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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Trendwende in Turnusärzte-Ausbildung?

Nach heftigen Vorwürfen über gravierende Mängel in der Turnusärzte-Ausbildung hat die seit März eingesetzte neue Führung des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) eine Ausbildungsoffensive gestartet.

Die Frage, ob es sich bei der Ausbildungsoffensive um einen „vollen Erfolg“ oder nur um „leere Versprechungen“ handelt, stand im Mittelpunkt einer spannenden Diskussionsveranstaltung der Ärztekammer für Wien, zu der rund 200 Turnusärzte(-vertreter) gekommen waren und sich kein Blatt vor den Mund nahmen. „Die Ausbildung der Turnusärzte war ein Skandal“, stellte Prof. Dr. Peter Birner, Vorsitzender der Ausbildungskommission der Ärztekammer für Wien, in seinem Impulsstatement fest. Sie passierte oft nebenbei, ohne Konzept und ohne Interesse der Ausbildungsverantwortlichen.
Seit dem Amtsantritt der neuen Führung des KAV gebe es allerdings Licht am Horizont. Birner: „Schlechte Ausbildung ist kein Kavaliersdelikt mehr“. Gleich an seinem ersten Arbeitstag habe der neue Generaldirektor des KAV, Dr. Wilhelm Marhold, eine Weisung erlassen, die das „Vieraugenprinzip“ (Ärzte und Pflege) bei der Morgenvisite verpflichtend macht.

Widerstände gegen Weisung

Das hat zwar zuerst einmal Chaos ausgelöst, aber „dort, wo es funktioniert, ist es sehr positiv“, meinte Birner. Trotz Weisung werde es aber nicht flächendeckend umgesetzt. In einem großen Gemeindespital weigere sich die Pflegedirektorin sogar dezidiert, sie zu befolgen.
Besonders lobte Birner die Unterstützung des KAV bei der Durchführung der „Anerkennungsverfahren“ von etwa 40 Abteilungen, die formal seit 1995 keine Berechtigung hatten, Turnusärzte auszubilden. Dazu wurden in kurzer Zeit eine große Zahl von Abteilungen überprüft (visitiert). „Qualitätskriterien wurden zu Anerkennungsvoraussetzungen. Das hat zu deutlichen Verbesserungen, auch auf Problemabteilungen, geführt“, sagte Birner. „Wir wollen eine kulturelle Wende im Krankenanstaltenverbund“, betonte Marhold. Er forderte die Turnusärzte auf, Missstände direkt bei der KAV-Leitung zu melden. „Ich garantiere Schutz für jene, die einen Mangel aufzeigen“, versicherte Marhold. Den Kernkon-flikt über die Aufteilung der Arbeit zwischen Pflegepersonen und Ärzten wolle er über die Erstellung von gemeinsamen Leitlinien lösen.

Die Kommunikationsstruktur muss sich zuerst ändern

„Es geht ein Ruck durch den KAV“, räumte auch die Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, Dr. Sigrid Pilz, ein. Sie hatte vor rund einem Jahr die schlechte Ausbildung der Turnusärzte zum politischen Thema gemacht, zweifle allerdings an der Nachhaltigkeit mancher Maßnahmen. „Die Teamarbeit muss funktionieren“, forderte Pilz. „Wenn sich im Spital die Kommunikationsstruktur nicht ändert, dann ändert sich gar nichts“. Außerdem solle endlich der „Spritzenerlass“ fallen. Dieser wurde im Zuge der Lainz-Affaire im Jahr 1997 vom KAV herausgegeben und verbietet – im Gegensatz zum Bundesgesetz – Pflegepersonen die Verabreichung von subkutanen Injektionen.
Auch Dr. Martina Platzer, Obfrau der Sektion Turnusärzte der Ärztekammer für Wien, ist skeptisch. Die neue KAV-Führung habe viel getan, aber die Probleme in den Abteilungen bestünden noch immer. Platzer: „Ich frage mich, warum so wenig ankommt.“ Dieser Eindruck wurde auch vom Publikum bestätigt. Auf die Frage des Moderators, bei wem sich die Ausbildungsoffensive bereits im Spital bemerkbar mache, hob kein einziger die Hand. Bleibt zu hoffen, dass die realen Bedingungen noch nachreifen – und die Initiative sich nicht auf das Wiener Wahljahr 2005 beschränkt.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 43/2005

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