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© Koen Blanckaert / BELGA / picture alliance
Bereits im Juli meldete Belgien den Fipronil-Nachweis an die EU-Behörde.
 
Gesundheitspolitik 25. August 2017

Eier, über die man spricht

Fipronil. Die belasteten Eierproben dürften nicht gesundheitsgefährdend sein, dennoch wird nun der Ruf nach einer Kennzeichnungspflicht für verarbeitete Eier-Produkte laut.

Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe trudelte eine weitere Hiobsbotschaft ein: Von insgesamt 13 in Kärnten gezogenen Eierproben waren drei mit Rückständen des Insektizids Fipronil belastet gewesen. Ist unser Frühstücksei noch zu retten? Antwort: Ganz sicher, und zwar aus mehreren Gründen. Die belasteten Proben waren in pasteurisierten Eiweißprodukten, die im Großhandel eingesetzt wurden, zu finden. 80 Prozent der in Österreich bis Mitte August genommenen Proben (Frisch-Eier, Backwaren, Hühnerfleisch, Kekse, Mayonnaise, Teigwaren und Waffeln) waren nicht mit dem Insektengift belastet.

Die gemessenen Werte lagen zwischen 0,003 und 0,1 Milligramm pro Kilo und somit weit unter dem Wert von 1,2 Milligramm pro Kilo, der ursprünglich in Belgien gemessen wurde. Den brisanten Fund meldeten belgische Behörden bereits im Juli über das europäische Lebensmittel-Schnellwarnsystem an die übrigen EU-Staaten, berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel .

Vom heimischen Gesundheitsministerium wird jedenfalls Entwarnung gegeben: Es bestehe keine Gesundheitsgefahr, weder akut, noch wenn belastete Produkte über einen längeren Zeitraum konsumiert worden wären. Nachfrage bei Umweltmediziner Prof. Dr. Hans-Peter Hutter, der meint: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen„. Heftige akute Effekte wie Tremor, Unruhe, Krämpfe und Mortalität wurden tierexperimentell bei einer Dosis über 50 mg/kg beobachtet (EPA 1996). „Das zeigt, dass die akute Referenzdosis mit 0,009 mg/m vorsichtig gewählt wurde.“

Das Problem an sich

Gegen illegale und kriminelle Handlungen werde man schwerlich Prüfsysteme entwickeln können. Eine solche Verunreinigung könne natürlich auch in einem biologisch geführten, überschaubaren Kleinbetrieb passieren – „kriminelle Geister gibt es auf allen Ebenen“ –, bei Intensivtierhaltung seien aber auf einen Schlag gleich Hunderttausende Hühner betroffen.

Es gebe weit gefährlichere Stoffe, die kanzerogen seien oder anderweitige Gesundheitsrisiken nach sich ziehen. Der Fipronil-Skandal sei daher als ein Warnschuss für die ganze Branche zu verstehen.

Kommt die Kennzeichnungspflicht?

Und nun? Gehen wir einfach zur Tagesordnung über? Eher nicht, dazu ist die Sensibilität der Konsumenten zu hoch. Zwar vergessen die Käufer auch schnell wieder, aber ein gewisses Unbehagen bleibt, und dieses wird bei jedem Skandal neu geweckt. Woher kommt das? Mag. Alexandra Hofer, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Ernährung: „Im Einzelhandel können die Konsumenten nachvollziehen, woher ihr Ei stammt, in der Gastronomie können sie das nicht.“

In Italien, wo in vier Proben das Insektizid nachgewiesen wurde, fordert der Konsumentenschutzverband Federconsumatori mehr Lebensmittelsicherheit. Zwar ist der in den Eiern festgestellte Fipronil-Anteil sehr niedrig – insgesamt haben die Carabinieri 92.000 Eier beschlagnahmt –, dennoch setzen sich die Konsumentenschützer für eine EU-weite Herkunftskennzeichnung für landwirtschaftliche Zutaten in verarbeiteten Produkten, verpflichtende Produktkennzeichnungen und den Beschluss eines Gütesiegelgesetzes ein. In Österreich fordern Landwirtschaftskammer, die Tierschutz-NGO Vier Pfoten und die Zentrale Arbeitsgemeinschaft der Geflügelwirtschaft eine Kennzeichnung von verarbeiteten Eiern.

Widerstand kommt vom Fachverband der Lebensmittelindustrie. Der lehnt eine verpflichtende Herkunftsangabe ab. Geschäftsführerin Mag. Katharina Koßdorff erklärt das so: „Leider haben sich bei Fipronil nicht alle Landwirte an die nötige Lebensmittelsicherheit gehalten und Fipronil verbotenerweise zur Reinigung der Ställe eingesetzt. Wenn jetzt versucht wird, die Verantwortung an die nächsten Partner in der Verarbeitung abzuschieben, ist das wohl dem Wahlkampf geschuldet.“

Eine Kennzeichnung allein schaffe nicht mehr Sicherheit, meint sie: „Eine verpflichtende Kennzeichnung von verarbeiteten Eiern auf der Verpackung eines Lebensmittels wäre für die Weiterverarbeiter von Eiern kostspielig, etwa wenn die Eier mangels Qualität oder Menge kurzfristig nicht verfügbar sind und der Hersteller auf einen anderen Lieferanten ausweichen muss. Dann wäre die Herkunftsangabe der Eier schlichtweg falsch und von der Behörde zu beanstanden.“

Österreich benötigt laut Fachverband jährlich rund zwei Milliarden Eier, um den Inlandsmarkt zu versorgen. Der Selbstversorgungsgrad von Eiern aus Österreich liege bei 80 Prozent. Die heimischen Eier gehen als Frischei in den Lebensmitteleinzelhandel. Hersteller greifen für die Verarbeitung auf Eier aus anderen Ländern zurück.

Das Nervengift

Fipronil führt in höheren Dosen zu Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, bis hin zu Lähmungserscheinungen. Der Stoff kommt in der Veterinärmedizin zum Schutz von Hunden vor Flöhen und Zecken zum Einsatz, zudem wird es als Pflanzenschutzmittel angewendet. Das Insektengift wurde offenbar einem Reinigungsmittel für Hühnerställe beigemischt und kam so in Umlauf. Im Verdacht steht das Desinfektionsmittel Dega 16. In den Niederlanden sitzen zwei Chefs eines Stallreinigungsbetriebs in Untersuchungshaft, die Dega 16 in vielen Hühnerställen versprüht haben.

Der Risikoatlas der Agentur für Ernährungssicherheit zeigt die Diskrepanz zwischen dem, was heimische Konsumenten als Bedrohung sehen, und den realen Gefahren auf. Während die durchschnittliche Bevölkerung beim Essen am meisten die Belastung durch Pestizide, Zusatzstoffe und genetisch veränderte Organismen fürchtet, messen Experten Fehlernährung, Salmonellenbelastung und anderen pathogenen Mikroorganismen wie Listerien weitaus mehr Bedeutung zu.

 

Martin Křenek-Burger
, Ärzte Woche 35/2017

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