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© Frank Augstein / picture alliance
Hauptquartier der Arzneimittelbehörde, London: Time to say goodbye.
 
Gesundheitspolitik 22. September 2017

Fish'n'Chips oder Mozartkugeln

Brexit. Welche europäische Großstadt darf sich mit dem begehrten EMAGütesiegel schmücken? Entschieden wird die Vergabe im November. Offizielle EU-Stellen halten sich bedeckt, hinter den Kulissen geht es aber anscheinend ähnlich gesittet zu wie bei der Eurovision-Song-Contest- Punktevergabe. Und dort hat Wien ja zuletzt eine Bella figura gemacht.

Was den Wahlvorgang für die nächste Heimstätte der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) im November angeht, sind Ähnlichkeiten mit dem Grand Prix de la Chanson vulgo Eurovision Song Contest nicht von der Hand zu weisen: In der ersten Runde können die 27 EU-Staaten jeweils drei Punkte, zwei Punkte und einen Punkt vergeben – ein Publikumsvoting ist allerdings nicht vorgesehen. In den nächsten Runden wird dann nur noch ein Punkt an die drei Bestplatzierten vergeben. Man geht derzeit von mindestens zwei Runden aus, denn um schon in der ersten Runde zu gewinnen, bräuchte ein Bewerber auf Anhieb jeweils drei Punkte von 14 EU-Staaten – dies gilt als ausgeschlossen.

Deutsch-französische Packelei

Die EU-Staaten können also nicht nur ihren eigenen Kandidaten, sondern auch einem Außenseiter Punkte geben, um einem Favoriten zu schaden. Wie beim Song Contest könnten sich Länder absprechen. So sollen Frankreich und Deutschland bereits vor Bekanntgabe der Vergabekriterien einen Deal beschlossen haben, der da lautet: Frankreich unterstützt die Kandidatur von Frankfurt am Main als neuen Heimatort der ebenfalls zu freien EU-Entnahme stehenden Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA), im Gegenzug dazu macht sich Deutschland dafür stark, dass die EMA nach Lille oder Paris übersiedelt. Über diese Absprache berichten belgische Blätter ebenso wie Le Monde oder der Guardian, in Brüssel wird – natürlich – heftig dementiert.

Begehrenswerte Geografie

Ebenfalls laut Buschtrommel möchten die osteuropäischen Länder sicherstellen, dass eines von ihnen – wer auch immer – die EMA erhält. Diese noch relativen jungen EU-Angehörigen fühlen sich benachteiligt, was die Vergabe von EU-Behörden angeht. Offiziell wird dem auch gerne Rechnung getragen, denn eines der sechs Kriterien für die Vergabe der EMA wurde auch mit „desirability of geographical spread“ formuliert – also: die möglichst gerechte Verteilung der EU Behörden innerhalb der EU.

Hinter vorgehaltener Hand verweisen einige Brüsseler Diplomaten allerdings darauf, dass die EMA bereits 1995 gegründet wurde, zu einem Zeitpunkt, als viele der Ostländer noch gar nicht Mitglied waren – es wäre damit quasi moralisch verwerflich, ihnen diese Behörde zu überlassen. Sehr leise werden auch die Sicherstellung eines „reibungslosen Ablaufs“ und die vorhandene Expertise dieser Länder angezweifelt, zwei weitere Vergabekriterien.

Medikamentöse Expertise

Diesbezüglich könnte Österreich punkten: Nicht nur stehen in Wien Bürogebäude, Angestellte, Telekommunikation und Schulen bereit und sind Verfügbarkeit, Häufigkeit und die Dauer der Flugverbindungen sowie die öffentlichen Verkehrsanbindungen vom Flughafen zur Agentur fix – das waren die übrigen Kriterien –, sondern Wien weist auch die geforderte Expertise auf. Als Herausforderung gilt nämlich die Übernahme derjenigen Arbeit, die bislang von den Experten der britischen Arzneimittelbehörde übernommen wurde. Großbritannien hat beispielsweise im Jahr 2016 ganze 208 Komitees oder Workshops für humane oder veterinäre Arzneimittel geleitet, und ein ähnliches Volumen an Komitees/ Workshops weisen derzeit nur Deutschland (195), die Niederlande (168), Schweden (157) und eben Österreich auf (150).

Einen Favoriten nennen zu wollen, ist kaum möglich. Der Stand der Dinge kann aber folgendermaßen zusammengefasst werden:

- Tschechien und Slowenien haben ihre Kandidatur zurückgezogen.

- Nur geringe Chancen werden Finnland eingeräumt. Begründung: Die Bewerbung hinterließ vor allem offene Fragen. Allerdings könnte dies dem hintergründigen Humor der Skandinavier geschuldet sein. Ein Sprecher meinte, dies sei eine „sehr finnische“ Art der Bewerbung, detaillierte Informationen spare man sich für den Schlussspurt auf.

- Polen möchte von sich aus jeden Eindruck verwischen, man interessiere sich für die Ansiedelung einer europäischen Behörde. Der Europaminister wird mit der Aussage zitiert, es sei weniger wichtig, wo die EMA sich letztendlich ansiedelt, „Hauptsache ist doch, die Behörde funktioniert“. Und „ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass sich Polen bewirbt“.

- Budapest kann sich nicht beklagen, denn es gibt zwei EU Behörden in der ungarischen Hauptstadt, nämlich die Europäische Polizeiakademie und das Europäische Innovations- und Technologieinstitut.

- Bulgarien sandte bislang widersprüchliche Signale aus. Die Regierung gab lange keine Kandidatur bekannt, einige Diplomaten in Brüssel behaupteten stets hartnäckig das Gegenteil. Und vor wenigen Tagen war es dann soweit: Sofia bewarb sich offiziell für den Sitz der EMA. „Wir erfüllen alle Kriterien“, sagte Außenministerin Ekaterina Sachariewa.

- Als „mäßig engagiert“ werden die Slowakei, Rumänien und auch Deutschland (Kandidat wäre Bonn) eingestuft. Denn Deutschland möchte, wie oben angesprochen, lieber den Zuschlag zur EBA bekommen, und beide Behörden – EMA und EBA – darf ein Land nicht übernehmen.

Bleiben also nur noch die Skandinavier, Belgien, die Niederlande, die Südländer Frankreich, Spanien, Italien sowie Irland. Und Österreich. Diese Länder werfen sich sozusagen mit Verve ins Zeug: Sowohl die Niederländer als auch die Franzosen und Portugiesen bieten den EMA-Mitarbeitern eine offizielle Stelle, deren Angestellte sich um ihre persönliche Übersiedelung kümmern würden. Italien – die Kandidatenstadt ist Mailand – und Spanien (Barcelona) brüsten sich mit architektonisch ansprechenden und stattlich ausstaffierten Gebäuden, die für die EMA bereitstünden. Das nimmt sich freilich bescheiden aus im Vergleich zu Wien, das gleich acht Gebäude als EMA-Heimstätte vorgeschlagen hat, wovon sieben zentral gelegen sind.

Außerdem buhlen diese im engeren Favoritenkreis rangierenden Länder mit:

- den längsten Eisenbahngleisen

- der Anzahl der U-Bahn-Stationen

- Carsharing Optionen

- der Nicht-Erforderlichkeit öffentlicher Verkehrsmittel („in Porto kann man überall zu Fuß hingegen“)

- den niedrigsten Taxigebühren (Rumänien)

- dem Wetter: Wien verweist stolz auf seine „vier Jahreszeiten“, Malta hält mit dem Gegenteil dagegen: „Bei uns ist das ganze Jahre über Sommer“.

Die Niederlande locken die englischen EMA-Angestellten mit ihrer „schicken“ Königin Maxima und dem Versprechen, dass jeder ihre Sprache spricht; außerdem könnten die p. t. Angestellten der EMA in Amsterdam Fish’n‘Chips essen. Dass Holländer versuchen, Engländer mit „gutem“ Essen zu locken, ist schon fast wieder ironisch. Laut einem Bericht des Unternehmensberaters KPMG, die vom dänischen Pharmariesen Novo Nordisk im Auftrag gegeben wurde, ist Kopenhagen ein heißer Kandidat.

Wie geht es jetzt weiter? Bis zum 30. September wird die EU-Kommission eine Beurteilung der Angebote auf Basis der Kriterien veröffentlichen, und im Oktober folgt eine politische Diskussion der Minister am Rande des Rates für „Allgemeine Angelegenheiten“. Man darf außerdem gespannt sein, welche Gesundheitsministerin oder welcher Minister im Fall des Falles nach der Wahl die Sektkorken knallen lassen darf.

Info

Wer den Zuschlag erhält, kann auf immense Zusatzeinnahmen hoffen. Die EMA (900 Mitarbeiter) und die EBA (170) richten jährlich Hunderte Konferenzen und Veranstaltungen mit Experten aus aller Welt aus. Zuletzt sorgten beide Agenturen in London für rund 39.000 zusätzliche Hotelübernachtungen pro Jahr.

Lydia Unger-Hunt, Brüssel
, Ärzte Woche 39/2017

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