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© Peter Hirth / dpa
Blick in die Idylle von Lalling im Bayerischen Wald: Hier hat die Bayerwald-Praxis einen von vier Standorten.
 
Gesundheitspolitik 18. August 2017

Junge wollen nicht nur arbeiten

Bayern. So unattraktiv wie hierzulande getan wird ist der Landarzt-Job nun auch wieder nicht. Dort, wo man die Anliegen des Nachwuchses, seinen Wunsch nach Freizeit, ernst nimmt, ist er sogar sehr attraktiv. Das Projekt „Gute Ärzte“ zeigt vor wie es geht.

Übers Landarzt-Dasein gibt es allerhand Vorurteile. Dass die Arbeit in einer Praxis abseits der großen Städte jedoch auch zeitgemäß gestaltet werden kann, will das Vorhaben „Gute Ärzte braucht das Land“ der Bayerwald-Praxis rund um Allgemeinmediziner und Internist Dr. Wolfgang Blank zeigen.

Immer wieder tun Blank und seine fünf Kollegen, die gemeinsam ihre überörtliche Gemeinschaftspraxis organisieren, sich mit innovativen und praxisnahen Ausbildungskonzepten hervor.

So auch diesmal: Das „Gute Ärzte“-Projekt (gute-aerzte.bayern) – vom Bayerischen Gesundheitsministerium mit 200.000 Euro gefördert und 2016 für den Bayerischen Gesundheitspreis nominiert – hat typische Arbeitswünsche junger Ärzte erforscht und die Erkenntnisse in den Arbeitsalltag übertragen.

Einer davon: Flexible Arbeitszeiten. „Eine gute Work-Life-Balance ist wichtig“, sagt Blank. „Ärzte brauchen verlässliche Freiräume für andere Aktivitäten, damit sie sich in ihre Arbeit mit hohem Engagement einbringen können.“

Möglich wird das durch Kooperation vieler Mediziner in verschiedenen Alters- und Lebenssituationen. So konnte ein früherer Assistenzarzt der Bayerwald-Praxis zwei Monate ins Ausland gehen, um bei Hilfsprojekten mitzuwirken. Dafür stellte er für vier Monate auf eine halbe Stelle um und arbeitete zwei Monate voll.

Dr. Dora Takacs, Ärztin in Weiterbildung, wiederum arbeitet in den Ferien weniger, um Zeit für ihre Kinder zu haben. Einen Nachmittag pro Woche hat jeder Assistenzarzt frei. Dr. Anton Kalmancai, seit Anfang 2017 bei Blank in Weiterbildung, teilt sich den gern freitags ein, um am Wochenende seine Familie in der Slowakei zu besuchen.

Den Papierkram einfach abschieben

Das Projekt nimmt auch Zeitfresser ins Visier, die so manchen von der Niederlassung abhalten: Bürokratie und Routineaufgaben. Beides wird in der Bayerwald-Praxis delegiert, damit Ärzte möglichst nur Arzt sein können.

Ob Anträge bearbeiten oder Diagnosen kodieren, die medizinischen Fachassistenten stemmen den gesamten Papierkram. Die Ärzte müssen lediglich prüfen und unterschreiben. So hat sich Kalmancai noch nie in die Untiefen der EBM-Kodierung (deutsches Vergütungssystem in der ambulanten Versorgung, Anm.) begeben. „Das ist wirklich super, dass ich diese Sachen nicht machen muss“, sagt er. Lieber nutze er die Zeit, um Studien zu lesen. Ebenso strukturiert ist die Betreuung chronisch Kranker organisiert, sei es bei KHK, COPD, Diabetes, Depression oder Ängsten. Die MFA bestellen Patienten regelmäßig zu Routinekontrollen ein, nur bei Auffälligkeiten ziehen sie den Arzt hinzu. Insgesamt arbeiten an den vier Praxis-Standorten etwa 30 MFA.

Die Assistenzärzte sind zufrieden mit den Arbeitsumständen. Drei von fünf sind sich bereits sicher, dass sie in der Bayerwald-Praxis bleiben wollen.

Internist und Allgemeinarzt Blank praktiziert mit seinem Kollegen Dr. Thomas Oldenburg in der Gemeinschaftspraxis in Kirchberg. Seit einigen Jahren sind in den benachbarten Orten Rinchnach, Schöfweg und Lalling noch vier weitere Ärzte mit an Bord.

Als erster von ihnen schloss sich 2013 Dr. Gerhard Bernecker an. Mit seinen über 70 Jahren hatte er Sorge, keinen Nachfolger für seine Praxis in Rinchnach zu finden.

Dass Takacs bei ihm ihre Weiterbildung zur Allgemeinärztin begann, erwies sich als wegweisend für das „Gute Ärzte“-Projekt. Die Älteren geben Erfahrung und Handlungsroutinen weiter. Das gilt im Praxisalltag genauso wie in den regelmäßigen Fallbesprechungen. Von deren neuem Wissen und Perspektiven profitieren umgekehrt auch die Älteren.

Wie das funktioniert, berichtet Weiterbildungsassistent Kalmancai. Auch wenn er allein in der Praxis sei, könne er jederzeit Rat erfragen. „Es gibt Tage, an denen ich alles allein schaffe, und andere, an denen ich zwei Mal anrufe“, berichtet er der „Ärzte Zeitung“. „Das ist ganz unterschiedlich.“

Blank wiederum geht es dabei nicht nur um Wissen. Er sieht es als Kernaufgabe der Erfahreneren, vorzuleben, was es bedeutet, ein guter Arzt zu sein. „Die ärztliche Haltung, wie Ärzte ihr Wissen, ihre Fertigkeiten, beim einzelnen Patienten zu dessen Wohl anwenden – das lernt man so nicht an der Uni.“

Die ärztliche Haltung, wie Ärzte ihr Wissen, ihre Fertigkeiten, beim einzelnen Patienten zu dessen Wohl anwenden – das lernt man so nicht an der Uni.

Dr. Wolfgang Blank

Bayerwald-Praxis

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