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Gesundheitspolitik 28. November 2005

Bedarf an Pflegeleistungen steigt

In den kommenden Jahren wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen weiter stark ansteigen. Die großen „offiziellen“ Anbieter können schon jetzt nicht in allen Bereichen eine ausreichende Versorgung gewährleisten, für alternative Angebote besteht weithin Bedarf.

„Das Risiko Krankheit ist in Österreich zwar in den meisten Bereichen sehr gut abgesichert, beim Risiko Pflege gibt es aber viele Lücken“, analysiert Karl Krajic, Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Medizin- und Gesundheitssoziologie in Wien. Laut aktuellen Analysen wird es im Jahr 2010 bereits in jeder vierten Familie einen pflegebedürftigen Angehörigen geben. Dabei will ein Großteil dieser Menschen möglichst lange und am liebsten bis zum Lebensende in den eigenen vier Wänden bleiben können.
In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Einsatzstunden in der mobilen pflegerischen und sozialen Betreuung um den Faktor vier bis fünf vervielfacht. Trotzdem gibt es viele Betreuungslücken, vor allem wenn es um längere Betreuungszeiträume geht. In diese Lücken springen immer öfter Pflegekräfte ein, die teils im rechtlichen Graubereich und oft unter bedenklichen Bedingungen arbeiten. Laut aktuellen Studien wird deren Zahl auf bis zu 40.000 geschätzt.„Ohne diese Kräfte, die oft aus Tschechien, Polen oder Ungarn kommen, würde das System des mobilen Pflegedienstes bei uns zusammenbrechen“, ist Krajic überzeugt. In diesen Ländern stehen viele ausgebildete Pflegekräfte auf der Straße.

Unerschwingliche Angebote?

„Pflege rund um die Uhr ist für viele Menschen unerschwinglich, unser Angebot stellt hier eine Alternative dar“, erklärt Harald Drescher, Obmann von „St. Elisabeth“, einem jener Vereine, die Pflegebetreuung in Österreich mit Hilfe von qualifizierten Pflegekräften aus osteuropäischen Ländern anbieten (siehe Kasten). Das Pflegepersonal ist Mitglied beim Verein und erhält von den zu Pflegenden, die ebenfalls Mitglied werden, ein so genanntes Taschengeld in der Höhe von 45 bis 58 Euro pro Tag. „Wir wissen, dass wir uns eigentlich im Graubereich bewegen“, so Drescher, „aber anders könnten sich viele Menschen eine 24-Stunden-Betreuung überhaupt nicht leisten.“
Dem Pflegepersonal kann momentan keine wirkliche Absicherung durch Kranken- oder Pensionsversicherung geboten werden. „Hier ist die Politik gefragt, dass sich die Rahmenbedingungen möglichst rasch ändern“, fordert Drescher. „Durch unser Angebot können wir eine leistbare mobile Betreuung rund um die Uhr gewährleisten, was in den nächsten Jahren immer stärker gefragt sein wird.“
Mag. Gero Stuhler vom Staatssekretariat für soziale Sicherheit und Generationen betont zur sensiblen Thematik: „Der Pflegebereich ist seit der §15a-Vereinbarung aus dem Jahr 1993 Angelegenheit der Länder. Sozialministerin Haubner hat eine Expertengruppe für den Bereich der Pflegevorsorge eingesetzt, die neue Impulse bringen wird.“ Auf Landesebene sind die Arbeitsbedingungen bei Vereinen wie „St. Elisabeth“ bekannt. So wird beispielsweise in Oberösterreich an einem neuen Pflegegesetz gearbeitet, das auch für den „grauen Pflegebereich“ Neuregelungen bringen soll.
Bis dahin kann aber noch viel Wasser die Donau hinab fließen. Krajic sieht eine Möglichkeit darin, an die Vergabe des Pflegegeldes eine minimale Qualitätssicherung zu koppeln. Damit soll sicher gestellt werden, dass die um das Geld erworbenen Leistungen auch ihren Preis wert sind. Seitens der politisch Verantwortlichen sollte aktiver Kontakt mit den verschiedenen Anbietern aufgenommen werden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen, unter anderem für die soziale Absicherung der Mitarbeiter.
Ärzten empfiehlt Krajic, „auf jeden Fall mit der vom zu Betreuenden gewählten Pflegeperson direkten Kontakt zu suchen und zu prüfen, über welche Qualifikationen diese verfügt bzw. welchen Rückhalt der Arbeitgeber bietet“. Ein großer Teil der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen wäre überfordert, aus dem unübersichtlichen Angebot das Optimale herauszusuchen.

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