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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Besserer Schutz vor den Gefahren der Chemie

Im Herbst soll auf EU-Ebene die Chemikalienpolitik neu geregelt werden. Ärztevertreter hoffen dabei vor allem auf mehr Bewusstsein für den Schutz der Gesundheit und legen ihre Forderungen auf den Tisch.

Eine soeben veröffentlichte Studie im Auftrag der Umweltorganisationen Global 2000 und von B.U.N.D. Deutschland zeigt, dass in der Muttermilch europäischer Frauen bis zu 300 Chemikalien aus dem Industriebereich nachweisbar sind. Die Belastungen mit Stoffen wie dem Pestizid DDT, mit Dioxinen und den giftigen polychlorierten Biphenylen (PCB) nehmen ab. Dies ist auch auf weitreichende Verbote für den Einsatz dieser Stoffe zurück zu führen. Andererseits ist „in der wachsenden Gesamtzahl der nachweisbaren Chemikalien der Anteil von Weichmachern, Duftstoffen oder Flammschutzmittel besonders hoch“, analysiert Dr. Helmut Brutscher, Chemieexperte von Global 2000. 70.000 Tonnen polybromierter Diethylether (PBDE) werden pro Jahr zum Flammschutz in Kunststoffen, Elektronikartikeln und Textilien eingesetzt; die durchschnittliche Belastung der Muttermilch mit PBDE hat sich seit 1970 verdoppelt.

Sorgenkind Muttermilch

Die Chemikalienrückstände in der Muttermilch sind der Neonatologin Dr. Beate Pietschnig, IBCLC, Mitglied der Österreichischen Stillkommission, ein Dorn im Auge: „Es muss alles unternommen werden, um die Gesamtbelastung in der Umwelt zu verringern und deren Auswirkungen auf künftige Generationen zu vermeiden. Denn Stillen ist die optimale Ernährung für den Säugling und trägt zur gesunden körperlichen, geistigen und psychischen Entwicklung bei.“ Eine große Chance für Pietschnigs Forderung könnte die im Herbst 2005 anstehende Neuregelung der Chemikalienpolitik auf EU-Ebene sein. Erst seit 1980 gibt es verbindliche Kriterien für neu am Markt eingesetzte Chemikalien; ein großer Teil wird überhaupt nicht kontrolliert. Konkret beschlossen werden soll „REACh“, ein Programm zur Registrierung, Evaluation und Zulassung von Chemikalien. Innerhalb von elf Jahren sollten damit alle Substanzen erfasst sein. Von der Regelung betroffen wären aber trotz zahlreicher Interventionen nur Chemikalien, die in Mengen von mehr als einer Tonne produziert werden oder besonders gefährliche Eigenschaften besitzen. Das sind jene, die in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut werden und sich in Tieren sowie Menschen ablagern oder auf das Hormonsystem wirken, Gene verändern bzw. das Reproduktionssystem beeinflussen können.
Umweltorganisationen und auch Ärzte führen z.B. die Zunahme unfruchtbarer Paare, von Kindern mit Allergien, berufsbedingten Hautkrankheiten sowie einiger Krebsarten unter anderem auf den lange Zeit kaum reflektierten oder kontrollierten Einsatz verschiedener Chemikalien zurück. „Es gehört zu unseren Aufgaben als Ärzte, Patienten vor gesundheitlichen Schäden durch Umweltbelastungen zu schützen“, betont Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Er ist auch Vertreter Österreichs in der Europäischen Vereinigung der Ärzte. Diese fordern von der EU ein starkes „REACh“ (siehe Kasten). „Es geht um eine Weichenstellung in der europäischen Gesundheits- und Umweltpolitik“, ist Brutscher überzeugt.

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