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Gesundheitspolitik 23. November 2005

Großes Interesse an Gruppenpraxen

Zu Beginn des neuen Jahrtausends entstand in Stadl-Paura in Oberösterreich eine der ersten Gruppenpraxen. Die bisherigen Erfahrungen der beiden dort tätigen Allgemeinmediziner sprechen für die neue Kooperationsform von Ärzten.

Vor kurzem wurden die Ärzte der derzeit bestehenden 70 Gruppenpraxen zu ihren nunmehr dreijährigen Erfahrungen befragt. Als wichtiges Anliegen ergab sich daraus „eine ausreichend lange Vorbereitungszeit auf die gemeinsame Tätigkeit“; die Hälfte der befragten Seniorpartner wünscht sich dafür zwölf Monate.

Vorteile der Kooperation

Hauptmotivation für die Juniorpartner sind der leichtere Einstieg in das Kassensystem sowie die Möglichkeit, sich Arbeitszeit und -belastung zu teilen. Die Zusammenarbeit zwischen Junior- und Seniorpartner wird von 90 Prozent der Befragten als „sehr positiv“ beschrieben. Beide geben an, dass sich ihre berufliche Zufriedenheit deutlich verbessert hat, auch wenn manche Koordinierungstätigkeiten bzw. die nötige Bürokratie anfangs von einigen unterschätzt wurden. Zufriedenheit herrscht großteils auch mit der wirtschaftlichen Seite der Gruppenpraxen. Oft ergeben sich Umsatzsteigerungen, da mehr Zuwendungsmedizin und auch Vorsorgeuntersuchungen möglich sind. Der von manchen befürchtete Effekt, dass die neuen Gruppenpraxen den „klassischen Einzelkämpfern“ Patienten wegnehmen könnten, ist nicht eingetreten. Das Interesse an der Gründung von Gruppenpraxen ist in OÖ jedenfalls weiterhin sehr groß.

Erfahrungen aus Stadl-Paura

Dass „Aller Anfang schwer ist“ gilt auch für die Zulassung von Gruppenpraxen in Österreich, die erst nach jahrelangen Diskussionen Realität wurde. Ein Blick zurück: Stadl-Paura im Jahr 1998. Dort gab es damals zwei Kassenstellen für Ärzte für Allgemeinmedizin, für die Bewilligung ­einer dritten Stelle reichte die ­Bevölkerungszahl knapp nicht aus. Dr. Rudolf Krause wollte sich mit dieser Situation nicht einfach abfinden und erarbeitete ein Modell für eine Gruppenpraxis. Dieses konnte er mit der Gebietskrankenkasse (OÖ-GKK) umsetzen, von Seiten der Ärztekammer bekam er damals kaum bis keine Unterstützung. Gemeinsam mit dem Allgemeinmediziner Dr. Jörg Breslmaier gründete Krause eine Offene Erwerbsgesellschaft. Mit der OÖ-GKK wurde ein Praxisbudget vereinbart. „Unser auch wissenschaftlich evaluiertes Modell war sicher ein Wegbereiter für die vier Formen von Gruppenpraxen, die es nun in Oberösterreich gibt“, meint Breslmaier. Von Anfang an wurden von den Patienten, wie in der Evaluierung deutlich ablesbar, die längeren Öffnungszeiten der Praxis als besonders positiv gesehen. Ebenso begrüßen die Patienten, dass die Praxis besetzt ist, wenn Visiten gefahren werden müssen. „Dies ist auch ein entlastender Faktor für den Arzt, der sich auf eine Gruppenpraxis einlässt“, betont Breslmaier. Anfang 2000 ging ­Seniorpartner Krause in Pension, Dr. Andreas Anzengruber stieg ein. Im Jahr 2004 wurde die Ordination aufgrund der neuen Modelle für Gruppenpraxen neu ausgeschrieben. Breslmaier und Anzengruber betreiben diese nun als „Bruchstellenpraxis 1,7“ – die Ordination entspricht rechnerisch gesehen 1,7 Kassenstellen. „Ein Nachteil ist, dass es im vorangegangen Modell möglich war, komplementärmedizinische Methoden über die Kasse abzurechnen, was nun nicht mehr der Fall ist“, bedauert Breslmaier. Trotzdem sieht er großteils Vorteile. „Es tut sehr gut, weg von der Rolle als Einzelkämpfer zu kommen und jemanden zu haben, mit dem jederzeit ein fachlicher Austausch möglich ist“, resümiert der „ältere“ Partner. Die beiden Allgemeinmediziner wechseln sich jede Woche beim Fahren von Visiten und Notfällen ab. „Ich hätte nicht gedacht, was allein das an enormer Steigerung der Arbeits- und Lebensqualität bringt“, so Breslmaier. Genauso entlastend sei die Möglichkeit des Austausches über die ökonomischen Belange der Praxis, das gemeinsame Planen und „dass Ziele miteinander statt einsam verfolgt werden können“.

Spannende Lehrpraxis

Die beiden profitieren auch von der Anerkennung ihrer Ordination als Lehrpraxis. „Ein spannendes, gegenseitiges Lernen ist möglich“, sagt Breslmaier. „Oft liegt die Herausforderung darin, eine neue Perspektive einnehmen zu können.“ Dabei gehe es in einigen Fällen nicht unmittelbar um die vorhandenen Berufserfahrungen, sondern vielmehr darum, ungewöhnliche Fragen zu stellen oder sich als Außenstehender besser auf schwierige Situationen einlassen zu können.

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