zur Navigation zum Inhalt
Präsidentin Joanne Liu, hier nach einem Treffen mit der EU-Spitze in Brüssel 2016 zu sehen, berichtet von der Lage im ehemaligen Zaïre.
 
Gesundheitspolitik 1. September 2017

Gras wächst auf Gräbern

DR Kongo. Seit einem Jahr spielt sich in Kasaï, im Grenzland zu Angola, eine humanitäre Krise ab. Die Präsidentin von Médecins Sans Frontières (MSF), Joanne Liu, war vor Ort: „Selbst die Vögel haben aufgehört zu singen.“

MBDie Bilder eines Besuchs im ländlichen Teil der Region Kasaï, der besonders von der anhaltenden Gewalt betroffen ist, sind noch ganz frisch, als sie vor wenigen Tagen in die MSF-Zentrale in Genf zurückkehrt: Dörfer und Felder sind verbrannt, mehrere Massengräber wurden entdeckt und ausgehoben. Dr. Joanne Liu, internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, erinnert sich: „Ein Mann kam auf uns zu und sagte sehr gefasst, dass die Gewalt so schlimm war, dass sie Tage lang nicht die Vögel singen hörten.“

Rückblende. Tag der Ankunft in Kananga, einer typischen kongolesische Stadt mit rund 750.000 Einwohnern. Alles scheint in Ordnung zu sein. Die Märkte sind voller Menschen, laute Musik dringt aus den kleinen Läden. „Das war definitiv nicht die Situation, die wir vergangenen März bei unserer bislang letzten Visite vorfanden. In der Stadt herrschte damals Stille. Nicht eine einzige Schule oder ein einziger Laden waren geöffnet. Überall herrschte Angst. Mir wurde klar, dass der vermeintliche Alltag, den ich wahrnahm, der Erfahrung gleicht, das Grab eines geliebten Menschen ein Jahr nach der Beerdigung zu besuchen: Gras ist über das Grab gewachsen, der Alltag hat wieder eingesetzt.“

Geköpft die eine, vergewaltigt die andere

Der Alltag hat verdammt schnell Einzug gehalten in Kananga. „Einige Eindrücke meines Aufenthalts sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein jugendliches Mädchen, das lachend hinter anderen Kindern im Krankenhaus herlief. Es war, als wäre ihr nichts passiert. Doch mehrere Wochen zuvor wurde ihre Schwester vor ihren Augen geköpft. Bewaffnete Männer nahmen das Mädchen mit und hielten sie zehn Tage lang gefesselt fest. Sie vergewaltigten sie so viele Male, dass es unmöglich ist, zu sagen, wie oft genau.“ Ihre Peiniger drohten ihr den Kopf abzuschneiden, wenn sie von ihrem Martyrium erzählt. Liu ernüchtert: „Die Menschen in Kasaï haben so viel durchlebt, wir können uns das nicht vorstellen.“

Die Krise in Kasaï begann vor einem Jahr, doch es verging viel Zeit, bevor die Welt ihre Ausmaße erkannten. Wegen der andauernden Gewalt im Zentrum des Kongos leiden rund 400.000 Kindern unter einer lebensbedrohlichen Mangelernährung. In der Region mussten etliche Gesundheitszentren wegen Plünderungen, mangelnder Sicherheit für die Mitarbeiter und fehlender Medikamente geschlossen werden. „Ohne angemessene Gesundheitsversorgung, ohne Zugriff auf Essen und sauberes Wasser stehen die Leben von Hundertausenden Kindern auf dem Spiel“, sagte die Leiterin von UNICEF in West- und Zentralafrika, Marie-Pierre Poirier.

Seit der Anführer der Rebellengruppe Kamwina Nsapu im August 2016 durch die Polizei getötet wurde, kommt es in Kasaï immer wieder zu Gefechten. Knapp 1,3 Millionen Menschen sind UNO-Angaben zufolge vor der Gewalt in andere Teile des früher Zaïre genannten Landes geflohen.

Liu dazu: „In den schlimmsten Monaten kam zunächst keinerlei humanitäre Hilfe an – auch jetzt noch ist sie extrem eingeschränkt. Warum baten die Gemeinschaften nicht früher um Hilfe?“ Ein Dorfältester beantwortete die Frage so: „Wenn du auf dem Boden liegst und auf dich geschossen wird, kannst du nicht aufstehen und wegrennen.“ Ärzte ohne Grenzen fing erst im vergangenen März mit der Arbeit in Kananga an – „sehr spät, sicherlich zu spät“.

Die Wunden der Patienten, die in den Ambulanzen von Ärzte ohne Grenzen behandelt und operiert werden, erzählen von der extremen Gewalt, der die Menschen in Kasaï ausgesetzt sind. Vor lauter Angst haben manche schwer verletzten Menschen Tage oder Wochen gewartet, bevor sie einen Arzt aufsuchten. Ein Patienten, dem eine Hand abgehackt worden war, versteckte sich mehrere Wochen lang im Busch, voller Angst gefunden und getötet zu werden. Seine Wunde behandelte er mit traditioneller Medizin. Als er schließlich im Krankenhaus ankam, hatte sich ein Abszess gebildet und eine schwere Infektion hatte sich auf die Knochen seines Unterarms ausgeweitet. Die Folge: Amputation.

Liu weiter: „Wenn unsere psychologischen Teams fragen, was passiert ist, erzählen unsere Patienten nie, wer ihnen das angetan hat. Die Angst ist immer da. Aber sie erzählen uns ihre furchtbaren Geschichten: Ehemänner werden vor den Augen ihrer Frauen geköpft, Ehefrauen werden vergewaltigt. Das geschieht vor den Augen des Mannes und der Kinder, die gefesselt werden und gezwungen werden zuzusehen. Im Nachhinein kommen immer dieselben Fragen auf: Wie kann ich Geld verdienen, meine Familie ernähren, wieder ein Zuhause aufbauen? Wie sieht meine Zukunft aus?“

Liu vergleicht die Krise in Kasaï mit einem Waldbrand im Sommer. Erklärung: Ein einziger Funke im August 2016 hat die ganze Region in Flammen gesetzt. Millionen Menschen waren auf einen Schlag betroffen von Gewalt durch Angriffe der Milizen, Unterdrückung durch das Militär. Hinzu kommen lokale Konflikte, die im herrschenden Chaos zusätzlich ausgebrochen sind. „Auch wenn Kananga heute zur Normalität zurückkehrt, hört man sehr Beunruhigendes aus anderen Teilen der Region, die so groß ist wie ganz Italien. Aus Sicherheitsgründen ist fast kein Zugang zu diesen Regionen möglich, und so bleibt die Ungewissheit, was Gerücht und was Realität ist.“

Info

Ärzte ohne Grenzen. Die Hilfsorganisation betreibt im Allgemeinen Krankenhaus von Kananga eine Notaufnahme mit 70 Betten. Das Team operiert und behandelt Unfall- und Gewaltopfer. Seit April 2017 wurden 238 Patienten eingeliefert und das Team hat 550 Operationen durchgeführt. Seit Juni werden drei Gesundheitszentren und ein Krankenhaus in Tshikapa (Kasaï-Provinz) unterstützt, der Schwerpunkt liegt auf Kindern unter fünf Jahren, schwangeren und stillenden Frauen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben