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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Hausärzteverband verurteilt Halbwahrheiten

Ausufernde Bürokratie und die Standes- politik der vergangenen Monate lassen beim Österreichischen Hausärzteverband (ÖHV) die Alarmglocken läuten.

Die angekündigte Reduzierung der administrativen Belastung von Allgemeinmedizinern durch die Einführung der e-card hat sich nicht bewahrheitet, kritisiert der ÖHV im aktuellen Hausarzt-Telegramm. Wahr sei vielmehr, dass in jeder Ordination mit bereits angeschlossenem e-card-System täglich rund 30 Minuten länger gearbeitet werden muss. „Das sind mehr als 80 Stunden pro Jahr, die wir der Gesundheitsbürokratie zuarbeiten“, ärgert sich Dr. Christian Euler, Präsident des ÖHV.
Eine Arbeitserleichterung bringe auch das Arzneimittel-Bewilligungs-System (ABS) nicht. „In Wirklichkeit haben jene Kassenärzte, die sich bereits des ABS bedienen, den elektronischen Bewilligungsantrag in zeitaufwändiger Kleinarbeit zu erstellen“, klagt der ÖHV. „Kassenangestellte und Chefärzte antworten hingegen per Knopfdruck.“ Im Falle der Ablehnung dürfe dann dem wartenden Patienten erklärt werden, warum die Kasse der vorgeschlagenen Therapie die Zustimmung verweigert. „Antwortzeiten sind kein Qualitätskriterium für ein Bewilligungssystem“, meint dazu der ÖHV.

Wahlversprechen gebrochen

Während die e-card bundesweit ausgerollt wird, fragen sich die Hausärztevertreter, wo die mehrfach angekündigte Aufwertung des Hausarztes geblieben und was aus dem versprochenen Rückbau des aufgeblähten Krankenhauswesens geworden ist. „Fast alle diesbezüglichen Wahlversprechen wurden gebrochen“, resümiert Euler. „Unser Leistungskatalog entspricht längst nicht mehr den Anforderungen der modernen Medizin. Während Millionen Euro in das Aufrüsten einer kontrollwütigen Gesundheitsbürokratie investiert werden, fehlen den Sozialversicherungen die Mittel für therapeutische und pflegerische Innovationen.“
Ein besonderer Dorn im Auge des ÖHV ist die Peering-Point-Gesellschaft (PPG) von Ärztekammer und Hauptverband. Auf einer Veranstaltung des ÖHV brachte der Datenschützer Hans Zeger seine Kritik an dem Konstrukt auf den Punkt: „Der Peering Point ist Big Business!“ Der Ärzteschaft würde nicht die volle Wahrheit darüber aufgetischt, ist der ÖHV überzeugt, der Peering Point „ist weder die preiswerteste, noch die modernste und auch nicht die sicherste technische Möglichkeit für den e-card-Betrieb“. Gefordert wird deshalb ein „Umdenken unserer Standesvertreter“, um die Unabhängigkeit zu wahren: „Die Mandatare der Ärztekammer haben sich mit vollem Einsatz gegen die Fehlentwicklungen der Gesundheitspolitik zu stemmen. Die wirtschaftliche Schicksalsgemeinschaft mit dem Hauptverband in der PPG behindert unsere Kammern bei der konsequenten Interessensvertretung.“
Der ÖHV sieht für die Zukunft die adäquate Honorierung der Mehrarbeit für Chefarztpflicht und e-card durch den Vertragspartner Gebietskrankenkasse gefährdet. Grundbedingung für jetzt anstehende Kassenverhandlungen in allen Bundesländern sei deshalb „die Abgeltung unserer durch die aktualisierte Kemmetmüller-Studie errechneten Verluste“, wird im Hausarzt-Telegramm festgehalten. Ein weiteres Ausufern der Bürokratie ließe sich nur vermeiden, wenn vor jeder administrativen Neubelastung das Verhältnis von Aufwand und Nutzen für Ärzte und Patienten sorgfältig geprüft werde.

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