie, Respekt vor dem Patienten, Flexibilität des Therapeuten und Wissen über psychopathologische Phänomene. Die schulische Weltanschauung ist für den Therapeuten nur insofern wichtig, als diese für ihn ein inneres Ordnungsmodell darstellt, an dem er sich in der Arbeit mit dem Patienten orientieren kann. Es ist auch bekannt, dass sehr viele Patienten nicht einmal wissen, welche Methode der Therapeut anwendet. Sie wissen nur, er spricht mit mir. Und das genügt erst einmal.

Wie sieht es mit den Berufschancen der von Ihnen ausgebildeten Psychotherapeuten aus? Besteht ein Bedarf nach Hilfe, vielleicht sogar ein größerer als früher?
Pritz: Der Bedarf hat immer bestanden, nur die psychotherapeutische Verfügbarkeit gab es nicht. Freud hat die Psychotherapie einmal „weltliche Seelsorge“ genannt, und die wollen wir anbieten.

Nun heißt es aber auch, dass neues Angebot neuen Bedarf weckt.
Pritz: Das ist richtig. Aber wenn man sich das heutige Ausmaß an Angststörungen und Depressionen anschaut, so übersteigt die Not bei weitem noch das Angebot.

War das früher anders?
Pritz: Früher gab es andere psychische Störungsbilder. Die klassische Hysterie, wie sie zu Charcots Zeiten existiert hat, gibt es heute nicht mehr. Aber das Problem der Lebensbewältigung bleibt und erzeugt immer wieder psychosoziale Spannungen.

Sie sind außerdem noch Präsident des Weltverbands der Psychotherapeuten. Bleibt da überhaupt noch Zeit für das individuelle psychische Leid?
Pritz:Meine Hauptarbeit ist und bleibt die therapeutische. Ich bin zuerst einmal Psychotherapeut, und die Verbandsarbeit ist sozusagen ein Hobby. Als Rektor der neuen Universität bin ich jetzt allerdings gezwungen, meine Praxis etwas einzuschränken. Aber ich werde immer mit Patienten arbeiten, sonst verliert man den Kontakt zum Eigentlichen. Und das will ich nicht.

Das Gespräch führte

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 48/2005

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