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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Balsam für kranke Kinderseelen

Im Bundesland Salzburg – zuletzt in Zell am See – wurden regionale Spezialangebote geschaffen, deren Sinnhaftigkeit durch die starke Resonanz der Bevölkerung bestätigt wird.

Laut Studien leiden fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren unter psychischen Störungen bzw. Krankheiten. „Im Bundesland Salzburg sind das rund 6.500 Kinder und Jugendliche“, präzisiert Dr. Leonhard Thun-Hohenstein, Leiter der Jugendpsychiatrie an der Salzburger Christian-Doppler-Klinik. Weitere 20.000 Kinder unter 15 Jahren weisen bereits eines oder mehrere Symptome auf, die auf das Entstehen einer psychischen Erkrankung hinweisen. Beispiele dafür sind schwere Pubertäts- oder Adoleszenzkrisen, übermäßiger Konsum von Alkohol, Zigaretten oder anderen Substanzen mit Suchtpotenzial, Isolation und verschiedenste Verhaltensauffälligkeiten. Laut Thun-Hohenstein seien vor allem Kinder aus gewalttätigen Familien sowie Kinder, die missbraucht und misshandelt wurden bzw. vernachlässigt werden, aber auch Mobbingopfer besonders gefährdet. Thun-Hohenstein ist auch Ärztlicher Leiter des Projektes „Kinderseelen“, das von ihm entwickelt wurde und nun mit der Eröffnung eines Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes in Zell am See in die weitere Umsetzung geht. Träger ist pro mente Salzburg. Ausgangspunkt für das Projekt war auch eine Befragung von Experten, unter anderen niedergelassene Ärzte, die in diesem Bereich Versorgungsdefizite orten. In Zell am See werden ein Kinderpsychiater, ein Kinderpsychotherapeut und eine Ergotherapeutin tätig sein. Außerhalb der Öffnungszeiten kann die Krisenintervention der pro mente in Salzburg und St. Johann rund um die Uhr kontaktiert werden.

Große Versorgungslücken

Die Akteure in Zell am See können auch auf Erfahrungen zurück greifen, die seit einem Jahr mit einer ähnlichen Einrichtung des Projekts „Kinderseelen“ gemacht wurden; in Tamsweg und im Pongau trägt Pro Juventute diese Einrichtung. Diese wurden bereits unmittelbar nach der Eröffnung mit Anfragen geradezu überhäuft. „Gerade in den dezentralen Regionen Salzburgs, aber auch in anderen Bundesländern sind die Lücken in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Symptomen am größten“, betont Thun-Hohenstein. Finanziert wird das Projekt in Zell am See aus Mitteln der Gebietskrankenkasse, des Landes sowie aus Spenden. „Ein wichtiger Teil unserer Tätigkeit ist die Vernetzung im Gesundheits- und Sozialbereich“, berichtet Thun-Hohenstein. „Dabei spielen sicher die niedergelassenen Allgemeinmediziner eine besonders wich-tige Rolle.“ Die Betreuung und Begleitung der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Angehörigen solle möglichst unmittelbar mit dem konkreten Lebensumfeld verknüpft sein und auch Institutionen wie Kindergarten, Schule bzw. Angebote im Sport- und Kulturbereich mit einbeziehen. Weitere Projekte der Kinderseelenhilfe sind neben regelmäßiger Informations- und Öffentlichkeitsarbeit zu diesem oft tabuisierten Themenfeld ein Arbeits-Rehabilitationsprojekt unter dem Titel „Zukunft Jetzt“ sowie ein Akuteinsatzteam. Dieses soll jenen Kindern und Jugendlichen helfen, die aufgrund einer seelischen Erkrankung in einer Wohngemeinschaft leben. „Bei akut auftretenden Krisensituationen kann das Einsatzteam dazu beitragen, den weiteren Verbleib in dieser Einrichtung zu ermöglichen“, erklärt Thun-Hohenstein. Weiteren dringenden Handlungsbedarf sieht der Kinderpsychiater – nicht nur in Salzburg – „in der Schaffung von ambulanten Beratungs- und Behandlungseinheiten für Kinder und Jugendliche mit frühkindlichem Autismus oder mit Essstörungen und eines Arbeitskreises für Kinder seelisch kranker Eltern im Sinne der Prävention“. Ein weiteres Thema wäre die Wiedereingliederung Jugendlicher und junger Erwachsener nach Auftreten einer schweren psychischen Krankheit wie Depression oder Schizophrenie. Für diese Gruppe würde es in den meisten Regionen keine bedürfnisgerechte ambulante Versorgung geben.

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