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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Musterausbildung an Interner Abteilung

Erstmalig seit Implementierung des Visitationskonzeptes beantragte ein Abteilungsvorstand ein Qualitätsüberprüfungsverfahren durch die Ärztekammer. Das Ergebnis: „Ausgezeichnet.“ „Wir können uns an der Abteilung unter Supervision entfalten“, fasst Turnusarzt Dr. Bernhard Stuhr die positive Meinung der Auszubildenden zusammen.

Die Interne des KH Floridsdorf zählt zu jenen Abteilungen in Österreich, die sich bestens für eine Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin und zum Facharzt für Innere Medizin eignen. Diese erfreuliche Bilanz ergab das Qualitätsüberprüfungsverfahren, das von der Ausbildungskommission der Wiener Ärztekammer unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Birner (siehe Interview „Evaluation der Ärzteausbildung …“) auf Antrag des Abteilungsvorstandes Prof. Dr. Kaspar Sertl im Oktober 2004 durchgeführt wurde.

Hohe Zufriedenheit bestätigt

Die Ausbildungsqualität wurde von den Turnusärzten (TÄ) in Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin auf einer Skala von 1 bis 5 mit 1,85 benotet, die Turnusärzte in Facharztausbildung vergaben einheitlich die Note 1. Außergewöhnlich ist jedoch nicht nur die besondere Zufriedenheit der KollegInnen mit ihrer Ausbildung, sondern auch die Tatsache, dass ein Abteilungsvorstand den Antrag auf Einleitung des Überprüfungsverfahrens durch die Ärztekammer gestellt hat.

Was den Erfolg ausmacht

„Es wird immer nur angeprangert, dass die Ausbildungssituation schlecht ist. Bei uns ist sie gut, und dies sollte auch einmal ver-öffentlicht werden“, sagte Sertl im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Was könnten die Hintergründe dieser guten Performance sein? Wechselt ein Turnusarzt an die interne Abteilung, erhält er primär ein Einführungsskriptum, das nicht nur organisatorische, sondern auch medizinische Tipps bereithält. Eine weitere Besonderheit ist, dass jeder Turnusarzt einen „persönlichen“ Tutor erhält. Neben einer positiven Grundeinstellung bezüglich der Ausbildungswilligkeit der Turnusärzte und der Bereitschaft des gesamten Teams, Wissen an die „Jungen“ weiterzugeben, investiert Sertl in die Fähigkeiten seiner MitarbeiterInnen. Er fördert und unterstützt intensiv selbständiges Denken, Kommunikation und Selbstorganisation. „Zusätzlich haben wir“, so Sertl, „eine positive Streitkultur. Fehler werden diskutiert, aber nicht personalisiert.“
Regelmäßige Mitarbeitergespräche – einmal monatlich auch mit den Turnusärzten – sind obligat. „Ein Führungsprinzip, das sich bewährt“, wie Stuhr, Turnusarzt in Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin, der ÄRZTE WOCHE bestätigte. „Das Arbeitsklima ist sehr gut, wir schätzen die Selbst-organisation außerordentlich.“

Ein Monat Intensivstation

Diese Überzeugung untermauert Stuhr mit einem Beispiel: „Wir haben es mittlerweile geschafft, dass Turnusärzte in Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin – auf Wunsch – für einen Monat auf die Herzüberwachungsstation rotieren können, um wenigstens einen kurzen Einblick in das Management von Extremsituationen zu bekommen. Zum Zeitpunkt der Visitation war dieser Wechsel auf die Intensivstation noch nicht möglich.“ Eine Rotation an die verschiedenen internen Stationen ist nicht nur gewollt, sondern ein Muss für alle Ärzte. „Das verhindert zwar eine starke Teambildung, der Vorteil ist aber, dass keine Routine eintritt“, ist Sertl überzeugt. „Man erhält eine breitere Sichtweise und Lösungskompetenz.“ Da Klagen der Turnusärzte vorwiegend ein Übermaß an Routinetätigkeiten betreffen, wollte die ÄRZTE WOCHE wissen, wie diese neuralgischen Punkte an der Abteilung gehandhabt werden. Stuhr: „Bei den Spritzenrunden verfahren wir nach dem 4-Augen-Prinzip: ein Arzt und eine Pflegeperson. Die Teilnahme an der Visite ist eine Selbstverständlichkeit. Das ‚Betten führen’ wird von den Oberärzten gewünscht, obwohl es für sie mehr Arbeit bedeutet. Es wird aber kein Turnusarzt dazu gezwungen.“ Die bürokratischen Arbeiten hielten sich in Grenzen, zumal auch die Oberärzte „Zettel ausfüllen“ und die Turnusärzte keine Entlassungsbriefe diktieren.
Ausbildung ist ein Instrument der Qualitätssicherung im Gesundheitswesen. „Wir können uns an der Abteilung unter Supervision entfalten“, fasst Stuhr die nachhaltig positive Meinung der Turnusärzte zusammen. Ein Auszeichnung für Abteilungsvorstand Sertl und seinen fixen Mitarbeiterstab - und eine Beruhigung für (potenzielle) Patienten.

Sabine Schneider, Ärzte Woche 38/2005

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