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Paul J. J. Welfens

BREXIT aus Versehen

Europäische Union zwischen Desintegration und neuer EU

Springer Verlag 2017, 390 S., Hardcover 20,55 Euro

ISBN 978-3-658-15874-3

 
Gesundheitspolitik 22. September 2017

Die süßeste Versuchung

Buchtipp

EMA. Wiens Chancen, der neue Standort der Arzneimittelbehörde und Heimat für 900 internationale Gesundheitsexperten zu werden, sind intakt. Auch weil man quasi schlüsselfertige Infrastruktur übergeben könnte. Die EMA ist ein Zuckerl, von dem die heimische Politik und auch die Pharmabranche gern naschen würden, ein Nicht-Zuschlag wäre aber kein Beinbruch, heißt es.

Was muss ein Standort „können“, damit er als neuer Sitz der Europäischen Arzneimittelagentur EMA infrage kommt? Lauscht man Frau Dr. Christa Wirthumer-Hoche, der Vorsitzenden des EMA Management Boards, dann sollte der Standort im Herzen Europas liegen, damit gut erreichbar sein sowie eine hochkarätige wissenschaftliche Landschaft und „visionäre Forschungscluster“ bieten. Stimmt wohl alles, aber was noch? Jeder der schon einmal umgezogen ist, kennt die Antwort auf diese Frage. Mag. Erika Sander auch: „Es ist eine Riesen-Herausforderung, am Freitag in London den Betrieb zuzusperren und am Montag woanders wieder aufzusperren.“ Diese Voraussetzung sei in Wien gegeben, sagt die Generalsekretärin der traditionsreichen Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuz.

Es gehören also auch ganz praktische Umstände ins Treffen geführt, um die Hundertschaften von EMA-Beamten nach Wien zu bekommen. Was noch? Wien offeriert den Traum jedes Mieters, die EMA müsse 25 Jahre lang – im Fall einer Übersiedlung nach Wien – für den Standort nichts bezahlen müsse. Auch den Familien der bei der EMA Beschäftigten würden zahlreiche Vorteile angeboten sowie für deren Kinder internationale Schulen bereitgestellt.

Anti-EU-Parolen daheim

Dafür kassierte die Bewerbung Österreichs, vorgetragen von SPÖ-Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner in Brüssel, prompt einen Rüffel der Freiheitlichen. Deren Gesundheitssprecherin, Dagmar Belakowitsch, sprach in einer Aussendung von „fünf Millionen an Voraussubvention“, mit der die Ministerin „mit einer typischen sozialistischen Umwegrentabilitätsrechnung gerechtfertigt“, die EU-Behörde nach Wien locken wolle. Österreich als „Mega-Nettozahler in die Finanztöpfe nach Brüssel“ solle „doppelt abgezockt werden“, meinte Belakowitsch.

Als kleiner Nachteil könnte sich desgleichen erweisen, dass Wien und Bratislava getrennt marschieren. Sollte Bratislava tatsächlich das Rennen machen, könnte Wien durch den Flughafen Schwechat und Übernachtungen zumindest auf indirekte wirtschaftliche Impulse hoffen. Rendi-Wagner: „Zuallererst sind wir für Wien als nächsten EMA-Standort. Neu zu schaffende Agenturen könnten für die neuen EU-Mitgliedsstaaten diskutiert werden“.

Wien hat seit 2007 die Europäische Grundrechteagentur, macht aber geltend, dass diese über nur 90 Mitarbeiter verfügt, während Kopenhagen die größere EU-Umweltagentur beherberge. Die EMA verfügt über fast 900 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte von ihnen sind verheiratet oder in einer registrierten Partnerschaft, Schulplätze für mehr als 600 Kinder werden benötigt. Und wenn im November tatsächlich eine andere Stadt den Zuschlag erhält? Ein Beinbruch wäre das laut einer Sprecherin eines Pharma-Konzerns nicht. Begründung: „Die EMA ist ja jetzt auch nicht da.“ Immerhin 18.000 Menschen sind in der pharmazeutischen Industrie beschäftigt. Und wenn Wien den Zuschlag für die EMA erhält, wäre das „ein Zuckerl“.

Martin Krenek-Burger
, Ärzte Woche 39/2017

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