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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Initiative gegen Mangelernährung schlägt Alarm

Mehr als 50 Prozent aller Patientinnen und Patienten in Österreich sind bei der Aufnahme in stationäre Behandlung mangelernährt.

Trotz des Wissens um das Ausmaß der Mangelernährung klaffen in Österreich Praxis und Theorie auf Kosten des Patienten und des Gesundheitssystems ernorm auseinander. Die Initiative gegen Mangel­ernährung möchte bei den Verantwortlichen, Betroffenen und der breiten Öffentlichkeit Bewusstsein für diese untragbare Situation schaffen. „Wir haben in der gesunden Bevölkerung zwar das Problem der Überernährung, aber kranke und alte Menschen leiden unter zum Teil schweren Formen der Mangelernährung“, erklärte Prof. Dr. Johann Michael Hackl, Leiter der Abteilung Medizinisches Basiswissen und Ernährungswissenschaften an der Privatuniversität UMIT in Salzburg, bei einer Pressekonferenz in Wien.
Mangelernährung ist jedenfalls ein ernst zu nehmendes Problem. „Viele Menschen können Nahrung in gewohnter Form nicht zu sich nehmen“, erklärte Mag. Dr. Werner Scheiber, Sprecher des AKE Industrieforums, CEO Nutricia Österreich. „So gibt es eine Vielzahl krankheitsbedingter Situationen, in denen die lebensnotwendigen Nährstoffe auf andere Weise zugeführt werden müssen, beispielsweise bei einer Krebserkrankung, einer Behinderung nach Schlaganfall oder einer Magen-Darm-Erkrankung. Auch Menschen, die auf das Essen ‚vergessen’, zum Beispiel weil sie an Demenz oder Alzheimer leiden, benötigen spezielle Ernährung.“
Eines haben die Krankheitsbilder gemeinsam: Essen und Trinken kann für die Betroffenen zum Leidensweg werden, der bei vielen in eine schwere Mangelernährung führt. Ursachen bei Personen, die zu Hause leben, sind soziale Isolation, Vergesslichkeit, Schmerzen, Schluck- und Kaubeschwerden, Krankheiten des Verdauungstraktes, Unselbständigkeit beim Essen und Kochen oder belastende Lebensereignisse. Im Spital hingegen sind es etwa lange Nüchternphasen, appetithemmende Medikamente oder Schmerzen. Die Konsequenzen der Unterernährung sind mannigfaltig. Gewichtsverlust, Muskelabbau und Funktionseinschränkungen zählen ebenso dazu wie gestörte Verdauung und Resorption, erhöhtes Infektionsrisiko und verzögerte Wundheilung. Daraus resultieren verminderte Lebensqualität und erhöhte Kosten. Bis dato wird in Österreich Spezialnahrung nicht als Therapie anerkannt und somit auch nicht von den Krankenkassen finanziert. Die Folgen für Patienten und die Volkswirtschaft sind dramatisch: längere Krankenhausaufenthalte und höhere Behandlungskosten. Laut Dr. Thomas Wild von der Universitätsklinik für Chirurgie in Wien sind „die Kosten für die durch Mangelernährung verursachten Folgen, wie Pflegebedürftigkeit, schlechte Mobilisierung, Entstehung von Dekubitus und Infektionen, unvergleichlich höher als jene der Ernährung selbst“.

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