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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Alternative zu langen Aufenthalten in der Psychiatrie

Wohnverbände bewähren sich für gezieltes Verhaltenstraining. Auch Hausärzte wissen solche Angebote zu schätzen.

„Es gibt immer mehr Menschen mit psychischen Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten, mit denen klassische Einrichtungen überfordert sind“, analysiert DSA Alfred Kohlberger. Er ist Leiter des Bereichs „invita“ der Caritas Oberösterreich. Früher wurden diese Menschen in psychiatrischen Krankenhäusern behandelt und oft asyliert. Durch die Umstrukturierung der Psychiatrie steigt der Bedarf an extramuralen Einrichtungen.„Oft tritt die psychische Krankheit in Verbindung mit Verhaltensauffälligkeiten auf“, so Kohlberger. Die Betroffenen haben kaum Frustrationstoleranz, sehen jede Kritik, egal wie „harmlos“, als persönlichen Angriff. Darauf reagieren sie immer wieder mit teils heftiger sprachlicher und körperlicher Aggression. Häufig folgt der Verlust der sozialen Kontakte und Verwahrlosung (Beispiel siehe Kasten).
„In diesem Bereich der Psychiatrie stehen die Alltagsbegleitung und das Üben von Zusammenleben in verschiedenen Formen im Vordergrund“, erklärt Kohlberger. Für Menschen in dieser Situation bietet die Caritas einen Wohnverband. Jeder hat ein Einzelzimmer, gekocht und gegessen wird gemeinsam. Meist wenden sich Angehörige oder ein Sachwalter an die Caritas. Diese unterstützt bei den Ansuchen an die Sozialabteilung des Landes, die die Betreuung finanziert. „Dann wird geprüft, welche Lebensform für den jeweiligen Menschen passt“, berichtet Kohlberger. Ein Ziel der Betreuung ist, vorhandene Ressourcen zu erhalten und zu fördern. „Durch das individuelle und Biographie-orientierte Konzept entstehen lebenswerte Alternativen zu langen Aufenthalten in psychiatrischen Abteilungen“, betont Kohlberger.
In die medizinische Versorgung sind auch Hausärzte eingebunden. So betreut der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Dr. Bruno Frank aus Scharten Menschen, die im Wohnverband leben: „Ich arbeite eng mit den Betreuern und dem Konsiliararzt für Psychiatrie zusammen und kümmere mich um die alltägliche medizinische Versorgung.“ Oft ist die direkte Kommunikation mit den Patienten schwierig, auch in der Praxis kann es zu aggressivem Verhalten kommen. „Die Begleitung dieser Menschen bleibt ein Grenzgang“, sagt Frank, der die individuelle Betreuung durch die Caritas in Kleingruppen als sehr gutes Konzept erachtet. Letztlich sei es aber eine politische Entscheidung, ob Menschen monatelang in der Psychiatrie bleiben, weil es keine Betreuungsplätze gibt.

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