zur Navigation zum Inhalt
© Arco Images / picture alliance
*) russisch: Guten Tag, Doktor. Der Medizintourimus boomt, Österreich spricht v. a. russische Patienten an.
 
Gesundheitspolitik 6. Juni 2017

Zdravstvujte, Doctor

Der ausländische Patient. Mit dem Begriff Medizintourismus kann ein Großteil der heimischen Ärzte wenig anfangen. Im Gegenteil, es drohen kulturelle und sprachliche Konflikte, und die Abrechnung erfolgt auch nicht nach Schema F. Dabei lohnt es sich, ausländische Patienten zu hofieren, das meinen zumindest Ärzte wie David Gabriel und Christoph Reisser, die hierfür gute Gründe anführen können.

Die österreichische Tourismusbranche veröffentlichte vergangene Woche ihre Bilanz für die Wintersaison 2016/2017: Mit 68,57 Millionen Nächtigungen, das ist ein leichtes Plus von 0,1 Prozent, können wir wieder von einer Rekordsaison sprechen, wobei das Ergebnis vor allem von den Inländern getragen wird. Die Hoteliers sind darüber nicht uneingeschränkt glücklich und sprechen hie und da sogar von „Stagnation“. Wer auf so einem hohen Niveau jammern kann, der hat es gut, das denken sich wahrscheinlich jene, die sich gerade an einem brachliegenden Feld der Touristik abarbeiten: Denn das global prosperierende Geschäft mit internationalen Patienten scheint an Österreich vorbeizulaufen, was Unternehmern wie Dr. David Gabriel im Magen liegt. Immerhin besitzt der weltweite Markt des medizinisch motivierten Reisens laut einer Untersuchung von VISA und Oxford Economics ein Potenzial von rund 439 Milliarden US-Dollar (http://vi.sa/2qFUe89).

Der ambitionierte Arzt mit der Liebe zur Fliegerei (Gabriel hat bereits vor Jahren den Notfallrefresher DOC ON BOARD aus der Taufe gehoben, in dem man in Flugsimulatoren medizinische Ernstfälle trainieren kann) hat nun eine Vision: Er will mithilfe seiner Firma Austrian Health neue Kooperationsformen zwischen Stakeholdern im Tourismus und im Gesundheits- sowie Sozialversicherungssystem anstoßen, um mehr ausländische Patienten nach Österreich zu locken.

Endlich Klartext sprechen

Dabei muss Gabriel zunächst gegen Vorurteile ankämpfen, denn der Medizintourismus hat bei uns einen bitteren Beigeschmack. Zahnärzte etwa klagen über den Patientenschwund ins benachbarte Ausland und ärgern sich über das Preisdumping der ungarischen Kollegen. Die andere Assoziation ist noch unsympathischer, denn da wird das Bild von reichen russischen Oligarchen und Ölscheichs gezeichnet, die den heimischen Patienten die raren Therapieplätze streitig machen.

Das geht weit an der Realität vorbei, sagt Gabriel und versucht solche Ängste auszuräumen. In Wirklichkeit spülen ausländische Patienten frisches Geld ins Gesundheitswesen, sagt er. In diese Kerbe schlägt auch Prof. Dr. Christoph Reisser, Ärztlicher Direktor des Evangelischen Krankenhauses in Wien. Der Gesundheitstourismus bringe mehr Investitionen in die Infrastruktur, etwa in moderne Geräte, von denen in- und ausländische Patienten profitieren. Aber wir sollten hier endlich eine ehrliche Diskussion führen, sagt der HNO-Facharzt. Letztlich könne der stationäre Bereich nur mithilfe der Privatmedizin überleben, denn die Quersubventionierungen erlauben es, die öffentliche Medizin auf einen hohen Standard zu halten, „und wenn wir zusätzliche Gelder aus dem Ausland lukrieren können, dann sollten wir nicht zögern, diese Quellen anzuzapfen.“

Reisser sieht es als Privileg, einem privaten Krankenhaus vorzustehen und nicht ständig mit dem Vorwurf der Zwei-Klassen-Medizin konfrontiert zu werden. „Wir bieten ausländischen Patienten einen gleichbleibend hohen Qualitätslevel, was etwa in Russland nicht selbstverständlich ist und das Vertrauen in die dortigen Gesundheitsinstitutionen erschüttert.“ Der Marktbedarf ist also vorhanden, man müsse ihn nur nützen, sagt Reisser und verweist auf einen weiteren Vorteil der Privathäuser, die nicht mit bremsenden Auflagen der öffentlichen Kostenträger zu kämpfen hätten und sich daher besser auf die Bedürfnisse der Privatpatienten einstellen könnten. Etwa, wenn mitreisende Personen flexibel im Krankenhaus untergebracht werden müssen, ohne den stationären Ablauf zu stören.

Holländer zählen nicht

Aber wie wird Medizintourismus definiert? Er gilt als Subbereich des Gesundheitstourismus und bezeichnet die vorübergehende medizinische Therapie an einen Aufenthaltsort außerhalb des Wohnbereiches. Nicht-geplante Behandlungen von Touristen, durch Unfälle oder Erkrankungen während des Urlaubs zählen nicht dazu, weshalb der Beinbruch des niederländischen Skifahrers in der Statistik ausgespart wird.

Naturgemäß sind es eher die Wohlhabenden, die sich ins Flugzeug setzen, um ihre Beschwerden im Ausland loszuwerden. Allerdings nicht nur, auch Menschen mit langen Patientenkarrieren sparen auf eine Therapie, um endlich auf den Arzt zu treffen, der sie ernst nimmt, selbst wenn er eine andere Sprache spricht. Das erfordert Ausdauer und Recherche. Etwa im Internet , wo es mittlerweile viele Seiten zum Thema gibt (z. B. https://patientsbeyond borders.com). Außerdem bieten Agenturen Listen mit Ärzten und Krankeninstitutionen an, mit denen ihre Patienten gute Erfahrungen gemacht hatten, des Weiteren spielen Mund-zu-Mund-Propaganda und Internetforen eine gewichtige Rolle. So gibt es in Russland digitale Plattformen, auf denen Operateure und ihre Fähigkeiten kommentiert und bewertet werden.

Doch der Wunsch, sich in Österreich behandeln zu lassen, steht erst am Beginn einer langen logistischen Kette, deren erstes und letztes Glied David Gabriel kontrollieren will. Nach der ersten Kontaktaufnahme muss ein realistischer Kostenvoranschlag erstellt werden, der alle Ausgaben erfasst. Hier stehen die österreichischen Anbieter im internationalen Wettbewerb, und der ist hart, zumal andere Länder längst die Chancen des Medizintourismus erkannt haben und am Markt mit starken Angeboten reüssieren. Dazu zählen auch die Deutschen, die nicht nur in Baden-Baden, München und Berlin gediegene Zentren errichtet haben, die um betuchte Russen buhlen. „Entscheidend ist, dass man mit den Preisen fair bleibt“, sagt Reisser, „selbst dann, wenn es sich bei dem Patienten um einen reichen Oligarchen handelt. Und das gilt erst recht für jene, die lange für ihre Therapie im Ausland gespart haben.“

Gabriel sieht das auch so und berät die Ärzte, was am Markt für diverse Eingriffe verlangt wird, während er sich um die weiteren Modalitäten kümmert. Russische Patienten benötigen beispielsweise eine Einladung aus Österreich und ein Visum, zudem müssen die Befunde aus dem Heimatland übersetzt und bewertet werden. In den meisten Fällen wird ein Fachdolmetscher benötigt, der medizinische Zusammenhänge erklären kann. Ein wichtiger Punkt ist die Reisetauglichkeit. Hier müssen unter anderem wichtige Auflagen der Fluglinien beachtet werden, die teilweise aufwändig geplant werden müssen. Sehr oft müssen mitreisende Familienmitglieder ebenfalls versorgt und untergebracht werden. Die Therapie selbst ist – aus logistischer Sicht – fast der einfachste Teil, sofern die Behandlungstermine koordiniert werden, worum sich Gabriel gleichermaßen kümmert.

Um all diese Schritte aus einer Hand anbieten zu können, gründete Gabriel kurzerhand die Austrian Health GmbH und nennt seine Firma stolz erstes Kompetenzzentrum für Medizintourismus. Das war ein guter erster Meilenstein, sagt er, aber allein kann man so ein ambitioniertes Anliegen nicht umsetzen. Gabriel sucht daher nach Mitstreitern auf allen Ebenen, die seine Visionen teilen.

Darunter eben auch prominente Ärzte wie Christoph Reisser, auf dessen Nasenoperationen in russischen Foren wahre Loblieder gesungen werden. Er hat keine Berührungsängste mit dem Thema, wobei ihm seine Auslandserfahrungen aus jungen Jahren geholfen haben. Im Gegenteil, Reisser findet es spannend, mit mobilen Patienten zu arbeiten, die keinen Aufwand scheuen, um die beste Behandlung für sich zu beanspruchen. Freilich sei auch Sensibilität im Umgang mit anderen Kulturen gefragt, aber „mit der richtigen Herzens- und Allgemeinbildung ist dies kein unüberwindliches Problem“. Insofern sind in- und ausländische Patienten näher beieinander, als viele glauben.

Zum related Artikel "Wir haben alles, um zu den Top-Zielländern zu zählen" >>

 

Raoul Mazhar

, Ärzte Woche 23/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben