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Mag. Karl Lehner, MBA, Vorstand gespag, OÖ Gesundheits- und Spitals AG

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Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe, Krakenhausbeteiligungs- und Management GmbH

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Dr. Christian Heitmann, Bereich Health Care, Managementberatung „zeb“, Münster

 
Gesundheitspolitik 8. Mai 2017

Tsunami im Gesundheitswesen

Digitalisierung. Von 2.0 zu 4.0. Was sich wie die Ergebnisse eines Fußballspieles liest, ist eine Entwicklung, die unsere gesamte Gesellschaft aus der Bahn werfen könnte.

Während 2.0 jene Zeit beschreibt, in der die Fließbandarbeit entdeckt wurde, und 3.0 die 1970er-Jahre meint, in denen erste Automatisierungswelle eingeleitet wurde, meint 4.0 die Gegenwart, in der Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten. Kein Unternehmen, keine Branche und kein Mensch kann sich dieser digitalen Transformation entziehen. Ob wir E-Health oder ELGA wollen oder nicht, ist nicht die Frage, denn Big Data vernetzen globale Gesundheitsindustrien und medizinische Forschung in einem Ausmaß, das ohnehin für den Einzelnen kaum transparent oder gar steuerbar ist.

Wohin die Reise geht, in welchem Tempo oder gar welcher Dimension diese „disruptive“ Strömung über uns hereinbricht, darüber sind sich Experten noch nicht einig. Klar scheint aber: Wir sind mitten drinnen und oft steckt der Kopf ganz tief im Sand. Positive Aspekte wie eine höhere Produktivität, mehr Qualität und mehr Transparenz täuschen schnell über die neuen Risiken hinweg, die sich vor allem auf der Ebene der Datensicherheit breitmachen. Diffuse Ängste behindern den Mut zum Risiko, wenn alles mit allem vernetzt ist und Maschinen immer mehr den Menschen ersetzen – die Tragweite dessen aber nicht absehbar ist. Daher stand die Frage, ob jetzt auch die Medizin an der Reihe ist, auch im Mittelpunkt des 9. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses, der kürzlich in Wien stattfand.

Renate Haiden

Sondern das, was sie mit den Menschen macht

Ich bin überzeugt, dass sich keine Branche und schon gar nicht unsere, die zwar nahe am Menschen ist, aber ohne Medizintechnik nicht mehr auskommt, sich dem Thema entziehen kann. Ich denke hier an die atemberaubende Transparenz, die wir jetzt schon durch die Digitalisierung zwischen den Berufsgruppen geschaffen haben: zwischen Abteilungen, dem extra- und intramuralen Sektor oder zwischen Ordinationen und Apotheken, von persönlichen Apps ganz zu schweigen. Gesundheitsdaten sind schon mobiler, als wir uns das vielleicht mancherorts wünschen. Patienten emanzipieren sich von ihren Behandlern, erfassen ihre eigenen Vitaldaten und haben so viele Gesundheitsinformationen auf dem Handy. Diese Entwicklung wird nicht vor einer E-Card haltmachen.

Die Veränderungen der Fertigkeiten und des Workflows allein in den chirurgischen Fächern aufgrund von Robotik sind längst passiert. Wir erleben bereits einen fundamentalen Kulturwandel. Diese Disruption, also den Bruch mit althergebrachten Arbeitsabläufen, nimmt die junge Generation in der Medizin gelassener hin. Generationskonflikte über das Ausmaß der Nutzung dieser Technik begleiten uns.

Die Herausforderung in Zukunft wird nicht die Technik sein, sondern das, was sie mit den Menschen macht: Das Ausmaß der Vernetzung wird die Grenzen und Hierarchien innerhalb der Spitäler verschwimmen lassen, wenn jede Berufsgruppe auf alle Daten zugreifen kann. Wir müssen uns die Frage stellen: Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer der Digitalisierung in der Medizin? Die Ärzte und das Pflegepersonal werden mit der Verfügbarkeit aller Daten ihre uneingeschränkte Wissenshoheit verlieren, denn auf den digitalen Plattformen ist mehr Information gespeichert und schneller abrufbar, als ein Einzelner im Kopf haben kann. Dieser Tsunami wird das Gesundheitswesen hart treffen.

Keiner der Systempartner wird mehr vorgeben können, was mit all den Daten passieren darf, das werden die Patienten selbst festlegen und damit das Machtgefüge deutlich verschieben. Natürlich werden uns Themen wie Datensicherheit und Security beschäftigen und die Rahmenbedingungen dazu müssen wir dringend auf europäischer Ebene lösen. Kein Land kann sich im Rahmen dieser enormen Vernetzung als Insel fühlen. Big Data hält sich nicht an Staatsgrenzen. Wenn die Welt um uns flexibel mit diesem Wissen umgeht, dürfen wir uns nicht aus Angst vor Datenmissbrauch abschotten, sonst verlieren wir den Anschluss.

Die Frage nach der Finanzierung des digitalen Wandels wird sich aus meiner Sicht nicht stellen, denn in den letzten 100 Jahren hat auch niemand danach gefragt, wer die Entwicklung von Computern oder Mobiltelefonen finanzieren will. Innovatoren und Vordenker haben vieles möglich gemacht und auch der nächste Schritt – die Kooperation von Mensch und Maschine – wird so passieren.

Mag. Karl Lehner, MBA, Vorstand gespag, OÖ Gesundheits- und Spitals AG

Sondern diese nutzen, um die Patienten besser zu begleiten

Patienten werden sich künftig viel mehr um ihre eigenen Lösungen bemühen und gar nicht so sehr auf das warten, was die Politik oder Krankenhäuser anzubieten haben. Hier stehen wir vor einer massiven Verhaltensveränderung. Derzeit sind wir noch in der Phase, in der die meisten Daten händisch eingegeben werden. Menschen bedienen die Schnittstellen, über die Daten in Informationsnetzwerke eingespeist werden. Dieser Prozess wird zukünftig automatisiert ablaufen. Je mehr Daten über den Gesundheitszustand eines Patienten oder von Patientengruppen erfasst werden, umso mehr Aussagen können daraus abgeleitet werden. Genau hier sehe ich die große Herausforderung: Es werden viele Informationen vorliegen und viele neue Daten-Verknüpfungen zustande kommen. Intelligente selbstlernende Maschinen werden uns bei der Diagnostik unterstützen, aus den vorhandenen Datenmengen die relevanten Inhalte zu selektieren. Vor diesem Hintergrund wird sich das Rollenbild der Berufe im Gesundheitswesen ändern. Mediziner werden noch mehr zu Interpreten werden, die Wichtiges vom Unwichtigen und Richtiges von Falschem trennen. Bei den Ärzten wird der Part bleiben, den keine Maschine übernehmen kann: Den Patienten zu sehen, ihn zu hören und mit ihm zu sprechen und ihn so in seiner Krankheit zu begleiten. Das ist mindestens ebenso wichtig für die Diagnose und Therapie wie die wissenschaftliche Evidenz. Die fundamentalen Fragen, was die Digitalisierung mit den Menschen macht, sind in ihrer Komplexität derzeit noch nicht zu erfassen. Wir kümmern uns nach wie vor um technische Fragen der Digitalisierung, um elektronische Fieberkurven, ELGA und den Datenschutz, aber die menschliche Komponente wird ausgespart. Vermutlich weil wir noch keine passenden Antworten haben.

Die Digitalisierung wird auch die Patientenrolle verändern. Die Personalisierung in der Medizin steht erst am Anfang und wird von der Genetik und der Pharmaforschung dominiert. Doch sie wird auch in einer anderen Richtung sichtbar: Patienten werden sich vernetzen, werden Communities bilden und selbst bei noch so seltenen Erkrankungen irgendwo auf der Welt Informationen oder Peers dazu finden. Diese Form der Solidarität als Wert wird die Digitalisierung auf Patientenseite wesentlich vorantreiben. Auch im Zeitalter der Digitalisierung wird am Anfang und am Ende jeder medizinischen Frage und Handlung immer der Mensch und keine Maschine stehen. Dazwischen wird sich enorm viel verändern. Dazu wünsche ich mir, dass der Patient in dieser Kette immer mehr Eigenverantwortung für seine Gesundheit übernimmt. Von den Ärzten und Pflegefachkräften wünsche ich mir, dass sie ihre neue Rolle erkennen und sich als Begleiter verstehen, die ihr Wissen auf mehr Information als bisher aufbauen können. Und ich wünsche mir, dass sich die Mitarbeiter nicht in Konkurrenz zur Technik sehen, sondern sie nutzen, um die Patienten noch besser begleiten zu können.

Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe, Krakenhausbeteiligungs- und Management GmbH

Taxidienstleistungen ohne Taxis gibt es ja auch schon

Wenn wir Spitäler in Veränderungsprozessen begleiten, nehmen wir einen massiven technischen Fortschritt wahr. Viele medizintechnischen Geräte und die Software dazu sind heute nicht mehr wegzudenken und waren vor fünf Jahren noch nicht einmal erfunden. Wenn es aber um die Vernetzung der einzelnen Komponenten geht, dann ist die Digitalisierung noch lange nicht in den Spitälern angekommen. Entlang des Behandlungsprozesses lässt sich das gut verdeutlichen: Bei der Zuweisung vom Hausarzt in die Klinik wird überwiegend noch das Fax oder das Telefon genutzt. Was die Befunde betrifft, haben wir noch keine durchgängige Verbindung vom niedergelassenen Bereich in die Spitäler, sodass im intramuralen Bereich in der Regel der gesamte Untersuchungskanon wieder von vorne losgeht. Im Krankenhaus verfügen wir über die nötige Hard- und Software, aber wir scheitern an der Vernetzung.

So sind etwa Fallakten weit davon entfernt, flächendeckend vollständig digitalisiert zu sein. Handschriftliche Notizen werden eingescannt, das ist aber nicht die Idee der Digitalisierung. Ziel muss es sein, dass Daten von Beginn an digital erfasst werden und da scheitern wir an erstaunlich einfachen Dinge, wie etwa der Tatsache, dass es in vielen Spitälern keine mobilen Endgeräte oder kein flächendeckendes WLAN gibt. KIS-Oberflächen sind längst nicht mobile-Device-fähig und müssen mit einer Maus bedient werden! Digitalisierung scheitert nicht an Menschen, die sie nicht nutzen, sondern an der fehlenden Interkonnektivität, also der Verbindung der Geräte untereinander.

Ein weiteres Beispiel ist die fehlende Datenintegration in den Spitälern. Häufig sind die Daten der Zentralen Systeme wie das Krankenhausinformationssystem, die Finanzbuchhaltung, die Warenwirtschaft oder das Personalsystem nicht integriert verfügbar und auswertbar. Wir befragen regelmäßig Spitäler zu diesem Thema und wissen, dass etwa die Hälfte der deutschen Spitäler nicht in der Lage ist, den Chefärzten eine monatliche Deckungsbeitragsrechnung vorzulegen. Wie soll denn der Chefarzt eine Abteilung leiten und neben medizinische Entscheidungen wirtschaftliche Entscheidungen treffen, wenn er nicht alle erforderlichen Daten „in time“ bereitgestellt bekommt?

Wenn man über die künftigen Entwicklungen der Digitalisierung nachdenkt, stellt sich für mich die Frage, ob wir überholt werden wie die Taxiindustrie von Uber. Wird man Teile der Gesundheitsleistungen bald auch ohne Spitäler erbringen können? Telemedizin ist bereits Realität. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Innovationen der Digitalisierung selbst finanzieren werden. Was wir brauchen, sind aber Anschubfinanzierungen. Der Gesundheitsmarkt und die Spitäler müssen erkennen, dass die Digitalisierung über eine extrem treibende Kraft verfügt. Dieses Thema bedarf daher auch einer hohen Priorität in der Investitionsplanung.

Dr. Christian Heitmann, Bereich Health Care, Managementberatung „zeb“, Münster

Renate Haiden, Ärzte Woche 19/2017

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