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© Martin Krenek-Burger

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Gesundheitspolitik 29. September 2017

Alles andere war primär

89. Gesundheitspolitisches Forum. Vertreter von Ministerium, Hauptverband und Ärztekammer diskutierten, was mit dem PHC-Gesetz geschaffen wurde: totes Recht oder der Start in eine bessere Primärversorgung.

Der Einstieg in die Diskussionsrunde im Wiener Billrothhaus – Titel: „Primärversorgt – aber wie?“ – war ein retrospektiver. „Herr Dr. Ostermann, hat es ein PHC-Gesetz gebraucht“ fragte die Moderatorin den Geschäftsführer der „Gesundheit Österreich GmbH“, Prof. Dr. Herwig Ostermann. Das Gesetz helfe bei der flächendeckenden Umsetzung der Primärversorgung.

Bis 2021 sollen in Österreich 75 Primärversorgungseinheiten und -netzwerke entstehen (zum praktischen Aufbau und zur juristischen Ausformung dieser Zentren siehe Interview auf S. 4). Öffentliche Anschubfinanzierung: 200 Millionen Euro. Derzeit gibt es solche medizinischen Knotenpunkte in Enns (OÖ), Mariazell (Stmk) und in Wien (Mariahilf, Donaustadt). Im Burgenland sind laut dem hiesigen Gesundheitslandesrat drei Zentren geplant.

Ärztekammer-Präsident Prof. Dr. Thomas Szekeres widersprach: „Es gibt den quasi lebenden Beweis, dass es kein Gesetz braucht, nämlich das PHC in Mariahilf, gegründet zu einer Zeit, in der es kein Gesetz gab.“ Es sei auch nicht so, dass sich die Ärzte reißen würden, in einem PHC mitzumachen. Ich bewundere die Kollegen im PHC im 22. Bezirk, es ist gar nicht sicher, dass das funktioniert.“ Bewähren werde sich das Gesetz in der Praxis müssen, wenn sich niemand finde, handle es sich um totes Recht.

„Wenn es das größte Risiko ist, dass wir totes Recht geschaffen haben, dann war es den Aufwand allemal wert.“ So konterte der neue Hauptverbands-Vorsitzende Dr. Alexander Biach. Sinn und Zweck der Bemühungen sei die Sicherstellung der Versorgungssicherheit, „das ist ja nicht so schwer ableitbar“. Das PHC-Gesetz sei nicht zuletzt als „symbolischer Akt“ wichtig gewesen.

Martin Krenek-Burger

Wir beschreiten jetzt und hier ganz neue Dimensionen

„Wenn man mich fragt, ob wir bis 2021 die geplanten 75 Primärversorgungseinheiten erreichen, dann antworte ich: Das schaffen wir sicher. Die lange Suche nach Ärzten für das PHC beim Donauspital hatte nichts mit den Vertragsbedingungen zu tun. Ich komme selber aus der Wirtschaft: Wenn sie die Anschubfinanzierung von 200 Millionen durch 75 dividieren, das sind exakt 2,66 Millionen. Wenn das kein Anreiz ist, eine gescheite Gründerinitiative zu starten, dann weiß ich auch nicht. Wir sind aufgrund der Erfahrungen, die wir in Oberösterreich, in der Steiermark und in Wien gesammelt haben, auch besser gerüstet. Wir beginnen dieser Tage mit den Verhandlungen über einen Gesamtvertrag für ganz Österreich mit der Ärztekammer. Da werden ganz neue Dimensionen beschritten. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein massives Interesse der Ärzteschaft daran gegeben ist.

Ich verstehe die von Präsident Szekeres eingebrachten Bedingungen für mehr Sicherheit, für mehr Planbarkeit und auch für die Möglichkeit der Rückkehrbarkeit (Anm.: das Wiederaufleben des Kassenvertrages bei Ausscheiden aus einem PHC), aber mir geht es darum, dass wir hier eine neue Form schaffen, die sowohl von den Patienten als auch von den Ärzten gewünscht ist. Die 200 Millionen Euro Anschubfinanzierung wurden von den Landes-Zielsteuerungskommissionen reserviert, werden also nicht von der Sozialversicherung alleine aufgebracht (Anm.: In diesen Kommissionen sitzen jeweils fünf Vertreter der Länder und Sozialversicherungen sowie einer des Bundes). Ich würde aber schon darum bitten, nicht immer alles auf die Frage zu reduzieren, ob frisches Geld in das System hineingeworfen wird. Das hemmt die Innovationskraft der Primärversorgungseinheiten. Wir können durch die telefonische Gesundheitsberatung (Anm.: 1450 – die Gesundheitsnummer), die derzeit in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg angeboten wird, viel abfangen. Bei der Gesundheits-Telefonberatung Medi 24 in der Schweiz ( www.medi24.ch ) melden sich 4.000 Anrufer am Tag, von denen 2.000 in den ambulanten oder niedergelassenen Bereich weitergeleitet werden, 2.000 werden am Telefon abgefangen. Abschließend möchte ich sagen: Gäbe es tatsächlich ernsthafte Aussagen, die den Hausarzt in Zweifel stellen, wäre das politisch sehr einfältig. Dafür würde ich mich nicht hergeben.“

Dr. Alexander Biach, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Wir erstellen gerade regionale Versorgungsprofile

„Man kann über die Höhe der Anschubfinanzierung diskutieren, man kann hinterfragen, aus welchen Töpfen die Mittel kommen, die zentrale Frage ist aber die Einigung zwischen Bund und Ländern. Die Bundesländer sagen, dass die Primärversorgung eine Aufgabe ist, an der sie auch beteiligt sind. Wir haben Primärversorgungsstrukturen, wo Sozialarbeiter miterfasst sind, wir haben Primärversorgungseinheiten, wo die Pflege eine zentrale Aufgabe übernimmt, insbesondere wenn es darum geht, die Langzeitpflege zu organisieren. Das hebt die Qualität der Primärversorgung im Zusammenspiel mit den Hausärzten. Man kann natürlich sagen, dass 75 Primärversorgungszentren bis 2021 ambitioniert sind. Auf der anderen Seite müssen wir noch lernen. Was sind zum Beispiel vernünftige Ausstiegsszenarien aus einer Primärversorgungseinheit? Je mehr die Ärztekammer sich bei solchen Fragen einbringt, desto besser.

Die Kritik am Gesetz, dass es zu detailliert und kompliziert sei, kann ich nicht verstehen. Das Muss-Kriterium ist, dass die Pflege mit an Bord ist. Das kann aber auch in verschiedenen Formen passieren. Ich brauche in meiner Heimat im Zillertal ganz andere Kooperationspartner als in Regionen, wo die Rate an Diabetikern sehr hoch ist. Die Erwartungshaltung an die Primärversorgung ist, ein Versorgungskonzept aufzustellen. Wir wollen seitens des Ministeriums aber auch seitens der Gesundheit Österreich künftige Projektinteressenten unterstützen. Wir sind gerade dabei, regionale Versorgungsprofile zu erstellen, einen Kompass zur Verfügung zu stellen über die Gesundheitsherausforderungen in den verschiedenen Regionen. Das ist eine unterstützende Information, die wir den Anbietern liefern. Am Ende geht es darum zu beschreiben, wie wir eine spezifische Population versorgen wollen. Es ist viel diskutiert worden, wer denn die Primärversorgungsstrukturen eigentlich betreiben soll. Werden das die Großkapitalisten sein? Es gibt in dem Gesetz ein Zugeständnis, dass zuerst die bestehenden Leistungserbringer gefragt werden. Genau dafür ist ein Gesetz gut.

Ein freier Beruf ist durchaus etwas, das unbestritten ist. Das heißt aber nicht, dass ein freier Beruf aus einer versteinerten Organisationsform des Einzelkämpfers besteht.“

Prof. Dr. Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH

Wir wollen den freien Arztberuf erhalten

„Was wir nicht wollen ist, dass man den klassischen Hausarzt totredet. Das machen maßgebliche Vertreter der Krankenkassen, die sagen, wir wollen keinen Hausarzt mehr, der ist tot, wir wollen nur noch PHC. Das stimmt so nicht. Wir haben eine Umfrage gemacht, 95 Prozent schätzen ihren Hausarzt maximal, nämlich mehr als jeden Spitalsarzt oder jeden niedergelassenen Facharzt. Der hat seine Funktion beim Begleiten über Generationen hinweg und als erster Ansprechpartner in der Nähe. Den wollen die Patienten nicht missen. Es kann es nur einen Mix geben. Man sieht auch am Beispiel des PHC Mariahilf, dass es andere Patienten sind, jüngere Menschen, die weniger Leistungen in Anspruch nehmen, die diese Ordination aufsuchen. Die Hausärzte in der Umgebung erfüllen weiterhin ihre Aufgaben. Das heißt: Den klassischen Hausarzt soll man nicht schlechtmachen. Wir wollen den freien Arztberuf erhalten und verhindern, dass Ärzte in Zukunft als Angestellte von irgendwelchen Unternehmen agieren. Das war nicht ganz aus der Luft gegriffen, es sind einige Firmen in den Startlöchern, die so ein PHC eröffnen möchten. Man kann sich so ein System wünschen, ich glaube nur, dass es damit nicht billiger wird. Normalerweise wollen Firmen ein Geschäft machen. Das wäre in dem Fall auch so, die Unternehmen würden größere Margen erzielen wollen, als sie die Ärzte derzeit haben. Denn reich wird man in der Regel nicht als Hausarzt, zumindest nicht in Wien.

Zum Schweizer Telefonservice möchte ich aufklärend ergänzen: In der Schweiz gibt es ein eigenes Versicherungsmodell, demzufolge man zuerst anrufen muss, bevor man persönlich zum Doktor gehen kann. Das gibt es bei uns Gottseidank nicht. Es gibt bei uns schon ein Telefonservice. Der Ärztefunkdienst 141 ist von 19 Uhr bis 7 Uhr in der Früh erreichbar, sowie an Wochenenden. Jährlich werden 120.000 Anrufe registriert und 60.000 Hausbesuche gemacht. Man hat schon bisher vielen Menschen am Telefon helfen können, allerdings kann man halt vieles am Telefon nicht beurteilen.

Zu den Kosten des Gesundheitssystems: Wir geben in Summe zehn Prozent des BIP für Gesundheit aus, Deutschland wendet mehr als elf Prozent auf. Wir haben keine exorbitant hohen Ausgaben im Vergleich zu Ländern, die ähnlich reich sind wie wir.“

Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

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