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Gesundheitspolitik 24. November 2005

Was passiert, wenn Chefärzte ablehnen?

Fast 40 Prozent der Patienten bleiben nach Ablehnung durch den Chefarzt unbehandelt. Diese Schlussfolgerung zieht die Pharmig aus einer Analyse von 2.911 Ablehnungen. Der Hauptverband weist die Kritik entschieden zurück.

„Es gibt offenbar eine neue Kategorie von Patienten, die durch alle Netze fallen“, erklärte Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs. „Auch beim Hauptverband weiß man das, weil dieses Phänomen durch eine eigene Studie belegt ist. Aber offenbar ist das dort allen egal“, lautet Hubers nüchterner Schluss.

2.911 Ablehnungen analysiert

Im März und April 2004 hat der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger in der hausinternen Stabsstelle „Evidence Based Medicine“ eine Studie über die Auswirkungen von Ablehnungen durch den Chefarzt durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift „Soziale Sicherheit“ im Dezember 2004 veröffentlicht. Untersuchungsgegenstand waren exakt 2.911 chefärztliche Ablehnungen in der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft im März und April 2004. Ein Resultat war: 52,22 Prozent der Patienten haben trotz einer ersten Ablehnung durch den Chefarzt das beantragte Medikament dann doch bekommen. „Das heißt, dass in mehr als der Hälfte aller Fälle die Ablehnung schlichtweg falsch war“, kritisiert Huber. „Eine Feh-lerquote, die sich kein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen leisten könnte.“

Fälle ohne Ersatztherapie

Das aus Sicht der Pharmig bemerkenswerteste Ergebnis der Hauptverbands-Studie war, dass 38,20 Prozent der Patienten nach der Ablehnung durch den Chefarzt das beantragte Medikament nicht bekommen haben und auch keine Ersatztherapie mit einem anderen Medikament feststellbar war. „Das ist jene Kategorie von Patienten, um die sich offenbar heute niemand mehr kümmert“, argumentiert Huber. „Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Patienten bezahlen ihre Behandlung selbst, was sich aber nur wenige leisten können, oder sie bleiben einfach unbehandelt, was eine Gefahr für die Gesundheit und höhere Folgekosten nach sich zieht. Und wenn man nicht unterstellt, dass alle diese Patienten zuvor Hypochonder waren und die Ärzte aus Jux und Tollerei chefarztpflichtige Medikamente verschreiben, ist das ein alarmierender Befund und muss den Gesundheitspolitikern zu denken geben.“ Nur 9,58 Prozent der Patienten sind nach der Ablehnung durch den Chefarzt auf ein billigeres Medikament in einer vergleichbaren Indikation umgestellt worden. Huber: „Damit ist klar bewiesen, dass der angebliche Zweck der Chefarztpflicht kaum erfüllt wird und dieses Instrument sowohl ökonomisch als auch medizinisch ein Unsinn ist.“ Als „völlig falsche Wiedergabe“ bezeichnete der Hauptverband die Interpretation der Studie durch die Pharmig. Erstens gelte die Analyse nur für die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft, die Ergebnisse seien nicht ohne weiteres auf das Verhalten sämtlicher anderer Krankenversicherungen übertragbar. Daten und Auswertungen beziehen sich außerdem auf die Situation vor der „Chefarztpflicht Neu“.„Die Studie hat ja nur das Schicksal von abgelehnten Anträgen untersucht“, so Autor Gottfried Endel, Leiter der Stabstelle „Evidence Based Medicine“ im Hauptverband. Tatsache sei, dass österreichweit rund 90 Prozent aller Anträge auf chefarztpflichtige Medikamente durch den chefärztlichen Dienst bereits im ersten Anlauf bewilligt werden. Für ganz Österreich würde dies bedeuten, dass lediglich ein verschwindend geringer Prozentsatz von Anträgen tatsächlich durch den chefärztlichen Dienst abgelehnt wird. Bei den meisten Ablehnungen handelt es sich um Fälle, die seitens des behandelnden Arztes entweder nicht ausreichend oder unleserlich dokumentiert werden.

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