zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 29. November 2005

Freie Kassenstelle soll ins Spital verlagert werden

Die anstehende Nachbesetzung einer Kassenfacharztstelle im östlichsten Bundesland hat eine gesundheitspolitische Grundsatzdiskussion entzündet. Die vorgeschlagene Verlagerung in ein Spital wird kontroversiell gesehen.

Der Präsident der Ärztekammer für Burgenland, Dr. Walter Helperstorfer, steht dem „Pilotmodell“ aufgeschlossen gegenüber. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) hingegen warnt vor einem Präzedenzfall mit Folgewirkung. Konkreter Anlassfall für die Differenzen ist eine Kassenstelle für Gynäkologie in Güssing, für die aufgrund einer Pensionierung die Frage der Nachbesetzung ansteht.
Der burgenländische Gesundheitslandesrat Peter Rezar spricht von einer Kernaufgabe der Gesundheitsreform, „den niedergelassenen und den Spitalsbereich zusammen zu führen, um Einsparungen für die Länder zu erzielen“. Die zur Nachbesetzung anstehende Kassenstelle für Gynäkologie in das regionale Spital zu verlegen bzw. die gynäkologische Ambulanz als solche laufen zu lassen, hätte laut Rezar mehrere Vorteile: „So wären auch längere Öffnungszeiten möglich und das medizinische Rückgrat des Spitals nutzbar.“ Ärztekammer-Burgenland-Präsident Dr. Walter Helperstorfer war von Anfang an in die Überlegungen einbezogen worden. Eine Verlegung von §2-Kassenstellen ins Spital lehnt er generell ab, ist aber bereit, ein „Kooperationsmodell“ zu diskutieren. Über weitere Details will er aufgrund der laufenden Verhandlungen mit Land und Kasse nichts sagen, diese sollen noch vor den Sommerferien abgeschlossen sein. „Es handelt sich hier um ein lokales gesundheitspolitisches Problem, das vor Ort zu klären ist“, betont Helperstorfer.

Entlarvende Aussagen

Das sieht Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der ÖÄK, allerdings ganz anders: „Erstens würden sich hier niedergelassene Ärzte in Abhängigkeit zu einem Spital begeben.“ Zweitens gäbe es ähnliche Begehrlichkeiten bezüglich der Verlagerung von niedergelassenen Leistungen ins Spital auch in anderen Bundesländern. „Es geht also um einen Trend, dem es schärfstens entgegen zu treten gilt“, so Brettenthaler. Er bezeichnet Rezars Aussagen als „entlarvend – es geht nicht um Verbesserungen für die Patienten, sondern ums Sparen, um Leistungsabbau“. Die Vorgangsweise erinnert den ÖÄK-Präsidenten an Verhältnisse wie in Großbritannien: „Hier wurden wohnortnahe Strukturen im niedergelassenen Bereich abgebaut, und alle Anstrengungen, diese wieder aufzubauen, zeigen bisher noch sehr wenig Wirkung, in manchen Regionen gar keine.“ Brettenthaler kann nicht verstehen, warum „solch gravierende Fehler wiederholt werden sollten“. Das Präsidium der ÖÄK hat kürzlich beschlossen, dass jede Verlagerung von Kassenstellen in den Spitalsbereich abgelehnt werden soll. „Und genau darum geht es im konkreten Fall“, meint Brettenthaler, der die burgenländische Ärztekammer dazu auffordert, die Beschlüsse der ÖÄK auch umzusetzen.

Schlechte Bettenauslastung

in Peripheriespitälern Dem stimmt auch Dr. Jörg Pruckner, Obmann der Bundeskurie für niedergelassene Ärzte, zu: „Eigentlich geht es um eine Doppelfinanzierung aus Spitalstöpfen und Kassenleistungen.“ Gerade manche Peripheriespitäler in den Bundesländern hätten eine schlechte Auslastung der Betten, „über Ambulanzen sollen hier neue Patienten dazu kommen“, kritisiert Pruckner, der das burgenländische „Pilotmodell“ sowohl aus ökonomischer Sicht als auch im Sinne einer dezentralen und wohnortnahen Versorgung ablehnt.

„Zu überlegen wäre, ambulanzähnliche Strukturen im niedergelassen Bereich zu schaffen“, schlägt Pruckner vor. Dort gäbe es eine kontrollierte Leistungsabrechnung und es würden keine großen Defizite angehäuft werden. Gewährleistet wären auch die freie Arztwahl und die kontinuierliche Versorgung durch einen Ansprechpartner. Auch Brettenthaler tritt für mehr Ärztezentren und Gruppenpraxen im niedergelassenen Bereich ein: „Diese wären wesentlich leichter zu erreichen und könnten auch flexible Öffnungszeiten und Dienstleistungen anbieten.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben