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Gesundheitspolitik 23. November 2005

Allgemeinmediziner kontra Internisten?

Im breiten Feld der Inneren Medizin hat der niedergelassene Allgemeininternist nach wie vor ein spezifisches Leistungsspektrum. Wie weit der zukünftige Facharzt für Allgemeinmedizin in dieses Terrain eindringen könnte, ist standespolitisch ein mitunter brisantes Thema.

Die Zustimmung zur Änderung der Ausbildungsordnung für den Facharzt für Allgemeinmedizin erfolgte auch durch die Bundessektion Fachärzte, dem höchsten Facharztgremium der Österreichischen Ärztekammer, besetzt durch die Bundesfachgruppenobmänner aller Sonderfächer und die Vorsitzenden der entsprechenden Landessektionen. Zweifelsohne war diese Neuerung Grund für Diskussionen. „Letztlich überwog aber das Bekenntnis zu einer verbesserten Ausbildung von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin die Vorbehalte, wie Verdrängungsängste der Vertreter der Sonderfächer“, resümiert Dr. Günther Wawrowsky, Bundesfachgruppenobmann Innere Medizin und Sprecher der konservativen Fächer in der Bundessektion der Fachärzte der Österreichischen Ärztekammer, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE anlässlich des Internisten-Kongresses Mitte September in Wien.

Welche Vorbehalte hatten die Internisten gegenüber dem Facharzt für Allgemeinmedizin?
Wawrowsky: Auch die internistischen Ärztevertreter sprachen sich in ihrer Bundesfachgruppensitzung für diese Neuerung aus - wenn auch mit manchen Vorbehalten. So sehen wir die Benennung „Facharzt für Allgemeinmedizin“ als einen Widerspruch in sich. Für die Änderung sprechen aber vor allem die für 18 Monate anberaumte Tätigkeit in Lehrpraxen – warum nicht auch in solchen für Innere Medizin? –, die uns relevant für eine patientennahe Lehre erscheint.

Welchen Einfluss auf die tägliche Arbeit der niedergelassenen Internisten erwarten Sie dadurch im Besondern?
Wawrowsky: Auch die längere Verweilzeit der Auszubildenden an internen Abteilungen wie auch an Abteilungen, die man bisher gar nicht im Ausbildungsplan finden konnte, sollte nicht in Existenzsorgen münden. Vielmehr sollten mit einer Wissenserhöhung der Allgemeinmediziner in internistischen Bereichen die Fragestellungen an uns konkreter und Berührungsängste geringer werden, um so auch den Patientennutzen zu steigern. Befürchten Sie eine „Verdrängung“ des Allgemein-Internisten hin zum reinen

Spezialistentum oder „nur“ die finanzielle Konkurrenz?
Wawrowsky: Die Verbesserung der Ausbildung der AllgemeinmedizinerInnen kann meiner Ansicht nach nicht zu einer Verdrängung von Sonderfächern führen. Auch die Ausbildungsinhalte der Spezialitäten werden sich ausdehnen und über verpflichtende Rotationen zu deutlich umfassenderen Qualitäten der InternistInnen führen. Dadurch sollte auch in Zukunft die Stärke dieses Sonderfaches mit Wissens- und Fertigkeitsverbreiterung nicht in reine Subspezialitäten münden und sich deutlich von der Allgemeinmedizin mit ihrem riesigen Arbeitsgebiet abgrenzen. Die Allgemeinmedizin lässt wahre Spezialisierung gar nicht zu und wird für eine menschennahe Medizin unverzichtbar bleiben.

In Deutschland gibt es den Facharzt für Allgemeinmedizin schon seit Jahren. Man hat den Eindruck eines friedlichen Nebeneinanders. Hatten die deutschen Internisten damals nicht ähnliche Sorgen und ist es tatsächlich zu Konkursen von internistischen Ordinationen gekommen?
Wawrowsky: Ein weiterer Grund für die Änderung der Ausbildungsordnung war auch die Herstellung der Migrationsmöglichkeit von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin im EU- Raum. Wenn Sie mich nach drohenden Konkursen fragen, sehe ich Gefahren nicht in einer Verbesserung der Ausbildung von KollegInnen, sondern nur dort, wo medizinisch-menschliche Qualitäten ständig vernachlässigt werden. ÄrztInnen werden mehr denn je gebraucht. Die Menschen spüren und wissen es. Leider führt diese Unentbehrlichkeit zu Neidreaktionen von politischer Seite, worin ich derzeit die größte Gefahr für unser gutes Gesundheitswesen sehe.

Werden die Gesundheitsagenturen Medizin nach Haben und Soll zur Folge haben?
Wawrowsky: Reformen dürfen auch in einem so guten medizinischen Versorgungssystem wie dem unsrigen immer angedacht werden. Dieses System aber nur zwecks politischem Machtgewinn – im Vordergrund die Lähmung der Krankenkassen – aufs Spiel zu setzen, betrachte ich als verantwortungslos.
Wenn schon Veränderungen, dann nicht ohne den Rat derer, die ihr Leben in der Medizin verbringen, nämlich den ÄrztInnen. Die wurden bisher aber nicht in die Entscheidungen eingebunden. Eine Reform gegen den Widerstand der hauptverantwortlichen Entscheidungsträger – und nicht „Leistungserbringer“ als respektlosem Schlagwort von politökonomischer Seite - kann nicht erfolgreich sein. Allein mit Vorgaben zur Leistungsökonomie medizinische Qualität halten zu können, mögen Wirtschaftskämmerer glauben. Wir wissen es aber besser. Und dann wäre der Tag nicht mehr fern, wo natürlich auch weiterhin jeder Österreicher, so nötig, seinen Herzschrittmacher bekommt, wenn er nur alt genug wird, diese Gnade auch zu erleben.

Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 34/2004

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