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Dr. Lars Jaeger


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Ernst Peter Fischer

 

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Prof. Dr. Renée Schroeder

 
Gesundheitspolitik 25. August 2017

Aufbruch ins Zeitalter der Selbstoptimierung

Genetik. Mithilfe von Gen-Editierung scheint ein massenhafter Zugriff auf das menschliche Erbmaterial nur noch eine Frage der Zeit.

Der modernen Biologie stehen Methoden zur Verfügung, um Sequenzierungen, die im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts „Ewigkeiten“ gedauert und Milliarden Dollar verschlungen hat, in wenigen Stunden für demnächst nur noch ein paar Tausend Dollar zu liefern. Die Debatte über den massenhaften Zugriff auf das menschliche Erbmaterial und den Einsatz der dabei gewonnenen Informationen hat bei den beteiligten Experten die Einsicht wachsen lassen, dass sich die genetischen Wissenschaften in eine völlig neue Situation hineinmanövriert haben.

Mithilfe von CRISPR oder mit vollem Namen „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“ lassen sich Gensequenzen punktgenau ersetzen, verändern oder entfernen, und dies schnell, präzise und billig. Das hat unter Wissenschaftlern und Ethikern zu breiter Besorgnis geführt.

Die Biochemikerin und Wittgenstein-Preisträgerin 2003, Renée Schroeder, geht fix davon aus, dass die Methode in der Medizin bei bereits geborenen Menschen Anwendung finden wird. Ethisch bedenklich werde es, wenn diese Methode an menschlichen Embryonen durchgeführt werde, um Menschen zu optimieren, sie leistungsfähiger oder schöner zu machen. Schroeder, die sich bei der Wahl im Herbst Chancen auf ein Nationalratsmandat ausrechnen darf, will dort ihre Expertise einbringen, „damit das Parlament vorbereitet ist, wenn die Zeit kommt diese Technologie durch Gesetze zu regeln“.

Martin Křenek-Burger

Staaten sind der Dynamik der Forschung nicht gewachsen

(Auszug aus dem Essay „Nun also doch – Gentechniker überschreiten eine neue Hemmschwelle auf dem Weg zu CRISPR Babys“, von Lars Jaeger, 2017) Vor mehr als zwei Jahren, im Mai 2015, stellte das Fachmagazin Nature eine Frage: „Wo in der Welt könnte das erste CRISPR-Baby geboren werden?“ Ergebnis: In einigen der untersuchten Ländern wäre bereits das Experimentieren mit menschlichen Embryonen eine Straftat, während in anderen fast alles zulässig ist. In den meisten Ländern sind die staatlichen Entscheidungsträger der Geschwindigkeit der Forschungsdynamik und des technologischen Wandels nicht gewachsen – und CRISPR ist nur ein Beispiel. [...] Es ist zu befürchten, dass, wenn präzise Genom-Bearbeitung in der klinischen Arbeit akzeptabel wird, um Krankheiten zu entlasten, es dazu kommt, dass diese Technologie verwendet wird, Eigenschaften aus nicht-medizinischen Gründen zu verändern, bis hin zu Verbesserung der Intelligenz oder Attraktivität. Ein ungleicher Zugang zu solchen Technologien könnte zu einem genetischen Klassenkampf führen, wenn gezielte Veränderungen am Genom in der Keimbahn auf spätere Generationen weitergegeben würden. Es ist zu befürchten, dass eine embryonale Bearbeitung mit CRISPR dauerhafte, unbeabsichtigte Konsequenzen haben könnte. [...] Derartige Möglichkeiten scheitern in den westlichen Demokratien noch an gesetzlichen Hürden und die Bedenken gegen solche Formen der Eugenetik sind hier sehr groß. Anders in China, wo man eugenischen Bemühungen sehr offen gegenüber scheint. [...] Ende Juli wurde der erste bekannte Versuch publik, auch in den Vereinigten Staaten mit CRISPR genetisch veränderte menschliche Embryonen zu erschaffen. [...] Dabei konnten der Biologe Shoukhrat Mitalipov und seine Kollegen zeigen, dass es möglich ist, defekte Gene, die erbliche Krankheiten verursachen, mit Hilfe von CRISPR sicher und effizient zu korrigieren. [...] Noch zieht die U.S. National Academy of Sciences eine rote Linie, wenn es um genetische Eingriffe in die Keimbahn des Menschen zum Zwecke der Verbesserung seiner Eigenschaften und Fähigkeiten geht. Wie lange diese Haltung noch Bestand haben wird, werden wir in den nächsten Jahren, vielleicht Monaten, sehen. Und trotz solcher Barrieren könnte die Schaffung eines CRISPR-Babys in Ländern erfolgen, in denen es keine gesetzlichen Beschränkungen gibt. Die Versuche von Mitalipov haben dazu beigetragen.

Dr. Lars Jaeger, Philosoph und Physiker

Kritikern fehlt der Mut ein generelles Verbot zu fordern

(Zitiert nach Ernst Peter Fischer, „Treffen sich zwei Gene“, Siedler Verlag 2017) In jüngster Zeit taucht vermehrt ein Begriff in den Medien auf, der im Amerikanischen „Gene Editing“ heißt. Wörtlich übersetzt wäre das „Gen-Editierung“ oder „Herausgabe von Genen“, besser ist der Ausdruck „Gen-Bearbeitung“ oder auch „Gen-Korrektur“. Es geht um Eingriffe in das Erbgut, die Textänderungen gleichen, wie sie Redakteure oder Lektorinnen an Manuskripten vornehmen. [...]

Wenn nun davon die Rede ist, dass ein genetischer Text – also das genetische Material eines Organismus – editiert werden soll, und man den Ausdruck so verwenden will, wie dies bei der Durchsicht von Buchmanuskripten geschieht, dann fällt sofort auf, dass niemand eine Autorin oder einen Autor des genetischen Textes kennt und deshalb auch niemanden fragen kann, was er oder sie tatsächlich ausdrücken wollte [...]. „Editing Humanity: The prospect of genetic enhancement“ – mit diesen Worten lockte im August 2015 das Wirtschaftsmagazin The Economist neugierige Käufer an den Kiosk. Wer den Beitrag im Heftinneren aufschlug und sich über die mögliche (und gezielte) Bearbeitung der Menschheit und die Aussicht auf ihre kommende genetische Verbesserung informierte, konnte etwa lesen, dass Menschen zwar immer schon den Menschen verbessern wollten, nun aber die Methoden bekannt seien und die Instrumente zur Verfügung stünden, um das uralte Wollen technisch modern umzusetzen. Und vor allem: Jedermann könne sich das vornehmen.

Spätestens an dieser Stelle passierte, was sich auch gehört: Ethikfachleute unter den Philosophen meldeten sich zu Wort. Sie taten dies bislang allerdings, ohne dem Publikum recht sagen zu können , wo die genetische Reise hingehen soll und was zu tun ist. Die amtlichen Bedenkenträger aus den sozial-philosophischen Abteilungen der Universitäten empfehlen dafür bestenfalls unverbindlich, die „Menschenverbesserungsdebatte möglichst differenziert“ zu führen, wie zu lesen ist. Die kritischen Intellektuellen trauen sich aber nicht, energisch ein weltweites Verbot aller Versuche zur „Selbstvervollkommnung des Menschen“ zu fordern. Stillschweigend hoffen sie darauf, dass sich unter den Gen-Korrektoren ein kritisches Bewusstsein entwickelt und der Wissenszuwachs der Gen-Ingenieure an Fahrt verliert – was auch immer mit diesem frommen Wunsch gemeint ist.

Ernst Peter Fischer, Wissenschaftshistoriker und Autor

Alle Aspekte dieser Technologie bedenken

„Seit nun fünf Jahren ist die Technologie mit dem unmöglichen Namen CRISPR-Cas 9 in aller Munde. Diese neue Technologie eröffnet unendlich viele Möglichkeiten an Lebewesen genetische Veränderungen durchzuführen ohne allzu großes Risiko und Nebenwirkungen. Das neue Schlagwort heißt Genomeditierung, was soviel bedeutet wie „Korrektur des Genoms“ oder „Überarbeitung des Genoms“. Die Technologie ist einfach: man schickt die DNA-Schere Cas 9 gemeinsam mit einer RNA, welche Cas 9 zeigt wo die Schere schneiden soll, in eine Zelle. Dann entsteht ein DNA-Bruch, der repariert werden muss. Dafür sendet man die DNA mit der gewünschten Sequenz mit. Man kann mehrere Korrekturen gleichzeitig durchführen. Die Methode ist nicht sehr teuer und auch nicht aufwendig. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: In der Forschung wird diese Methode verwendet ,um schnell und exakt kontrollierte Mutationen an Modellorganismen (Mäuse, Fliegen, Würmer, Fische, Pflanzen, menschliche Zellen in Kultur) einzuführen. Für die Medizin werden viele Anwendungsmöglichkeiten untersucht – zum Beispiel könnten Schweine so verändert werden, dass sie als Organspender für Menschen geeignet gemacht werden – in der Krebstherapie um jene Gene auszuschalten, welche das Wachstum der Krebszellen antreiben. Es kann fix davon ausgegangen werden, dass die Methode in der Medizin bei bereits geborenen Menschen Anwendung finden wird. Bedenklich wird es – hier kommt nun die große ethische Frage –, wenn diese Methode an menschlichen Embryonen durchgeführt wird um Menschen zu optimieren. Das wäre ein Eingriff in die Keimbahn, welcher dann weiter vererbt wird. Man könnte genetische Krankheiten heilen – es heißt, dass das Ende des Zeitalters genetischer Krankheiten eingeläutet werden könnte. Man kann diese Methode auch anwenden, um den Menschen genetisch zu „optimieren“ oder zu „spezialisieren“ – Musiker und Sportler etwa – oder um besonders schöne Menschen zu züchten. Alle Aspekte dieser Technologie müssen in einer sehr gründlichen Debatte überlegt werden, damit das Parlament vorbereitet ist, wenn die Zeit kommt diese Technologie durch Gesetze zu regeln. Diese Debatte zu koordinieren wäre mir, falls ich ins Parlament gewählt werde, ein sehr wichtiges Anliegen.“ (International symposium: Editing genomes with CRISPR, 18./19. Oktober 2017, Billrothhaus, Wien 9, http://bit.ly/2wxKLHf )

Prof. Dr. Renée Schroeder, Biochemikerin, kandidiert auf der „Liste Pilz“ für die Nationalratswahl 2017

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