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Gesundheitspolitik 2. Mai 2017

Notfall Zehennagel

Patienten lenken. Bagatelleinsätze nerven die Spitalsärzte. Patienten sollten nur dann in der Notaufnahme landen, wenn es sich um echte Notfälle handelt. So nötig eine Umstellung ist, sie stößt auf Widerstände.

25.000 Likes erhielt ein Facebook-Posting (bit.ly/2prOx1h), das deutlich jene Patienten kritisiert, die wegen eines „eingerissenen Zehennagels oder Schnupfens“ den Weg in die Notaufnahme suchen. Gezeigt wird dabei ein Foto eines blutverschmierten Schockraums, den der deutsche Rettungssanitäter Kay Müller kommentiert: Wehleidige Patienten sollen endlich aufhören, die Arbeit im Krankenhaus zu behindern. Müllers Kommentar ist nicht überall gut angekommen, doch die Tausenden Kommentare zeigen, dass er damit ein heißes Eisen aufgegriffen hat. Patienten finden rasch und einfach den Weg ins Krankenhaus, aber nicht zum nächsten Hausarzt. Die Gründe dafür: lange Wartezeiten in den Ordinationen, zu kurze Öffnungszeiten und eine vermeintlich umfassendere und bessere Versorgung im Spital. Es fehlt zudem am Versorgungsauftrag im niedergelassenen Bereich und an einer vernünftigen Leistungsabgeltung, die eine Arbeit am Patienten interessant macht. So ist es den Patienten kaum zu verdenken, dass sie sich den Weg bahnen, den sie für ihr persönliches Anliegen optimal finden, und erst recht, solange brauchbare Alternativen fehlen. Naturgemäß sehen Patienten das Problem ganz anders, doch so lange im Spital wie im Schlaraffenland Selbstbedienung herrscht, wird es auch keinen Ausweg geben. Klar ist, dass Ärzte oder Pfleger für den Zustand nicht verantwortlich gemacht werden können, doch bekommen sie „das Fett ab“, wenn Patienten lange warten müssen und sich aufgrund von Zeitdruck nicht gut behandelt fühlen. Bei der Suche nach einer Lösung, landet man unweigerlich beim Föderalismus und der solidarischen Gesundheitsversorgung. Beides hilft im Notfall aber auch nicht weiter.

Renate Haiden

 

Die Spitalswelt wurde auf dem Stand 1995 eingefroren

Die ökonomischen und finanzierungstechnischen Fragen rund um die Spitalsambulanzen wären leicht lösbar, wenn wir die gesamte ambulante Versorgung in Österreich gemeinsam überdenken würden. Durch die duale Finanzierung und die unstrukturierte ambulante Versorgung in Form von Spitalsambulanzen, Ambulatorien, Kassen- und Wahlärzten ist eine Lösung aber nicht in greifbarer Nähe. Zudem haben wir keinen ambulanten Versorgungsauftrag. Per Gesetz sind die Spitalsambulanzen zur Leistung Erster ärztlicher Hilfe, zur Behandlung nach Erster ärztlicher Hilfe oder als Fortsetzung einer in der Krankenanstalt erfolgten Pflege, die im Interesse des Behandelten in derselben Krankenanstalt durchgeführt werden muss sowie zur Anwendung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden mit solchen Behelfen, die außerhalb der Anstalt in angemessener Entfernung vom Wohnort des Patienten nicht in geeigneter Weise oder nur in unzureichendem Ausmaß zur Verfügung stehen, verpflichtet. Der Anfang der Misere geht auf 1997 zurück, als sich die Krankenkassen aus der Spitalsfinanzierung zurückgezogen haben und seither nur mehr pauschal vergüten – auf einem Stand von 1995, validiert um die Einnahmensteigerungen in den Krankenkassen. Spitalsleistungen von damals werden daher auch solche bleiben, unabhängig vom medizinischen Fortschritt oder der Möglichkeit, gewisse Leistungen mittlerweile auch ambulant zu erbringen. Die Spitalswelt wurde sozusagen 1997 eingefroren und auch ein Fortschritt im extramuralen Bereich findet extrem langsam oder gar nicht statt. Zusätzlich ist es aus extramuraler Sicht bei vielen Leistungen „sinnvoll“, die Patienten in die Spitalsambulanzen zu verdrängen, denn die Tarife im extramuralen Bereich sind mager und die Leistungskataloge seit vielen Jahrzehnten nicht gewartet. In den Ordinationen werden hochgradig elektive Leistungen erbracht, verständlicherweise vorrangig jene, die auch einen positiven Deckungsbeitrag bringen. Das Ergebnis: Die Ambulanzen werden voller und müssen immer mehr Leistungen übernehmen, die im extramuralen Bereich zwar möglich wären, aber nicht erbracht werden, weil die Infrastrukturkosten nicht transparent dargestellt sind. Wir leiden seit 20 Jahren an den gleichen Problemen, die täglich mehr werden. Spitalsambulanzen sind seit Jahren Defizit-Bringer. Lösungen durch Primärversorgungszentren sind nicht zu erwarten, die Rahmenbedingungen sind zu komplex.

 Dr. Ernest Pichlbauer, Gesundheitsökonom

Dieser Irrsinn schaukelt sich immer weiter auf

Das praktische Problem in den Spitalsambulanzen ist, dass jeder Patient zu jeder Tages- und Nachtzeit ungefiltert und aus freien Stücken zu uns kommen kann. Diese vorhandene Möglichkeit nehmen auch immer mehr Menschen in Anspruch – unsere personelle Decke, um diesen Andrang auch abzuarbeiten, wird aber immer niedriger. Damit werden Wartzeiten länger und Ärzte sowie Patienten gleichermaßen immer grantiger. Die Politik muss sich dringend darum kümmern, Patienten sinnvoll durch das System zu lotsen. Wenn ich heute ein Auto kaufe, dann verliere ich auch die Garantie, wenn ich nicht in die passende Vertragswerkstätte gehe. Der Vergleich lässt sich durchaus auf das Gesundheitssystem umlegen. Hier gehen Patienten aber überall hin, erwarten die beste Leistung und machen sich auch wenig Gedanken um die Finanzierung dieser Ansprüche. Wichtig und sinnvoll wäre es, den Haus- und Vertrauensarzt als erste Anlaufstelle zu etablieren, denn der kann mit Sicherheit besser entscheiden, wo der Patient in weiterer Folge gut aufgehoben ist. Und das muss nicht immer die Spitalsambulanz sein. Letztendlich will die Politik diesen Aufwand, der hier verursacht wird, auch nicht mehr bezahlen und dreht deutlich an der Kostenschraube. Am Ende stehen aber wieder die Ärzte, die eine Verantwortung aufgebürdet bekommen, die sie nicht tragen können. Ärzte werden ständig ermahnt, dass sie mit den vorhandenen Ressourcen sorgfältiger umgehen müssten. Doch sie können nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass Patienten den falschen Weg einschlagen. Spitalsärzte können nicht der Prellbock für die zunehmenden Begehrlichkeiten der Patienten sein. Dieser Irrsinn schaukelt sich noch weiter auf, denn die demografische Entwicklung, die fehlenden Familienverbände und hohe Betreuungskosten für die ältere Generation sorgen dafür, dass noch mehr Patienten in der Spitalsambulanz landen und versorgt werden wollen. Hier betreiben wir dann Absicherungsmedizin auf hohem und teurem Niveau. Die Politik wäre dringend gefordert, doch Einsparungen im Gesundheitswesen sind kein populäres Wahlkampfthema. Wir Ärzte können das nicht lösen. Ob Primärversorgungszentren, Selbstbehalte oder telefonische Gesundheitsberatung: Manches klingt nur am Papier gut und muss sich in der Praxis erst bewähren.

Dr. Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer

Die Telefonberatung ist ein Leuchtturmprojekt

Der Sinn einer Ambulanz ist es, bei einem Notfall in einem Krankenhaus 24 Stunden Hilfe zu erhalten. Die Betonung liegt auf Notfall. Dass Patienten derzeit dieses Angebot auch in Anspruch nehmen, wenn es kein Notfall ist, wissen wir auch. Eine Steuerung dieser Patientenströme wäre wünschenswert, nur die Wege dorthin zu gelangen, sind unterschiedlich. Möglichkeiten sind zum Beispiel die Lenkung über ein Bonus- oder Malussystem. Finanzielle Anreize können immer einen Steuerungs- und einen Finanzierungseffekt haben. Bei den Ambulanzgebühren wissen wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit, dass der Verwaltungsaufwand hoch war und dennoch kein erwünschter Steuerungseffekt eingetreten ist. Wer es sich leisten kann, der kann auch die Gebühr bezahlen und bei all jenen, die sich das nicht leisten können, kommt es zu eklatant negativen Auswirkungen. Der Besuch wird eingespart und der Gesundheitszustand verschlechtert sich, sodass später meist noch ein viel größerer und teurerer Aufwand bei der Behandlung erforderlich ist. Ein gutes und wirksames Beispiel ist die telefonische Gesundheitsberatung 1450, die kürzlich in Niederösterreich, Vorarlberg und Wien startete. Unter dieser Nummer steht rund um die Uhr und sieben Tage die Woche eine telefonische Beratung als niederschwellige Erstanlaufstelle bei Gesundheitsfragen und akuten Symptomen bereit. Speziell geschultes diplomiertes Krankenpflegepersonal lotst jeden Anrufer durch ein von Experten entwickeltes medizinisch-wissenschaftliches und international bewährtes Abfragesystem, schätzt die Dringlichkeit des Anliegens ein und gibt dann Verhaltensempfehlungen ab. Die telefonische Gesundheitsberatung ist ein Leuchtturmprojekt, mit dem die Patienten unmittelbar Antworten auf die drei wichtigsten Fragen bekommen: ob medizinische Hilfe überhaupt erforderlich ist, wo man sie erforderlichenfalls erhalten kann und wie dringlich das Anliegen ist. Die internationalen Erfahrungen zeigen hohe Compliance-Raten und etwa einem Drittel der Anrufer kann geholfen werden, ohne dass der Weg in die Notfallaufnahme erforderlich ist. Die Erfahrungen in Niederösterreich zeigen, dass wir uns in der ersten Woche ein Drittel der Rettungstransporte erspart haben. Es sind vielversprechende Ansätze. Das Grundproblem liegt im System, wo die Öffnungszeiten im niedergelassenen Bereich nicht ausreichen.

Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte

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