zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 28. November 2005

Kinder und Jugendliche im Alkoholdilemma

Das soziale Gefüge wird stark in Mitleidenschaft gezogen, wenn in einer Familie massive Alkoholprobleme auftreten. In der Suchtprävention bauen Experten deshalb auch auf das Engagement von Hausärzten.

„Mit dem Begriff ‚familiäre Alkoholprobleme’ wird meist salopp umgegangen, genaue Differenzierungen sind aber wichtig“, betonte Dr. Alfred Uhl im Rahmen einer Tagung des Instituts für Suchtprävention in Linz (www.praevention.at). Uhl ist Leiter des Boltzmann-Instituts für Suchtforschung am Wiener Anton-Proksch-Institut. Kernfragen für die Problemeinschätzung sind: Geht es um gelegentliches Trinken, liegt dies über den empfohlenen Grenzwerten, oder ist die Alkoholsucht bereits ausgeprägt? Kommt es zu gewalttätigen Handlungen, zu Problemen am Arbeitsplatz oder zu unfallträchtigen Situationen? Werden Kinder vernachlässigt oder kommen sie selbst mit der legalen

Droge Alkohol in Berührung?

Laut einer Auswertung von Fragebögen sind nur 0,3 Prozent der Bevölkerung zu bestimmten Zeiten exzessive Trinker. Werden verschiedene Faktoren bei der Auswertung berücksichtigt, steigt dieser Wert auf 1,3 Prozent. „Aus den Erfahrungen im Anton-Proksch- Institut wissen wir, dass es etwa fünf Prozent sind“, ergänzt Uhl.

Mehr Männer im „roten Bereich“

Wird eine Längsschnittanalyse durchgeführt, dann liegt das Ergebnis bei 10 Prozent der Bevölkerung mit exzessivem Alkoholkonsum im Laufe des Lebens; die Mehrzahl sind Männer. „Etwa ein Viertel aller österreichischen Männer trinken im ‚roten Bereich’, also mehr als drei Krügerl oder drei Viertel Wein pro Tag“, gibt Uhl zu bedenken. Menschen mit exzessivem Alkoholkonsum oder Alkoholsucht tendieren dazu, sich „Gleichgesinnte“ als Lebenspartner zu suchen, wobei diese oft nur für kurze Zeiten präsent sind. „Jedes vierte Kind wird im Laufe der Kindheit mit extremem Alkoholismus mit allen Auswirkungen konfrontiert“, nennt Uhl weitere Fakten. Für ihn sind aber „Investitionen in die Interventionsforschung“ wesentlich wichtiger, als die Zahlen auf Komma genau zu errechnen. „Wir bauen ein österreichisches Netzwerk auf, das vorhandene Ansätze zusammenträgt und vernetzt bzw. zu neuen Projekten führen soll“, berichtet der Suchtexperte.

Folgen von Alkoholmissbrauch rechtzeitig wahrnehmen

Hausärzten kommt eine bedeutende Rolle im sozialen System von Familien mit Alkoholproblemen zu. „Wichtig ist deshalb Aufmerksamkeit“, betont Uhl, „etwa für auffällige Verletzungen, die auf Gewalt zurückzuführen sein können, oder Anzeichen auf Vernachlässigung.“ Andererseits müsse nicht jedes Schulproblem unmittelbar mit dem Alkoholproblem eines oder beider Elternteile zusammenhängen. Uhl: „Es kann so auch zu einer Stigmatisierung oder Schubladisierung kommen.“ Eine Häufung psycho-sozialer Probleme und/oder psychosomatischer Symptome über längere Zeiträume seien jedenfalls wichtige Alarmzeichen, die auch wahrgenommen werden sollten.„Kinder und Jugendliche fühlen sich oft schuldig für das, was in der Familie läuft“, ergänzt der Familientherapeut Christoph Lagemann, Leiter des Instituts für Suchtprävention. Kinder aus „solchen“ Familien haben ein bis zu sechsfach höheres Risiko, selbst alkoholabhängig zu sein. Diese Kinder erleben viel Unverlässlichkeit, gebrochene Versprechen, unvorhersehbare Stimmungsschwankungen und Vernachlässigung. Oft übernehmen sie Aufgaben im Haushalt oder bei der Betreuung von Geschwistern, auch um den Schein nach außen zu wahren.„Verlässliche Bezugspersonen, zu denen auch der Hausarzt zählen kann, sind für die Betroffenen eine große Hilfe“, so Lagemann. Erster Schritt wäre, Signale wahrzunehmen, zu denen auch sozialer Rückzug, ständige Provokation, Essstörungen usw. gehören können. Als zweiter Schritt sollte gezielt das Gespräch gesucht und Dinge beim Namen genannt werden. Behutsamkeit sei erforderlich, da Schamgefühle und Loyalitätskonflikte eine offene Diskussion schwierig machen können.„Für Kinder in derartigen Problemsituationen ist es eine große Hilfe, wenn sie ernst genommen werden und sich jemand über längere Zeit für sie interessiert“, betont Lagemann. Der Hausarzt könne andere Vertreter des sozialen Netzwerkes auch dabei unterstützen, die Grenzen ihrer Möglichkeiten wahrzunehmen und den Weg zu professioneller Hilfe zu ebnen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben