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Bereits Lehrer könnten in Gesundheitskompetenz trainiert werden und unseren Kindern in der Schule dieses Wissen vermitteln.
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Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz, MSc., ist in der Research Unit for Safety in Health, Klinische Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Universitätsklinik für Chirurgie, MedUni Graz tätig.

 
Gesundheitspolitik 29. September 2017

Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessern

Expertenbericht. Es sollte einer Gesellschaft ein Anliegen sein, dass all seine Mitglieder über genügend Wissen verfügen, um selbstständig Entscheidungen zur eigenen Gesundheit treffen zu können. Da jedoch unterschiedliche Ausgangssituationen vorliegen, muss das Wissen leicht verständlich aufbereitet sein.

Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit des einzelnen Menschen im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Gesundheitskompetenz stärkt somit eine Person in ihrer Selbstbestimmung und in ihrer Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit zu Gesundheitsfragen und verbessert die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, diese zu verstehen und damit Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

Mangelnde Gesundheitskompetenz wirkt sich negativ auf die Gesundheit einer Person aus. Dieses hat wiederum auch negative Folgen für verschiedene Gesellschaftsbereiche, beispielsweise höhere Kosten im Gesundheitssystem. Laut der American Medical Association ist davon auszugehen, dass in den USA unzureichende Gesundheitskompetenz schätzungsweise jährlich Kosten von 73 Milliarden Dollar verursacht. Auf der Ebene „Gesundheitssysteme“ werden die zusätzlichen Kosten durch geringe Gesundheitskompetenz auf drei bis fünf Prozent der gesamten Gesundheitskosten geschätzt.

Kompetenz und Status korrelieren

Schlechter Gesundheitszustand hängt unter anderem oft mit geringerer Gesundheitskompetenz und niedrigerem sozio-ökonomischem Status zusammen. Aktuelle Studien zeigen, dass Personen mit niedriger Gesundheitskompetenz beispielsweise weniger gesundheitsfördernde Entscheidungen treffen oder geringere Therapietreue (Compliance) und Selbstmanagement-Fähigkeiten im Krankheitsfall besitzen.

Vor allem ältere oder sozio-ökonomisch benachteiligte Menschen, wie Migranten oder Personen mit einer geringen Schulbildung, sind von den negativen Auswirkungen geringer Gesundheitskompetenz betroffen. Maßnahmen zur Förderung von Gesundheitskompetenz spielen daher eine wichtige Rolle, um diese gesundheitlichen Ungleichheiten zu verringern.

Ziel dieser Health-Literacy-Maßnahmen ist beispielsweise, Informationen so aufzubereiten und gesundheitliche Angebote so zu gestalten, dass sie von der Zielgruppe verstanden und angewendet werden können. Die Ausrichtung von Maßnahmen auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ist eine zentrale Voraussetzung, um gesundheitskompetenz-fördernde Verhältnisse zu schaffen und Menschen bei eigenverantwortlichen Entscheidungen zu unterstützen. Wichtiger Faktor zur Bildung von Gesundheitskompetenz ist das Bildungswesen; daneben sind vor allem das Gesundheitssystem und kulturelle und gesellschaftliche Lebensfelder wichtige Ansatzbereiche für Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz.

Hierzulande existieren bereits zahlreiche Maßnahmen, die zur Stärkung von Gesundheitskompetenz beitragen. Wichtig ist, dass Health-Literacy-Maßnahmen in bereits bestehende Initiativen und Programmen eingebaut werden, um möglichst wirksam und kosteneffizient zu sein; d. h. bei der Umsetzung von Maßnahmen gilt es, auf bestehenden Initiativen aufzubauen und um fehlende Aspekte der Gesundheitskompetenz zu ergänzen. Entscheidend ist aber ein breit abgestimmtes, strukturiertes und langfristig aufgebautes Vorgehen, um die Verbesserung der Gesundheitskompetenz als nationales und regionales Ziel zu verfolgen.

Neben der Stärkung der individuellen Gesundheitskompetenz brauchen wir gesunde Lebenswelten, wie Betriebe oder Schulen sowie gesellschaftliche und gesetzliche Rahmenbedingungen, die den Menschen hierzulande ermöglichen, gesund zu bleiben.

Gesundheitsziele erreichen

Die Verbesserung der Gesundheitskompetenz ist ein entscheidender Faktor, um Gesundheitsziele, wie die Erhöhung der Anzahl gesunder Lebensjahre, die Reduktion von chronischen Erkrankungen oder die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten zu erreichen.

Gesundheitsbereich. Geringe Gesundheitskompetenz führt beispielsweise zu häufigeren Krankenhausaufenthalten oder auch zu geringerer Compliance und damit verbunden zu einer wahrscheinlich weniger erfolgreichen Therapie. Das damit Kosten für den Gesundheitsbereich verbunden sind, ist einleuchtend.

Wirtschaft. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich höhere Gesundheitskompetenz direkt auf die krankheitsbedingten beruflichen Abwesenheiten auswirkt. Überdies können sich gesundheitskompetente Personen besser für gesunde und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen einsetzen.

Gesellschaft. Es kann erwartet werden, dass sich Personen mit einer höheren Health Literacy eine gesundheitsfördernde Umgebung einrichten können. Daraus resultieren wiederum weniger lange krankheitsbedingte Absenzen, weniger Spitalsaufenthalte etc. Besonders Personen, die für andere gesundheitsrelevante Entscheidungen treffen, kommt eine wichtige Rolle zu (z. B. betreuende Personen).

Aufgaben für das Gesundheitssystem

Beispiele für mögliche Zielbereiche eines strategischen Aktionsplanes:

- Entwickeln und zur Verfügung stellen von vertrauenswürdigen und umsetzbaren Gesundheitsinformationen.

- Unterstützen von Maßnahmen im Gesundheitssystem, um Gesundheitsinformationen, Kommunikation, informierte Entscheidungsfindung und den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern.

- Berücksichtigung von Gesundheitskompetenz in der Vorschul-, Schul- und Erwachsenenbildung bzw. Elternbildung sowie in der außerschulischen Jugendarbeit

- Unterstützung von lokalen Maßnahmen der Gesundheitsbildung spezieller Zielgruppen, die den Bedürfnissen, beispielsweise Kultur und Bildungsniveau, angepasst sind.

- Partnerschaften zwischen politischen Bereichen und Organisationen bilden.

Training notwendig

Training von Gesundheitsberufen in patientenorientierter Kommunikation, etwa bei Patientengesprächen. Die Kommunikation muss auf das Wissensniveau und die Sprache der Zielgruppe (z. B. Kinder und Jugendliche) sowie auf sozio-kulturelle Hintergründe (z. B. Fremdsprachen) der Person angepasst sein. Dazu gehört auch sicherzustellen, dass der Gesprächspartner die Botschaft tatsächlich verstanden hat (z. B. Teach-Back-Methode).

Mögliche Maßnahmen wären eine patientenorientierte Kommunikation, die in den Ausbildungs-Curricula aller Gesundheitsberufe berücksichtigt werden sollte. Weiters sollte es einfache und verständliche schriftliche Gesundheitsinformationen geben, wie etwa Broschüren und Ratgeber, Patienteninformationen zu medizinischen Behandlungen, mit einfach verständlicher Darstellung des Risikos, Checklisten, Entscheidungshilfen (Decision Aids) etc.

Technische Mittel

Auch moderne Kommunikationstechnologien sollten dazu eingesetzt werden, Informationen zu vermitteln, um die Entscheidungs- und Problemlösungsfähigkeit zu steigern. Da diese Technologien tendenziell dazu beitragen, soziale Ungleichheiten zu verstärken, ist es wichtig, auch sozial benachteiligten Gruppen einen niederschwelligen Zugang zu diesen Technologien bzw. Informationen zu ermöglichen.

Dadurch könnten Orientierungshilfen im Gesundheitssystem gegeben werden, die bei der Entscheidung über die Auswahl einer Gesundheitsleistung unterstützen und zur Transparenz beitragen. Auch niederschwellige Beratungsstellen zu Gesundheitsfragen (z. B. 24-StundenServicetelefon), persönliche Beratung und Betreuung in bestimmten Situationen, wie Spitalsentlassungen, Pflege zu Hause etc., durch beispielsweise Case Managern, Family Health Nurses etc. könnten angeboten werden.

Qualitätsberichte oder Online-Informationen über Qualitätsdaten von Gesundheitsdienstleistern sind eine weitere Möglichkeit. Diese sollten leicht verständlich sein.

Für Patienten mit chronischen Erkrankungen wären beispielsweise Disease-Management- oder Selbstmanagement-Programme interessant. Auch die Unterstützung von Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen wäre hierbei hilfreich.

In Bezug auf die Organisationen wäre die Anwendung von Tools zur Verbesserung der Health-Literacy-Freundlichkeit, beispielsweise im Rahmen des Qualitätsmanagements von Spitälern denkbar. Das würde auch zu einem patientenorientierten Gesundheitssystem führen, wodurch eine Bürger- oder Patientenbeteiligung gefördert werden würde.

Kultur und Gesellschaft

Viele Gesundheitsentscheidungen werden in Alltagssituationen getroffen, die nicht direkt mit dem Gesundheitssystem in Zusammenhang stehen. Familien, Freunde oder andere Gemeinschaften dienen häufig als grundlegende Informationsquelle zu gesundheitsrelevanten Themen, etwa für einen gesunden Lebensstil, eine Selbstbehandlung, Erste Hilfe, Impfungen, Verhütung etc., und beeinflussen somit die Gesundheitsentscheidungen der einzelnen Person.

Zu den Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz im Bereich Kultur und Gesellschaft zählen beispielsweise:

- Gesundheitsförderungsprojekte für benachteiligte Gruppen, um soziale und/ oder gesundheitliche Ungleichheiten auszubalancieren,

- Kommunikationskampagnen, um die Motivation für gesundes Verhalten zu steigern und Verhaltensänderungen zu unterstützen, auf Basis professioneller Kommunikationstechniken und Marketingprinzipien („Social Marketing“).

- Health Advocacy: Die Strategie ist auf die Veränderung von politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Hinblick auf ein Gesundheitsthema (z. B. Nichtrauchen, mentale Gesundheit) durch Maßnahmen der Meinungsbildung ausgerichtet. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Stärkung der Bürgerrechte (Stichwort Partizipation) und Patientenrechte.

In Schulen, bei außerschulischer Jugendarbeit sowie bei der Erwachsenenbildung könnten Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz angesetzt werden. Beispielsweise könnten Lehrer in der Vermittlung von Gesundheitskompetenz trainiert werden, wodurch eine verstärkte Berücksichtigung von Gesundheitsthemen in Lehrplänen an Schulen möglich wäre. Das könnte durch altersentsprechende Lehr- und Informationsmaterialien unterstützt werden.

Vor allem ältere oder sozioökonomisch benachteiligte Menschen sind von den negativen Auswirkungen geringer Gesundheitskompetenz betroffen.

Lars-Peter Kamolz
, Ärzte Woche 40/2017

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