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Gesundheitspolitik 29. November 2005

„Den Teufelskreis durchbrechen!“

Die heutigen vorgehaltenen intra- und extramuralen Ressourcen entsprechen nicht dem tatsächlichen Bedarf nach Krankheitsbildern. Durch eine bedarfsgerechte Umverteilung unter Einbeziehung aller medizinischen Dienstleister könnte die Versorgungsqualität bei gleichzeitiger Kosteneinsparung optimiert werden. Vor diesem Hintergrund baut die Österreichische Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie (ÖGO) derzeit Modellgruppen auf, die in etwa einjährigen Pilotprojekten Erfahrungen sammeln sollen.

Mit dem „Österreichischen Strukturplan Gesundheit 2005“ (ÖSG) liegt sowohl eine Beschreibung des Ist-Zustandes (2002) als auch eines Plan-Zustandes (2010) vor, der durch ein Simulationsmodell, das die demographische Entwicklung berücksichtigt, gegeben ist. Neu an dieser vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheits-wesen (ÖBIG) erarbeiteten Analyse ist, dass erstmals die Bedarfsentwicklung nicht nach Krankenhausbetten berechnet wurde, sondern nach Krankheitsbildern. Daraus wird ersichtlich, dass es für Unfallchirurgie, Innere Medizin, Chirurgie und Gynäkologie/Geburtshilfe ein extremes Überangebot gibt. Hingegen herrscht für Akutgeriatrie/Remobilisation, Neurologie, Orthopädie und Palliativmedizin ein extremes Unterangebot.„Ohne Ressourcenverlagerung wird jede Gesundheitsreform scheitern. Heute falsch vorgehaltene Ressourcen in den Strukturen der Krankenhäuser und im niedergelassenen Facharztbereich haben nachhaltige Auswirkungen auf die Qualität der medizinischen Versorgung von morgen“, heißt es in einer Stellungnahme der ÖGO.

Konkrete Lösungsvorschläge

Aus diesen Gründen hat sich die ÖGO diesem Thema speziell gewidmet und als einzige Fachgesellschaft eine flächendeckende Strukturbedarfserhebung gemacht, Lösungsmodelle zur langfristigen Ressourcenverlagerung entwickelt und diese Vorschläge an die Bundesländer gesandt (Kasten). Darin enthalten sind die langsame Personalumverteilung durch das Nichtnachbesetzen von Stellen sowie die Korrektur der Ausbildungsschlüssel nach dem Bedarf in zehn Jahren und nicht nach Krankenhausbetten für das jeweilige Fach. Weiters soll die Spezialisierung einzelner Standorte hohe Qualitätsstandards gewährleisten. Prof. Dr. Martin Krismer, Vorstand der Univ.-Klinik für Orthopädie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und Präsident der ÖGO: „Es muss nicht jedes Gebiet in jedem Krankenhaus angeboten werden, zum Beispiel Kinderorthopädie.“ Ein weiteres Qualitätskriterium sei die Mindestfrequenz für operative Eingriffe und Hauptdiagnosen. Die ÖGO erwartet sich in diesen Belangen Vorgaben von Seiten der Politik.

Bessere Ausbildung für Allgemeinmediziner

Jede zehnte Konsultation im Krankenhaus und jede fünfte im niedergelassenen Bereich erfolgt aufgrund einer orthopädischen Beschwerde, dies entspricht einem Marktanteil von zwölf bis 20 Prozent. „Dennoch ist Orthopädie ein Wahlfach und nicht im Turnus vorgesehen, wodurch Allgemeinmediziner auf diesem Gebiet keine gute Ausbildung erhalten“, kritisiert Krismer. Eine zentrale Säule in dem Modellprojekt „lernende Organisation“, das von der ÖGO entwickelt wird, sieht daher die verbesserte Ausbildung der niedergelassenen Ärzte sowie die anschließende Integration in Schulungsnetzwerke vor. Die Pilotierung dieser Modellprojekte soll ein Jahr dauern, dann erste Ergebnisse liefern und nach etwaigen Adaptierungen darüber hinaus weiter bestehen. Die ÖGO ist bereit, die Ergebnisse zu bündeln und zu Standards zu verarbeiten. „Teuer ist nur die Dokumentation“, so Krismer. Daher wird eine Vereinfachung der Dokumentation vor allem für die niedergelassenen Praxen erforderlich sein. Weitere Reformvorschläge der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie sind: Eine gesetzliche Neuregelung sollte den Krankenhäusern eine Wegweisung des Patienten beziehungsweise eine Rücküberweisung in den niedergelassenen Bereich erlauben. Die Aufnahme in Tageskliniken sollte vermehrt gegenüber der stationären Behandlung forciert werden, und Referenzzentren sollten gebildet werden. Krismer weist auf die großen ökonomischen Vorteile dieser Maßnahmen hin: „Wenn das alles funktioniert, könnten 207.000 Belagstage pro Jahr eingespart werden.“

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