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David Gabriel sieht Österreichs Chancen am Medizintourismus-Markt intakt. Man müsse allerdings endlich an einem Strang ziehen.
 
Gesundheitspolitik 17. Juli 2017

„Wir haben alles, um zu den Top-Zielländern zu zählen“

David Gabriel sieht Österreichs Chancen am Medizintourismus-Markt intakt. Man müsse allerdings endlich an einem Strang ziehen.

Sie haben also die Austrian Health gegründet, um betuchte Ölscheichs und russische Oligarchen einfliegen zu lassen?

Gabriel: Ach, das ist doch nur Klischee. Wir betreuen seit vielen Jahren Menschen, die bei uns nach medizinischer Hilfe suchen. Der typische ausländische Patient gehört der oberen Mittelschicht an, hat eine längere Krankengeschichte hinter sich, suchte mehrere Ärzte auf, erhielt jedoch nie eine vernünftige Diagnose. In zahlreichen Ländern ist es gang und gäbe, zu medizinischen Zwecken ins Ausland zu reisen. Generell kann man sagen, dass die Patienten aus Ländern kommen, die über eine eher schlechte medizinische Versorgung verfügen.

Haben wir in einem Land, in dem es bereits lange Wartezeiten für diverse Untersuchungen gibt, überhaupt Ressourcen für ausländische Patienten? Gefährdet ein intensiver Medizintourismus womöglich die Behandlung heimischer Versicherungsnehmer?

Gabriel: Die nationalen und internationalen Patientenströme sind voneinander entkoppelt. Ich möchte betonen, dass kein ausländischer Patient einem Österreicher den Platz wegnimmt. Die internationalen Gäste werden meist in privaten Einrichtungen behandelt, die genügend Ressourcen haben. Austrian Health kann zudem als offizielle Anlaufstelle dienen und durch Steuerung der Prozesse zur Entlastung beitragen. Darüber hinaus gibt es periphere Krankenhäuser, die nicht ausgebucht sind, und denen selbstzahlende Privatpatienten nur recht sind.

Wie schätzen Sie das hiesige Angebot ein?

Gabriel: Wir haben alles, um weltweit zu den medizinischen Top-5-Zielländern zu gehören. Dennoch schätzt man unser Land vor allem als Tourismusdestination, es fehlt die Verknüpfung mit der Medizin. Dadurch entgehen uns jedes Jahr Millionen Euro an Wertschöpfung aus den Bereichen Medizin und Tourismus. Aber wir haben sechs Schwerpunkte definiert, in denen wir besondere Kompetenz bieten können. An der Spitze steht die Onkologie, die das gesamte Spektrum moderner Behandlungsmethoden wie personalisierter Medizin oder Ionentherapie umfasst. Es folgen Kardiologie, Orthopädie, Neurologie und Rehabilitation. Flankierend können wir interdisziplinäre Behandlung komplexer Erkrankungsbilder anbieten.

Welche Aufgaben müssen wir erledigen, um zu einem attraktiven medizinischen Zielland zu werden?

Gabriel: Es geht in erster Linie um Marketing und um die Unterstützung durch öffentliche Institutionen. Einige österreichische Medizinanbieter leisten tolle Öffentlichkeitsarbeit und präsentieren sich gut im Ausland. Es reicht jedoch nicht, um in der Gesamtheit wahrgenommen zu werden. Dazu bedarf es eines gemeinsamen internationalen Auftrittes und koordinierter Aktivitäten.

Welche Strategie verfolgt die Austrian Health?

Gabriel: Die Betreuung internationaler Patienten ist nur der Anfang. Austrian Health will zum österreichischen Medical Care Management Center avancieren. Die Entwicklung von mobilen Technologien und die Fülle an Informationen, die über das Internet erreichbar sind, haben die Patientenanforderungen und Abläufe teilweise auf den Kopf gestellt. Die Patienten suchen gezielt nach schnellen und maßgeschneiderten Lösungen. Durch dieses Center können wir die medizinischen Prozesse für ausländische und im nächsten Schritt auch für österreichische Patienten vereinfachen, die Arztsuche sowie die Terminvereinbarungen beschleunigen und die Ärzte bei organisatorischen Aufgaben entlasten.

Was sind die unmittelbar nächsten Schritte?

Gabriel: Wir arbeiten intensiv an der Fertigstellung der elektronischen Patientenakte, die im Zentrum der meisten Abläufe stehen und völlig neue Möglichkeiten bieten wird. Wir hoffen, bis Herbst den Testlauf erfolgreich zu beenden, um die Patientenakte, die unter dem Motto „Deine Gesundheit in Deinen Händen“ steht, noch heuer der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der sichere Austausch und die Bearbeitung medizinischer Daten stehen im Mittelpunkt aller Prozesse. Derzeit bekommen wir die Arztbriefe von ausländischen Patienten über Email und die Befundbilder über öffentliche Server. Das steht jedoch im Widerspruch zu Diskretion und Arztgeheimnis. Diese Schwachstelle wollen wir schließen, indem der Patient selbst die Kontrolle über seine medizinischen Daten behält.

Wo kann man sich melden, wenn man in puncto Medizintourismus selbst Ideen hat bzw. am Vorhaben mitwirken will?

Gabriel: Wir freuen uns über jedes Feedback und jede Anregung. Da wir in der glücklichen Lage sind, das Bindeglied zwischen Patienten, Ärzten und Kliniken zu sein, stehen wir in keiner Konkurrenz, weder zu medizinischen Anbietern noch zu anderen Organisationen. Wir begrüßen somit jede Zusammenarbeit, um kranken Menschen eine rasche und kompetente medizinische Behandlung in Österreich zu ermöglichen.

www.austrianhealth.at

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Raoul Mazhar, Ärzte Woche 23/2017

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