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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Internisten zwischen Frust und Eifer

Präsidentenwechsel beim Berufsverband der Österreichischen Internisten (BÖI): Anlässlich der 36. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) Ende September in Salzburg übergibt Dr. Alfred Ferlitsch, Spittal an der Drau, an Dr. Günther Wawrowsky, Internist in Purkersdorf. An kniffligen Aufgaben besteht kein Mangel, auch die niedergelassenen Internisten spüren den rauen Wind des gesundheitspolitischen Hurrikans.

Beim Internistenkongress 2004 in Wien konnte Ferlitsch die Diskussion und Wegbereitung für die zukünftige Ausbildung der Internisten gemeinsam mit der ÖGIM und dem Internisten und Präsidenten der Ärztekammer für Niederösterreich, Dr. Lothar Fiedler, initiieren. „Wir müssen diesen österreichischen Weg selbst entwickeln und dürfen nicht zuwarten, bis uns eine Verordnung von oben – ob Gesundheitsministerium oder EU – ‚aufgebrummt wird', betont der scheidende BÖI-Präsident im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Was sind die Eckpunkte Ihres Ausbildungskonzepts?
Ferlitsch: Es sollte gelingen, den Generalisten und Spezialisten in einer Person zu einen. Insbesondere soll die bisherige zu lange Ausbildungszeit durch Verbesserung der Qualität gestrafft und verkürzt werden. Der bisherige Ausbildungsweg zum Generalisten soll beibehalten werden, mit Anrechnung der internistischen Turnusausbildung und zwingender Rotation durch Spezialstationen. Das wären maximal vier Jahre „commun trunk“, meines Erachtens müssten auch drei Jahre genügen. Mit speziellem Teilgebiet sollte der Facharzt für Innere Medizin mit vollendetem 5. Jahr ausgebildet sein. Besteht die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung im Spezialgebiet, wäre der Abschluss nach maximal sechs bis sieben Jahren inklusive Facharztprüfung zum Beispiel der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe. Dies bedeutet gegenüber der bisherigen Ausbildungsdauer eine Verkürzung um zumindest ein Jahr.

Wird der österreichische Weg den EU- Richtlinien entsprechen und damit auch in anderen EU-Ländern konkurrenzfähig sein?
Ferlitsch: In der EU geht der Weg dahin, dass die bisherigen Additivfächer zu Sonderfächern werden. Damit gäbe es in Hinkunft den Allgemeininternisten einerseits und andererseits den Spezialisten wie Kardiologen, Gastroenterologen, Endokrinologen etc. Es scheint festzustehen, dass die Ausbildungszeiten für den Facharzt für Innere Medizin in der EU mit fünf Jahren anberaumt wurden. Für die Sonderfächer Kardiologie, Gastroenterologie, Rheumatologie, Tropenmedizin und Infektionskrankheiten sind es weitere vier Jahre und drei Jahre für allgemeine Hämatologie und Endokrinologie. Die Aufnahme der internistisch-medizinischen Onkologie in die Richtlinien ist gescheitert.
Die Gesellschaft für Innere Medizin, die österreichische Ärztekammer und der BÖI sind aufgerufen, den österreichischen Weg weiter zu entwickeln. Durch umfassendes internistisches Wissen und Können im Sonderfach Innere Medizin sowie dem Spezialgebiet sollten wir dann Fachärzte haben, die bei Bewerbungen nicht nur konkurrenzfähig sind, sondern die Nase vorn haben.

Ziele des neuen Präsidenten

Der Koordination bei der Vervollständigung der neuen Rasterzeugnisse der internistischen Subspezialitäten wird auch der neue BÖI-Präsident Wawrowsky Aufmerksamkeit schenken. Ein be-sonderes Anliegen ist ihm die Betonung der Bedeutung des Allgemeininternisten in der medizinischen Versorgung Österreichs. „Ich bin darum gebeten worden, die Präsidentschaft des BÖI zu übernehmen, es ist mir aber auch eine Ehre“, sagt Wawrowsky im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Er sieht zahlreiche fachliche und standespolitische Parallelen sowie Überschneidungen mit seinen anderen Funktionen als Stellvertretender Obmann der Bundeskurie der niedergelassenen Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und Bundesfachgruppenobmann der Internisten.

Welche gesundheitspolitischen Themen stehen auf Ihrer To-do-Liste als BÖI-Präsident?
Wawrowsky: Bisher hatten wir ein Vertragsverhältnis mit der Sozialversicherung zu vertreten, nun kommen neun Gesundheitsplattformen, auf welche die Finanzierung des Gesundheitssystems abgeschoben wurde. Im Hintergrund gilt es auch, die Arbeiten der von der Regierung beauftragten Gesundheitstheoretiker des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen im Auge zu behalten.
Ein zukünftiges Verhandlungsthema mit der niederösterreichischen Gesundheitsplattform werden Innovationen im Bereich der niedergelassenen Strukturen sein. Um den Patienten ausreichende Öffnungszeiten anbieten zu können und die Ressourcen besser auszunutzen, wird der niedergelassene Bereich finanziell und personell aufgestockt werden müssen.

Internisten sind intensive Nutzer des Erstattungskodex, des neuen Heilmittelverzeichnisses. Finden Sie den EKO gelungen?
Wawrowsky: Leider nein! Die Ausgabe vom Juli 2005 brachte zwar gewisse Verbesserungen, aber die dem EKO zu Grunde liegende Verordnung zur Verschreibung von Arzneimitteln wurde und wird von mir rundweg abgelehnt! Ich sah diese schon Anfang des Jahres als Rationierung der medizinischen Versorgung, und meine täglichen Erfahrungen unterstreichen diese Sicht nach wie vor.
Bei all unseren Bestrebungen, zum Beispiel die Anzahl der bewilligungspflichtigen Arzneimittel auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, haben wir viel Zeit investiert und Kooperation gezeigt. Hinterrücks tauchte aber eines der meistverschriebenen Statine aus der freien Grünen Box plötzlich – mit einem nicht verständlichen Regeltext versehen – bei den RE1- Präparaten auf. Das ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich um die Praktikabilität mit einem missgeborenen EKO bemüht haben. Die Zahl der bewilligungspflichtigen Verordnungen ist wegen eines einzigen Medikamentes drastisch angestiegen – und das vor dem Hintergrund drohender Sanktionen ab dem 3. Quartal.

Wird vielleicht das neue elektronische Arznei-Bewilligungs-Service (ABS) Erleich-terungen bringen?
Wawrowsky: Die elektronische Übermittlung mittels ABS stellt für mich als langjährigen EDV-Anwender weniger ein Problem dar. Sorgen mache ich mir vor allem um die Haltung des chefärztlichen Dienstes, da diese Kollegenschaft durch ihre Abhängigkeit von den Sozialversicherungsträgern nur allzu leicht gezwungen werden könnte, das Austrocknen der medizinischen Versorgung durch restriktives Bewilligungsverhalten mit zu unterstützen.

Sie waren für die ÖÄK in die Verhandlungen der Vorsorgeuntersuchung neu involviert ...
Wawrowsky: Ich war Hauptverhandler der ÖÄK für die Vorsorge-Coloskopie, habe aber auch dem Gesamtpaket zugestimmt. Die Coloskopie ist in der Vorsorgeuntersuchung neu gesetzlich vorankert, allerdings gibt es derzeit keine Einigung zwischen dem Hauptverband und der ÖÄK, da trotz all unserem Entgegenkommen in Qualitätsfragen das finanzielle Angebot für diese aufwändige Untersuchung inakzeptabel blieb. Die Verhandlungen werden derzeit nur auf Länderebene geführt.

Stellt das Ausfüllen des fünfseitigen Fragebogens tatsächlich einen Anreiz für Patienten und Ärzte dar?
Wawrowsky: Die Vorsorgeuntersuchung neu ist ein Kompromiss. Für die Sozialversicherung ist sie aus rein volksgesundheitlichen Gründen wichtig. Sämtliche bisherigen diagnostischen Maßnahmen wurden von ihnen kompromisslos auf EBM- Kriterien hinterfragt – unter dem Motto „Was etwas bringt, das machen wir – und nicht mehr“. Daher ist die neue Sozialversicherungs-VU vor allem Anamnese-betont, hoffentlich volksgesundheitlich relevant, aber zugegeben nicht sehr individuell, wie übrigens auch die bisherige.

Sabine Schneider, Ärzte Woche 39/2005

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