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Die Rolle des Underdogs ist in Österreich vakant, auch den klassischen Platzhirschen gibt es nicht. In Deutschland ist es unwahrscheinlich, dass „David“ Schulz „Goliath“ Merkel zu Fall bringt.

© GEORG HOCHMUTH / picture alliance
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Duell mit einem Abwesenden: Von den drei Kanzlerkandidaten fehlte in der Ö1-Sendung „Klartext“ der in den Umfragen führende Sebastian Kurz. Einen Amtsbonus kann keiner der drei für sich reklamieren, die Rolle des Underdogs fällt am ehesten noch dem – ebenfalls abwesenden – Peter Pilz zu.

 
Gesundheitspolitik 8. September 2017

Platzhirsch gegen Underdog

Wahlpsychologie. Anders als bei der Bundestagswahl werden bei der Nationalratswahl in Österreich die klassischen Rollen des etablierten Amtsinhabers und des neuen Herausforderers nicht besetzt. Das liegt daran, dass es hierzulande seit Jahren eine starke Wechselstimmung gibt. Merkel und Schulz hingegen hoffen, den eigenen Vorteil zum richtigen Zeitpunkt auszuspielen.

Die Wahlkämpfe in Österreich und Deutschland sind Äpfel und Birnen, die zu vergleichen sich verbietet. Erklärung von Politikberater Rudi Fussi: „Das Niveau der Debatte ist in Deutschland eine völlig anderes. Das Thema Migration wird von Merkel ganz anders beantwortet als von den drei Mittelparteien in Österreich. So meinte zum Beispiel FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zum Fehlen von ÖVP-Chef Sebastian Kurz bei der Diskussionssendung „Klartext“: „Da hat man fast den Eindruck, er ist der teuerste Flüchtling Österreichs.“ Auch Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern vermochte das Niveau nicht zu heben: Er habe den Eindruck, „Herr Strache hat viele Bierfässer mit der ÖVP getrunken“.

Kerns eigentliches Problem ist aber, dass seine SPÖ – im Unterschied zu Merkel – in Umfragen deutlich zurückliegt. Die Folge: Merkel muss nicht offensiv sein, Kern hingegen ist gezwungen angriffig zu sein.

Dass sich in der jüngeren Vergangenheit kein Kanzler einen Amtsbonus aufbauen konnte, liegt laut Fussi daran, dass „in Österreich seit Jahren eine notorische Wechselstimmung vorhanden ist“. Der Neue habe hierzulande stets einen Vertrauensvorschuss, den Kurz lukriere. Einen echten Underdog gibt es diesmal nicht, „mit Abstrichen vielleicht noch Peter Pilz“. Ganz anders ist die Lage vor der Bundestagswahl in Deutschland.

„Sie kennen mich“ – mit diesem Ausspruch setzte Angela Merkel bei den Bundestagswahlen 2013 erfolgreich auf den Amtsinhaber-Bonus. Die deutschen Bundeskanzler blieben bis dato im Schnitt acht Jahre im Amt; bei ihrer Wiederwahl 2017 würde die erste Frau im Amt mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl gleichziehen. Aber kann sie erneut auf den Amtsinhaber-Effekt vertrauen?

Einiges spricht dafür. Einen beträchtlichen Bonus errechnete Prof. Dr. Ronny Freier vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bei bayerischen Bürgermeisterwahlen. Im European Journal of Political Economy beziffert er den Vorteil auf knapp 40 Prozentpunkte – so viel höher ist die Wahrscheinlichkeit für Amtsinhaber im Vergleich zu ihren Herausforderern, die nächste Wahl zu gewinnen. Mit steigender Einwohnerzahl und bei Bürgermeistern in Vollzeit falle der Amtsbonus sogar noch größer aus, so Freier. Er sei über mehr als 60 Jahre hinweg konstant geblieben, unabhängig von der Parteizugehörigkeit und dem Schuldenstand der Gemeinde.

In anderen Ländern hat man vergleichbare Effekte gefunden. Unter anderem waren in den vergangenen 150 Jahren amtierende US-Präsidenten bei ihrer zweiten Kandidatur „überwältigend erfolgreich“, schreiben der Politologe Prof. Dr. Christian Leuprecht und der Informatiker Prof. Dr. David Skillicorn 2016 in der Fachzeitschrift Electoral Studies.

Sie halten das Auftreten der Politiker für entscheidend: „Die Sprechweise der Amtsinhaber verändert sich während der ersten Präsidentschaft“, fanden Leuprecht und Skillicorn bei der Analyse von Wahlkampfreden heraus. „Während der zweiten Kampagne klangen die Kandidaten anders als während der ersten.“ Beispielsweise verzichteten sie auf negative Worte, äußerten sich weniger konkret und erwähnten den Gegner seltener. Weil der Wandel sehr schnell vor sich gehe, handle es sich wahrscheinlich nicht um einen Lernprozess, vermuten die Forscher. Vielmehr habe der Erfolg die Selbstwahrnehmung der Kandidaten verändert.

Selbst die Stimmfarbe zählt

Nicht allein über Worte, auch über ihre Stimme teilen Menschen mit, über wie viel Macht sie verfügen. Und die Zuhörer nehmen diese feinen Unterschiede wahr, wie Forscher um die Sozialpsychologin Dr. Sei Jin Ko von der San Diego State University feststellten. Sie hatten zunächst mehr als 100 Studierende beim Vorlesen von Texten aufgenommen. Dann sollten sich die Probanden vorstellen, dass sie beim Autokauf mit einem Händler verhandelten. Ein Teil von ihnen wurde dabei in die komfortable Situation versetzt, über viele Optionen oder Insiderinformationen zu verfügen. Diese Gruppe sprach in einer vergleichsweise konstanten, höheren Stimmlage, variierte aber häufiger die Lautstärke. Zuhörer konnten anhand dessen einschätzen, welche Sprecher sich in einer besseren oder schlechteren Verhandlungsposition befanden.

Der Bonus, den etwa amtierende Bürgermeister genießen, lässt sich schwerlich eins zu eins auf Kanzlerkandidaten übertragen. Überregionale Medien sorgen bei den Bundestagswahlen, anders als bei lokalen Ereignissen, für eine hinreichend große Bekanntheit des Herausforderers. Auf der anderen Seite scheint Angela Merkel übermächtig: Sie führt seit vielen Jahren die Forbes-Liste der mächtigsten Frauen der Welt an.

Auf den Amtsinhaber-Bonus sollte sich die Kanzlerin trotzdem nicht verlassen. Denn er hat einen mächtigen Gegenspieler: den Underdog-Effekt.

Die Macht von Umfrageergebnissen

Mit Donald Trump und Emmanuel Macron hatten zuletzt politische Newcomer die Nase vorn. Um sich glaubwürdig jenseits des politischen Establishments zu platzieren, half dem einen die fehlende politische Erfahrung und sein undiplomatisches Auftreten, dem anderen seine Jugendlichkeit und das Versprechen eines Neubeginns. Auch die Herkunft kann dazu beitragen: „When your name is Barack Obama, you’re always an underdog in political races“, soll der ehemalige US-Präsident einmal gesagt haben.

Um vom Underdog-Effekt zu profitieren, bedarf es jedoch keiner besonderen Merkmale. Es reichen schon ein paar schlechte Umfrageergebnisse, um sogar im Lager des Gegners punkten zu können. Das legte 1980 ein Experiment an der Cornell University nahe. Damals standen sich Ronald Reagan und Jimmy Carter im Kampf ums Weiße Haus gegenüber. Die Probanden bekamen fingierte Umfragen vorgelegt, denen zufolge mal der eine, mal der andere vorne lag.

War es Carter, wollten nur 30 Prozent für diesen stimmen und 44 Prozent für Reagan. Führte hingegen Reagan, sprachen sich 21 Prozent für ihn und 53 Prozent für Carter aus. Unter den Unentschlossenen votierten sogar zwei Drittel jeweils für den vermeintlichen Underdog. Aber selbst unter denjenigen, die vorab einen klaren Favoriten hatten, entschied sich noch rund jeder Vierte für den Gegner, wenn der eigene Kandidat als Frontrunner dargestellt wurde. Der Psychologe Prof. Dr. Stephen Ceci und der Soziologe Prof. Dr. Edward Kain wollten mit dieser Studie auf die Macht von Umfrageergebnissen hinweisen.

David gegen Goliath

Die verbreitete Sympathie für Underdogs tritt aber nur unter bestimmten Bedingungen auf. Wir identifizieren uns mit den Schwachen und freuen uns, wenn die Reichen und Mächtigen zu Fall kommen, aber nur, solange David bescheiden und Goliath überheblich rüberkommt. Und wir müssen Grund haben, an den Sieg von David zu glauben, eine Chance für ihn sehen, und sei sie noch so klein. Denn den sicheren Verlierer oder ein hoffnungsloses Unterfangen mag kaum jemand unterstützen. Der mit den schlechteren Karten soll es jedoch schaffen können. Aber bitte nur, weil er sich anstrengt, und nicht etwa, weil er über größere Mittel oder andere ungerechte Vorteile verfügt.

Solche Heldengeschichten kennen die meisten Kulturen; sie graben sich über Märchen und andere Erzählungen in die kollektive Psyche ein. So tief, dass sie eine realitätsgetreue Sicht der Welt manchmal auch vernebeln können. So fanden Forscher von der University of San Diego bei ihren Probanden verzerrte Erinnerungen an den Film „Rocky“, in dem der Underdog Rocky Balboa letzten Endes seinen großen Kampf verliert. „Der Mythos ist so mächtig, dass er unsere Erinnerungen verfälschen kann“, erläutern der Psychologe Prof. Dr. Nadav Goldschmied und seine Kollegen. Solche Verzerrungen könnten dazu beitragen, dass wir dem Underdog bessere Chancen einräumen, als er tatsächlich hat. Kein Wunder also, dass Forscher einen ausgeprägten Underdog-Effekt in den USA finden, wo die Idee des amerikanischen Traums, vom Tellerwäscher zum Millionär, tief in der Psyche verankert ist.

Deshalb lässt sich der Bonus womöglich nicht eins zu eins auf uns übertragen. Um wieder zurück zur deutschen Wahl als Beispiel zu kommen: Ein weiterer Punkt spricht gegen die Underdog-Qualitäten von Martin Schulz:

Die Zeit spielt gegen den Underdog

Newcomer verlieren mit der Zeit den Reiz des Neuen, wie das schnelle Abflauen des Schulz-Hypes zeigte. Sie werden zunehmend vertraut, bekommen aber auch zunehmend stereotype Eigenschaften von erfolgreichen Politikern zugeschrieben: sich in die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes nicht mehr hineinversetzen zu können, auf den eigenen Vorteil oder den der Klientel bedacht oder gar korrupt zu sein.

Nur passt die Kanzlerin nicht so recht in die Rolle des charakterlich verdorbenen Potentaten. Am Verhandlungstisch oder auf Gruppenfotos mit den Mächtigen der Welt wirkt sie vergleichsweise bescheiden und nicht wie der typische Topdog, den man gerne am Boden sehen möchte. Im Gegenteil bildet sie einen Kontrast zu den derzeit mächtigsten Männern der Welt, Trump und Putin.

Schlecht ist gut

So sprechen für Schulz als Underdog derzeit vor allem die schlechten Umfragewerte. Denn wenn man die Studie zu Reagan und Carter zugrunde legt, könnte er damit gerade bei den Unentschlossenen punkten. Das fällt umso mehr ins Gewicht, als der Anteil der Unentschlossenen seit 1998 gestiegen ist. Damals gaben zwei Drittel der Wähler an, ihre Entscheidung sei schon Monate vorher gefallen; zuletzt war es nur noch jeder Zweite. 16 Prozent entschieden sich bei den Bundestagswahlen 2013 erst in den letzten Wochen vor dem Urnengang, sieben Prozent sogar erst in den letzten Tagen. Würden zwei Drittel von 16 Prozent für ihn stimmen, wie die US-Studie nahelegt, könnte er allein auf diesem Weg fünf Prozent aufholen.

Web-Tipp

Wahlhilfe. Heimische Journalisten haben eine Reihe von Fragen formuliert, um den Bürgern bei der Qual der Wahl zu helfen:

www.wahlkabine.at

Das US-Orakel

In den USA sagt ein Modell des Historikers Prof. Dr. Allan Lichtmanden Ausgang der Präsidentschaftswahlen zuverlässig voraus. Die Partei des amtierenden Präsidenten darf den Schlüssel zum Weißen Haus demnach behalten, wenn mindestens 8 Antworten auf 13 Fragen für ihn positiv ausfallen – beispielsweise: Hat er das Weiße Haus ohne Skandal geführt? Hat er einen großen außenpolitischen Erfolg zu verzeichnen? Hat er eine militärische Niederlage erlitten? Seit seiner Entwicklung 1981 sagte das Modell alle Wahlausgänge bis auf einen korrekt (2000, George W. Bush versus Al Gore) vorher. Auch bei Trump lag es zwei Monate vor der Wahl richtig.

Spektrum/ MB, Ärzte Woche 37/2017

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