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Ernsthafte Bewerbung: Bundeskanzler Christian Kern (l.) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner wollen die EMA von London nach Wien holen. Etliche Wirtschaftssektoren würden davon profitieren, argumentieren sie.
 
Gesundheitspolitik 2. Mai 2017

Probieren darf man es ja

EMA. Kanzler und Vizekanzler rühren die Werbetrommel für Wien als neuen Sitz der Europäischen Arzneimittelagentur. Als Standorte werden das ehemalige Nordbahnhofgelände, die Erdberger Lände oder auch die Seestadt angeboten.

APAmed/MBDie Bundesregierung rechnet sich gute Chancen aus, die Europäische Arzneimittelagentur EMA (European Medicines Agency) von London nach Wien zu holen. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) haben Österreichs Kandidatur und Konzept für die Ansiedlung der EMA präsentiert.

Mit dem bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU, spätestens ab dem 29. März 2019 – Stichwort „Brexit“–, ist eine Verlegung des Amtssitzes der in London angesiedelten EU-Agentur notwendig. „Wir sind an der Europäischen Arzneimittelagentur interessiert und bieten eine exzellente Infrastruktur“, sagte Kern. Österreich eigne sich wegen seiner Drehscheibenfunktion inmitten Europas, seiner guten Infrastruktur und einer starken Life-Science- und Pharmaindustrie besonders gut als Standort für die Arzneimittelagentur, erklärte Wissenschaftsminister Mitterlehner. Dazu kämen internationale Kindergärten und Schulen sowie die hohe Lebensqualität in der Bundeshauptstadt.

Sowohl Bundeskanzler als auch Vizekanzler betonten Österreichs Rolle als Forschungsstandort und wiesen etwa auf die Forschungsprämie hin, die von der Regierung demnächst von 12 auf 14 Prozent erhöht werden soll. Diese würde schon jetzt zahlreiche internationale Pharmaunternehmen anziehen. Als mögliche EMA-Standorte werden in den Bewerbungsunterlagen der Austria Campus, die Erdberger Lände, die Seestadt oder der Georg-Coch-Platz (Wien 1) angeführt. „Wir haben ungefähr zehn Locations in Wien, die prädestiniert sind“, berichtete Mitterlehner.

Die Entscheidung über einen neuen Standort der Agentur wird einvernehmlich auf Ebene der Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten getroffen und soll noch heuer fallen. Um die 20 EU-Länder haben sich für den Sitz der EMA beworben.

Österreich zählt dabei neben drei bis vier weiteren Ländern zum engeren Favoritenkreis für den Standort. Neben der EMA hat sich Österreich auch um den Sitz der EBA, der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde beworben, der Schwerpunkt der Bemühungen der Bundesregierung liegt aber klar auf der Arzneimittelagentur.

300 Millionen Euro Jahresbudget

Die 1995 gegründete EMA ist mit rund 900 Mitarbeitern die zweitgrößte EU-Agentur und verfügt über ein Jahresbudget von über 300 Millionen Euro. Aufgabe der Agentur ist es, die öffentliche Gesundheit sowie die Tiergesundheit durch Bewertung und Überwachung von Human- und Tierarzneimitteln zu schützen und zu stärken. Die Arzneimittel, die durch die EMA zur Markt-Zulassung empfohlen werden, umfassen 27 Prozent des weltweiten pharmazeutischen Marktes.

Eine Ansiedlung der EMA in Wien hätte positive Auswirkungen auf den Wirtschafts- und Forschungsstandort Österreich. Mit mehr als 30.000 Hotelübernachtungen pro Jahr, einer intensiven Reisetätigkeit und zahlreichen Konferenzen würden aber auch andere Wirtschaftssektoren von der Ansiedlung in Wien profitieren. „Wir sehen die Chance, aus dem Brexit etwas für Österreich Positives erreichen zu können. Die Effekte werden wohl kaum unter einer Milliarde bleiben“, erwartet Kanzler Kern im Falle eines Zuschlags nennenswerte Auswirkungen auf das BIP.

Die Brexit-Verhandlungen mit den EU-27 laufen in zwei Phasen ab. Zuerst müssen Umstände und Bedingungen des EU-Austritts geklärt werden, dann wird ein neues Handelsabkommen angestrebt. In Phase 1 muss außer Streit gestellt werden, dass EU-Bürger wie Firmen nach fünf Jahren im Land ihre bisher erworbenen Rechte behalten können, weiter im Land leben, studieren, arbeiten dürfen. London muss alle Verpflichtungen einhalten, die es als EU-Mitglied eingegangen ist, Budget inklusive. In Phase 2 würden die Detailregelungen für die künftige enge Partnerschaft zwischen EU und dem Drittland Großbritannien ausgehandelt.

Info

Der Mietvertrag der EU-Behörde in London läuft einem Dokument des Europäischen Parlaments zufolge bis zum Jahr 2039. Bis dahin sei noch eine Miete von insgesamt 347,6 Millionen Euro fällig, und der Vertrag enthalte keine Ausstiegsklausel.

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