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Ärztekammer-Präsident Szekeres: „Die Medizin soll ein von Empathie getragener Bereich bleiben.“
 
Gesundheitspolitik 10. Oktober 2017

Ärztekammer-Chef Szekeres: "Das Krebsplakat war brutal"

Seit rund 100 Tagen ist der Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres im Amt. Der Abwehrkampf gegen Unternehmen, die Primärversorgungszentren betreiben wollen, beginnt erst jetzt so richtig. Die ungelenke Krebskampagne der Kammer kommt da zur Unzeit.

Das war wohl anders geplant. Das Krebs-Plakat – „Du kämpfst mit dem Krebs, dein Arzt mit bürokratischen Hürden der Krankenkasse“ – ist die erste Panne in der knapp 100 Tage währenden Amtszeit als österreichischer Ärztekammerpräsident. Eine Ärzte Woche-Leserin schrieb, das Plakat „entbehrt jeder Sensibilität“. Der Journalist Michael Fleischhacker twitterte deftig „Nur falls wer fragt, was der Begriff Trottelkampagne eigentlich bedeuten soll“ unter einem Foto des Plakats. Wiens Patientenanwältin Sigrid Pilz nannte das Plakat „niveaulos, ich bin entsetzt“.

Hauptverbandschef Alexander Biach meinte, es sei ein „bisher ungekannter Stil, sinngemäß Krebskranken mitzuteilen, dass man sie aufgrund bürokratischer Hürden nicht ausreichend behandeln könne“. Dass die abgebildete kahlköpfige Frau eine US-Schauspielerin sein soll, tut nichts zur Sache. Denn selbst Präsident der Ärztekammer Thomas Szekeres scheint von der kammereigenen Werbe-Aktion unangenehm berührt. „Es ist ein brutales Sujet“, räumt er im Ärzte Woche-Gespräch ein. Und: „Ich muss zugeben, ich habe das (die Reaktionen in der Öffentlichkeit, Anm.) unterschätzt.“ Ganz sicher habe man keinen Patienten verletzen wollen, „das tut mir leid“. Allerdings werde man auch weiterhin PR-Aktivitäten setzen. „Ich werde vielleicht ein bisschen vorsichtiger sein bei der Auswahl des Sujets, wobei man darüber diskutieren kann, ob Werbung nur schönzeichnen darf.“


Die PR-Panne kommt jedenfalls zur Unzeit. Wie beim jüngsten Gesundheitspolitischen Forum angeklungen, sollen demnächst die Verhandlungen für einen neuen Gesamtvertrag für die Ärzte in den neuen Primärversorgungszentren beginnen. 75 Pilotprojekte sind geplant, die mit einer Anschubfinanzierung von insgesamt 200 Millionen Euro unterstützt werden sollen. Zum Tarif: 45 Euro brutto erhält ein Wiener Allgemeinmediziner pro Quartal pro Patient im Schnitt. „Für dieselben Leistungen soll dasselbe bezahlt werden, allerdings sollte mehr bezahlt werden als 45 Euro“, sagt Szekeres.


Was den Einstieg von Unternehmen in Primärversorgungszentren angeht, gibt sich Szekeres ebenfalls kämpferisch. „Es gibt Zivilingenieure, es gibt Steuerberater, es gibt Rechtsanwälte, und alle diese Berufe haben Büros, und diese Büros sind im Eigentum des Fachmanns, des Juristen. Und ähnlich wollen wir, dass unsere Ordinationen im Eigentum der Ärzte bleiben, wir möchten nicht, dass Baufirmen, Versicherungen oder andere medizinfremde Firmen aus rein kommerziellen Überlegungen Gesundheitseinrichtungen in ihrem Eigentum haben.“


Der gute alte Hausarzt und die neuen PVEs


VAMED-Vorstandsvorsitzende Ernst Wastler sagte am Rande einer Veranstaltung in Wien: „Grundsätzlich sind wir selbstverständlich interessiert (am Betrieb von Primärversorgungszentren, Anm.). Was wir international erfolgreich machen, können wir in Österreich natürlich auch sehr gut umsetzen.“ Was ist für einen Konzern wie die VAMED, die etliche Thermen und Gesundheitsresorts im Umland von Wien betreibt, an Primärversorgungseinheiten mit jeweils nur einigen Ärzten interessant? „Das ist ein sehr wichtiger Bereich. Es geht immer um die gesamte Versorgungskette, und die beginnt einmal in der Prävention und setzt sich postakut fort. Es ist eben wichtig dass man intra- und extramural denkt. Wir alle sind noch mit dem guten alten Hausarztsystem aufgewachsen, wenn man nicht gesund war, war das die erste Ansprechperson, das geht heute nicht mehr immer und überall.“


Dass die Vorstellungen der Kammer und möglicher privater Anbieter weit auseinander liegen, überrascht nicht, aber wie stellt sich die Frage aus Sicht der Betroffenen dar? Eröffnet die Anstellung in einem nicht-ärztlich geführten Primärversorgungszentrum nicht einen „dritten Weg“, neben der Anstellung in einem Spital und der eigenen Ordination? Szekeres dazu: „Ich glaube, dass man auch in einer Krankenanstalt oder in einer Ordination angestellt sein kann. Wir treten auch für die Anstellung von Ärzten bei Ärzten ein, unter gewissen definierten Rahmenbedingungen, aber wir möchten verhindern, dass Gesundheit ein Geschäft wird und die Behandlung der Patienten nur mit Fokus darauf geschieht, den Aktienkurs zu erhöhen und Gewinn zu machen. Die Medizin sollte ein von Empathie getragener Bereich bleiben, wo das Wohl der Patienten im Fokus der Ärzte steht und nicht das Wohl des Eigentümers der Einrichtung, der noch dazu gewinnorientiert agiert.“


VAMED-Vorstand Wastler sieht keinen Ausschließungsgrund für seine Firma: „Man muss zwei Dinge sehen: Es gibt für alle Modelle gute Argumente, und es gibt Ärzte, die sagen sie wollen eher in einer Klinik oder einer Anstalt tätig sein, und es gibt Ärzte, die wollen selber das verantworten. Beide Modelle haben ihren Platz und ihre Berechtigung, und es gibt sicher ausbaufähige Lösungen.“ Leicht entsteht der Eindruck, dass es im heimischen Gesundheitssystem nur Stillstand gibt sowie den Streit, wer daran schuld ist. Das ist so nicht richtig. Daher hier nun zwei Meldungen, die man durchaus als positiv werten mag:

1.) Die Krankenkassen haben vor Kurzem eine weitere Harmonisierung ihrer Leistungen beschlossen. Ab 1. Jänner 2018 gilt bei Zahnspangen-Zuzahlungen, Zahnprothesen, Krankentransporten oder Kontaktlinsen „gleiche Leistung für gleiches Geld“. Die Kassen wenden dafür rund 36 Mio. Euro auf. Inklusive des ersten Harmonisierungspakets sind es sogar rund 45 Mio. Euro. Der Vorstandsvorsitzende im Sozialversicherungs-Hauptverband, Alexander Biach, sprach nach dem einstimmigen Beschluss in der Trägerkonferenz von einem „sehr guten Tag für die Sozialversicherten in diesem Land“. Zwei Drittel aller bestehenden Leistungsunterschiede seien damit per Beginn nächsten Jahres behoben.
In einem ersten Beschluss im Juni hatten die Kassen etwa Unterschiede beim Zuschuss für die Zeckenimpfung, Rollstühle oder Blutzuckermessgeräte in den verschiedenen Kassen behoben. Nun wurden die größeren Brocken angegangen. So wurden die Zuschüsse für Zahnspangen mit mittelschweren Fehlstellungen vereinheitlicht und um einige Indikationen erweitert. Der Zuschuss für festsitzende Spangen wurde auf einheitlich 70 Prozent festgelegt, für die meisten Kassenpatienten eine Verbesserung. 609 Euro zahlen die Kassen hier pro Jahr und Fall. Insgesamt werden die Patienten hier um 5,95 Mio. Euro entlastet. Noch stärker wirkt sich die Harmonisierung des Selbstbehalts bei „unentbehrlichem Zahnersatz“ auf 25 Prozent aus, nämlich mit 24,1 Mio. Euro. Dass die Krankentransporte künftig frei von Selbstbehalten sind, bringt den Versicherten weitere 5,67 Mio. Euro. Einheitliche Zuschüsse gibt es zudem für Kontaktlinsen, Perücken etwa für Krebskranke oder für Flüssigsauerstoff. Finanziert wird all dies durch interne Umschichtungen sowie durch den Ausgleichsfonds der Kassen.

2.) Vor einem halben Jahr hat die Stadt Wien das Notarztsystem umgestellt, da es zu personellen Engpässen gekommen war. Die Notärzte, die bis dahin bei der Berufsrettung angesiedelt waren, wurden in den Krankenanstaltenverbund eingegliedert. Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger von der SPÖ zeigte sich mit der neuen Struktur zufrieden. Erklärung: Es gibt ein Plus bei den Medizinern. „Die Umstellung hat zu einer Attraktivierung des Berufs geführt“, sagte Frauenberger. Die Aufgabenstellungen seien vielfältiger geworden, und die Bezahlung wurde verbessert, da die Notärzte das attraktivere Gehaltsschema des KAV übernahmen. Dadurch sei ihre Zahl von 40 auf 76 gestiegen.
Die Anzahl der rund um die Uhr eingesetzten Noteinsatzfahrzeuge stieg auf sieben. Derzeit seien sogar neun im Einsatz, sagte Frauenberger. „Innerhalb von einem halben Jahr ist es uns gelungen, das System so umzustellen, dass eine gute Versorgung gewährleistet ist“, betonte sie.
Die Notärzte sind nun nicht mehr in der Berufsrettung stationiert, sondern in den Krankenhäusern des KAV. 30 von ihnen arbeiten im AKH, der Rest ist auf die Standorte Krankenhaus Hietzing, SMZ Floridsdorf, Donauspital und Wilhelminenspital aufgeteilt. Im Krankenhaus Hietzing wurde innerhalb der vorhandenen Fach- und Allgemeinärzte rekrutiert, berichtete Moritz Haugk, Leiter der Notfallmedizin des Krankenhauses. Dabei sei die Nachfrage so hoch gewesen, dass er gar nicht alle Bewerber nehmen habe können. Die Ärzte erhielten dann eine spezifische Ausbildung für den Notfalldienst. Auch der Chef der Rettung, Rainer Gottwald, begrüßte die Umstellung. Für die Ärzte sei das System attraktiver, da sie nicht mehr ausschließlich für Dienste in den Noteinsatzfahrzeugen eingeteilt würden, sondern auch in der Zentralen Notaufnahme eines Spitals ihre Dienste versehen könnten, sagte er.

Doch es gilt noch weitaus höhere Hürden zu überwinden, meint Szekeres: „Es gibt einige Themen, die im Moment zentral sind, eines davon ist der Mangel an Ärzten. Wir haben immer mehr junge Absolventen, die ins Ausland abwandern. Von zehn Absolventen des Medizin-Studiums fangen nur sechs in Österreich zu arbeiten an. Gleichzeitig stehen wir vor einer Pensionierungswelle. Die Babyboomer-Generation geht in Pension, da haben wir tatsächlich besondere Herausforderungen, die man jetzt schon erkennen kann bei der Ausschreibung von KassenPlanstellen für Allgemeinmediziner oder in der Kinderheilkunde, die wir schon jetzt teilweise nicht mehr besetzen können.“

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