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© Michael Hudelist / InfoMediaWorx
 
Gesundheitspolitik 6. Juni 2017

„Es braucht Lenkung“

Salzburg. Der erst kürzlich wiedergewählte Karl Forstner, 61, ist seit 2007 Präsident der Salzburger Ärztekammer. Um die Patientenströme in geordnete Bahnen zu bringen seien auch Ambulanzgebühren möglich, meint der Angiologe. Auf keinen Fall dürfe es dabei zu einer „sozialen Schieflage“ kommen und die Gebühr dürfe auch nicht so dilettantisch vorbereitet werden wie beim ersten Anlauf 2000.

Im Herbst stehen vorgezogenen Nationalratswahlen an, sollten im Wahlkampf Gesundheitsthemen eine Rolle spielen?

Forstner: Eigentlich nein, dabei wäre es gut, wenn die Politik der Bevölkerung zumindest das Versprechen gibt, dass das Gesundheitssystem auf dem hohen Niveau gehalten wird. Prinzipiell stellt ja niemand den Wert der Gesundheit in Frage, aber wenn ich mir die finanziellen Prognosen ansehe, dann kommen wir in eine problematische Situation.

Sind nicht auch den Wählern andere Themen wichtiger?

Forstner: Ja, andere Bereiche haben scheinbar eine höhere Aktualität, aber wenn man subtiler fragt dann steht auch die Sorge um das Gesundheitswesen im Vordergrund, zum Beispiel wenn es um den Erhalt von Krankenhäusern geht, um die Frage, wo finde ich einen Arzt oder wenn es um die gefühlte Zwei-Klassen-Medizin geht.

Wie ist denn die Zusammenarbeit mit den Akteuren der Gesundheitspolitik, auf Bundesebene und auf Landesebene, prallt da medizinischer Sachverstand auf die betriebswirtschaftliche Kostenbremse?

Forstner: Im Bundesland Salzburg ist sowohl die Zusammenarbeit mit der Politik, als auch mit den Sozialversicherungen sehr partnerschaftlich, alle sehen die großen Herausforderungen und wollen sie gemeinsam lösen. Beim Thema Ärztemangel hatte die Landespolitik zwar zuerst Zweifel, inzwischen konnten wir sie aber durch fundierte Grundlagenarbeit überzeugen. Im Bund habe ich eher den Eindruck, dass viele Entscheidungen über die Köpfe der Ärzteschaft hinweg getroffen werden, da fallen mir die Beispiele ELGA und Primärversorgungszentren ein. Die Stimme der Ökonomie scheint im Bund im Vordergrund zu stehen.

Zurück nach Salzburg, gibt’s Beispiele für eine gute und weniger gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Akteuren?

Forstner: Wir haben eine sehr gute Kooperation in einem Dreiecksverhältnis mit dem Land und den Sozialversicherungen wenn es um die Versorgung mit Allgemeinmedizinern geht, hier setzt zum Beispiel auch das Land im eigenen Bereich Maßnahmen, also im Bereich der Landeskliniken, aber eben auch die Sozialversicherungen durch flexible Systeme der Vertragsgestaltung. Weniger gute Erfahrungen haben wir beim Thema Ärzteausbildung gemacht, hier wird die Ausbildung der jungen Ärzte als elementare Bedeutung für die Qualität der ärztlichen Kompetenzen von unseren Partnern noch nicht richtig eingeschätzt. Oder nehmen Sie die Frage, wie statten wir Kliniken personell aus, damit auch Zeit für die Ausbildung bleibt. Hier spielt auch die Arbeitsverdichtung eine Rolle, also das immer mehr Leistung gefordert wird und gleichzeitig die medizinischen Herausforderungen immer komplexer werden.

Bis 2025 gehen in Salzburg im Spitalsbereich 300 Ärzte in Pension, dazu kommen jeweils 100 Allgemeinärzte und Fachärzte. Wo werden die 500 fehlenden Ärzte herkommen?

Forstner: Dieses Problem haben wir natürlich nicht nur in Salzburg, sondern in allen angrenzenden Ländern. Zum bekannten demografischen Problem kommt der Wettbewerb zwischen Staaten, Bundesländern und Segmenten, also zwischen Krankenhäusern und dem niedergelassenen Bereich.

Ist es eigentlich die Aufgabe der Ärztekammer, sich um den Nachwuchs zu kümmern?

Forstner: Als Standesvertretung könnten wir uns natürlich zurückziehen und sagen, der Ärztemangel ist eine gute Verhandlungsposition, aber das wäre eine sehr oberflächliche Betrachtung. Wir haben daher für die unterschiedlichen Sektoren Lösungen angeboten, und tatsächlich ist ja in Salzburg auch schon einiges umgesetzt worden, zum Beispiel die Gestaltung von Kassenverträgen oder die Bezahlung der Lehrpraxis. In den Landeskliniken hat es 2015 mit der Gehaltsreform auch einen erheblichen Schritt in Richtung Wettbewerbsfähigkeit gegeben.

Es gibt Gesundheitsökonomen die meinen, eigentlich bräuchten wir nicht so viele Ärzte hierzulande, denn Österreich sei mit Krankenhäusern überversorgt, habe zu viele Betten und zu viele Spitalsaufenthalte – Stichwort „Versagen in der ambulanten Versorgung“. Also: Machen wir eine Kliniken-Reform und schon ist der Ärztemangel behoben, ist es so einfach?

Forstner: Das halte ich für einen Unsinn, es ist ein unglaubliche Verkürzung eines Problems, denn auch kleine Krankenhäuser versorgen kranke Menschen. Zusperren macht ja Menschen nicht gesund, die Leistung wird immer noch von den Ärzten erbracht. Ökonomen rechnen mit Rationalisierungseffekten, wer ärztliche Tätigkeiten kennt weiß aber, dass diese persönlich erbracht werden.

Viele Patienten, die zu lange auf einen Facharzttermin warten müssten, gehen einfach am Wochenende in eine Ambulanz. Was ist denn ihr Ansatz, diesem Trend gegenzusteuern? Die Ambulanzgebühr hat ja schon einmal nicht funktioniert?

Forstner: Weil sie handwerklich dilettantisch war, aber, wir brauchen eine Lenkung von Patientenströmen, wir brauchen eine gut ausgebaute Primärversorgung, Fachärzte und Krankenhäuser. Es macht doch Sinn wenn Patienten die Institution aufsuchen, die das Problem auf der untersten Ebene lösen kann. Dazu braucht es Lenkung, wie, das ist zweitrangig, auch Gebühren sind möglich.

Soll die Ambulanzgebühr wieder eingeführt werden?

Forstner: Man sollte hier auf die Erfahrungen aus dem Ausland zurückgreifen, es darf auf keinem Fall zu einer sozialen Schieflage kommen, also ja zu einer Ambulanzgebühr, wenn es eine tatsächlich Prüfung gibt ob Notfall oder nicht, denn jeder soll bei Bedarf die medizinische Leistung bekommen, das Angebot muss sehr niederschwellig sein.

In der Öffentlichkeit ist in den vergangenen Monaten der Streit um die neuen Primär-Versorgungs-Einheiten, wahrnehmbar gewesen. Viele sehen darin auch den Versuch, die Macht der heimischen Ärztekammern zu brechen. Wie mächtig sind Sie?.

Forstner: Den Vorwurf, wir würden einen Machtverlust fürchten, finde ich polemisch. Formal hat die Ärztekammer keine Macht, wir machen keine Gesetze und exekutieren sie nicht. Wir lehnen die Kooperation von Ärzten mit anderen Gesundheitsakteuren insbesondere in Ballungszentren ja auch nicht ab, es ist ja auch der Wunsch vieler junger Ärzte. Aber ich habe ein Problem mit der Wien-Lastigkeit dieses Vorschlags, denn was in einem Wiener Bezirk funktionieren kann muss deshalb nicht in einem Salzburger Gebirgsgau funktionieren. Wir von der Ärztekammer sind da eher für Netzwerke als für Zentren.

Themenwechsel. Die Digitalisierung hat die Ärzte erreicht. Was bedeutet E-Health für eine normale Praxis: Immer mehr Zeitaufwand für die Bürokratie und weniger für die Patienten?

Forstner: Das stimmt leider so, dieser Zeitaufwand geht bei der Patientenversorgung verloren, und leider ist mit den Möglichkeiten der Dokumentation durch die Digitalisierung auch die Lust der Verwaltungen und der Sozialversicherungen extrem gestiegen, sich immer mehr Details von Behandlungen, Diagnosen und Therapien dokumentieren zu lassen. Aber Fakt ist auch, eine Dokumentation einer ärztlichen Tätigkeit ist notwendig, aber wenn es nur mehr darum geht, der Buchhaltung Daten zu liefern dann geht das zu weit.

Formal hat die Ärztekammer keine Macht, wir machen keine Gesetze und exekutieren sie nicht.

Dr. Karl Forstner

ÄK Präsident in Salzburg

Michael Hudelist

, Ärzte Woche 23/2017

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