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© Boris Roessler/dpa |
Ein Süchtiger spritzt sich gelöstes Heroin in die Halsvene.

© Wiktor Dabkowski
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Dimitirs Avramapolous, EU-Innenkommissar

 
Gesundheitspolitik 12. Juni 2017

„Eine neue Droge pro Woche“

Drogenbericht. Die Zahl der Drogentoten in Europa ist 2015 zum dritten Mal in Folge gestiegen, in Österreich zeigt die aktuelle Tendenz ebenfalls nach oben. Hauptverantwortlich dafür sind Heroin, Morphin und synthetische Opioide.

Die Entwicklung sei „besorgniserregend“, heißt es in dem vor Kurzem veröffentlichten Jahresbericht 2017 der Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht der Europäischen Union EMCDDA ( http://www.emcdda.europa.eu/edr2017 ). In den 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in der Türkei und Norwegen starben 2015 den Angaben zufolge insgesamt 8.441 Menschen an einer Überdosis. Dies entspreche einer Zunahme von sechs Prozent im Vergleich zu 2014, als 7.950 Todesfälle registriert worden seien. 78 Prozent dieser Todesfälle stünden mit Opioiden (vor allem Heroin, Morphin, synthetische Opioide) im Zusammenhang.

Ein Anstieg der Zahl der Todesfälle sei 2015 in Deutschland, Litauen, den Niederlanden, Schweden, dem Vereinigten Königreich und der Türkei gemeldet worden, so die EU-Behörde.

Zahlen, Daten, Fakten

Es gebe „zunehmende Gesundheitsgefahren durch hochpotente synthetische Opioide“, die die Wirkungen von Heroin und Morphin imitieren, hieß es in Brüssel. Zudem gebe es Hinweise auf eine steigende Verfügbarkeit von Kokain, das vor allem in Süd- und Westeuropa konsumiert werde. Die Drogenbeobachtungsstelle der Europäischen Union mit Sitz in Lissabon liefert nur Daten und Statistiken. Die Prävention und Bekämpfung der Drogen-Probleme obliegen den Mitgliedsstaaten der Union.

EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos hat diese daher zu mehr Anstrengungen im Kampf gegen Drogenmissbrauch aufgerufen. Zum Drogenbericht 2017 sagte er, jährlich würden 24 Milliarden Euro in den Drogenmarkt und in die Taschen organisierter krimineller Banden fließen. Eine riesige Herausforderung für Europa sei die wachsende Zahl synthetischer Drogen. Davon seien 63 neue solcher Drogen durch das Frühwarnsystem im vergangenen Jahr entdeckt worden. „Das ist im Durchschnitt mehr als eine neue Droge pro Woche“, sagte Kommissar Avramopoulos. Sorge bereite, dass die Verfügbarkeit illegaler Drogen hoch bleibe.

Heroin ist Killer Nummer eins

Die aktuellsten erhältlichen Daten würden jedenfalls einen Anstieg der Zahl der heroinbedingten Todesfälle in Europa belegen. In England und Wales seien bei 1.200 der im Jahr 2015 erfassten Todesfälle Heroin oder Morphin nachgewiesen worden. „Dies entspricht einer Zunahme um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr und um 57 Prozent gegenüber dem Jahr 2013“, schrieben die Experten. Auch in Schottland, Irland und der Türkei sei eine solche Entwicklung zu beobachten.

Neben Heroin sind es aber auch andere Opioide, die an den Überdosierungen – zumeist im Kombination mit anderen Substanzen (Tranquilizer, Alkohol) – beteiligt sind, „... in erster Linie Methadon und Buprenorphin, aber auch Fentanyle und Tramadol“. Während Methadon und Buprenorphin klassische Substitutionsmedikamente sind, stammt Tramadol aus der Schmerzmedizin. Fentanyl als synthetisches Opoid wird in der Anästhesie und in der Schmerzmedizin (z. B. Schmerzpflaster) verwendet. Es ist hundertfach potenter als Morphin und deshalb speziell gefährlich, was Überdosierungen angeht. Ohne wirksame Opioide ist andererseits eine ausreichende Schmerzbehandlung bei schweren chronischen Schmerzen nicht möglich.

In Österreich ist bisher eine Fentanyl-Problematik aus medizinischen Quellen nicht beobachtet worden. Das hängt mit der Verschreibungspraxis zusammen. Die Situation in den USA und Kanada ist da offenbar gänzlich anders.

Hierzulande weisen zwischen 29.000 und 33.000 Menschen einen risikoreichen Opioid-Konsum auf (Österreichischer Drogenbericht). Diese Zahl ist relativ stabil. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Zahl dieser Drogenkonsumenten von 2004/2005 bis 2015 von rund 10.000 auf 3.000 gesunken. So wie in Europa negativ ist allerdings die Tendenz bei den Drogentoten: 2014 gab es mit 122 Todesfällen, die direkt mit Suchtgiftkonsum in Verbindung gestanden sind, ein Minimum (2009 zum Beispiel 206 Todesfälle). Im Jahr 2015 wurden allerdings wieder 153 „Drogentote“ registriert. Vor allem ältere und nicht im Substitutionsprogramm betreute Drogenkranke waren betroffen.

ÄZ/APAmed, Ärzte Woche 24/2017

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