zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 11. November 2005

Halbherzige Tabakpolitik der Regierung

Hart ins Gericht geht Prof. Dr. Manfred Neuberger, Umwelthygieniker und Vize-präsident der Initiative „Ärzte gegen Raucherschäden“, mit der Tabakpolitik der österreichischen Regierung. Politikberatung durch Ärzte sei anscheinend nicht erwünscht.

„Die Regierung hat in Brüssel gegen fortschrittliche Tabakgesetze interveniert, sie blockierte Werbeverbote, hält trotz negativer Erfahrungen freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie weiterhin für eine gute Idee und folgt nur widerwillig und meist zum spätest möglichen Zeitpunkt den entsprechenden EU-Direktiven“, sagte Neuberger bei einer Pressekonferenz der AIDS-Hilfe zum Thema „Rauchen schädigt HIV-positive Menschen noch mehr als HIV-negative“ in Wien. Tabaksteuern seien in Österreich viel geringer als in England oder Frankreich, und vor allem werde „nicht ein Cent“ dieser Einnahmen in die Prävention gesteckt. Dagegen zahle etwa die Schweiz aus Tabaksteuer-Einnahmen 3 Franken pro Einwohner an regierungsunabhängige Institutionen, die sich um Tabakprävention bemühen.

Politische Schönfärberei

Neuberger: „Der Bundesstaat Massachusetts senkte im Lauf von sechs Jahren die Raucherrate bei Kindern und Jugendlichen um 27 Prozent. In Österreich ist die Rate dramatisch angestiegen, aber die Gesundheitsministerin investiert lieber in PR-Agenturen sowie weisungsgebundene Institutionen, deren Aufgabe es ist, ihre Politik schönzufärben.“ Politikberatung durch Ärzte sei anscheinend nicht erwünscht und zuletzt unter Gesundheitsminister Außerwinkler möglich gewesen. Als positive eigene Leistung des Gesundheitsministeriums sind laut dem Präventivmediziner nur die rauchfreien Schulen anzuführen. Allerdings habe das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur sie bisher nicht realisiert, da die entsprechende Änderung der Schulordnung immer noch aussteht.

Halbherzige Kampagnen

Neuberger kritisierte weiters, dass „die verantwortlichen Politiker an Jugendschutz durch elektronische Sperren von Zigarettenautomaten glauben, während in Jugendlokalen ‚Cigarette girls’ unterwegs sind“. Darüber hinaus folge die Politik dem Rat der Ta-bakindustrie, Medienkampagnen auf Kinder und Jugendliche zu beschränken. Die Empfehlungen etwa der EU, dass Kampagnen sich auch an Erwachsene richten sollten, würden ignoriert. Ernste Aufhörversuche von RaucherInnen seien daher in Österreich im europäischen Vergleich gering. Wie der Experte betonte, werden im Gastgewerbe Beschäftigte „zu Arbeitnehmern zweiter Klasse degradiert, denen kein Schutz vor Zigarettenrauch zusteht“. Zudem sei der gesamte Nichtraucherschutz sanktionslos und damit wenig wirkungsvoll. „Kein Wunder also, dass die Nikotinkonzentra-tionen im öffentlichen Raum in Österreich höher als in anderen EU-Ländern sind und die Tabak-politik laut einer internationalen Studie als eine der schlechtesten in Europa gilt“, so der engagierte Arzt. „Österreich muss endlich mit dem Nichtraucher- und Jugendschutz ernst machen, so wie diverse andere Länder das Rauchen an öffentlichen Orten verbieten, Prävention und Ausstiegshilfen fördern, Tabakwerbung und Sponsoring völlig verbieten, die Tabaksteuern erhöhen und den Schmuggel wirksamer bekämpfen.“

Probleme bei HIV-Positiven

Dr. Sigrid Ofner von der AIDS-Hilfe Wien wies darauf hin, dass sich unter HIV-positiven Personen besonders viele RaucherInnen finden. Studien sprechen von rund 70 Prozent, bei Menschen mit intravenösem Drogengebrauch waren es sogar knapp 90 Prozent. Laut Dr. Helmut Pietschmann, AIDS-Hilfe Wien, werde durch die Kombinationstherapie das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht; bei Rauchern steige es noch zusätzlich an. Auch durch die Behandlung mit Proteasehemmern werde das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöht. Pietschmann: „Da der Herzinfarkt aber absolut gesehen kein sehr häufiges Ereignis darstellt, ist der Nutzen der HIV-Therapie weitaus größer als ihr Schaden. Es wäre aber sehr wichtig, zusätzliche Risikofaktoren wie das Rauchen auszuschalten.“ Rauchen führe auch zur Ausbildung einer lokalen Abwehrschwäche im Bereich des Lungengewebes, so Pietschmann. Beispielsweise werde der Anteil alveolärer CD4-Zellen verringert. Diese Effekte seien bei HIV-positiven Menschen noch wesentlich stärker ausgeprägt. Die häufigste Ursache für Lungenprobleme bei HIV-Patienten sei heute eine banale Bronchitis, betonte Pietschmann. Weiters wies der Experte darauf hin, dass HIV-positive RaucherInnen ein deutlich höheres Risiko haben, ein Lungenemphysem zu entwickeln. KlientInnen der AIDS-Hilfe Wien konnten deshalb zuletzt kostenlos an Nichtraucherseminaren von „Allen Carr’s Easyway“ teilnehmen. Diese (6-stündigen) Kurse haben eine besonders hohe Erfolgsrate, wie Neuberger in einer Studie zeigen konnte.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben