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Gesundheitspolitik 11. November 2005

In Oberösterreich ist bald jeder Vertragsarzt sein eigener Chefarzt

Die Landesärztekammer gibt sich höchst zufrieden: Ein „vorbildhafter Durchbruch, für den keinerlei zusätzliche Zugeständnisse der Ärzteschaft notwendig waren“.

Eigentlich wäre es schon 2003 fast soweit gewesen: Ärztekammer und Gebietskrankenkasse in Oberösterreich standen kurz vor einer Vereinbarung, nach der die Chefarztpflicht für Medikamente ausgesetzt worden wäre. Die damaligen Verhandlungen trugen auch dazu bei, dass es im Gesundheitsministerium auf einmal sehr schnell ging und die Zeit der Boxen über die Vertragsärzte hereinbrach. Im Land ob der Enns wurde ein eigener Weg eingeschlagen und die Fax-Lösung für chefärztliche Genehmigungen gewählt, unter anderem kombiniert mit Dauergeneh-migungen. „Gleichzeitig liefen die Verhandlungen mit der Kasse weiter, die auch auf die guten gemeinsamen Erfahrungen des Arzneidialogs aufbauen konnten, der in unserem Bundesland sehr konstruktiv und intensiv geführt wird“, berichtet Dr. Oskar Schweninger, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in Oberösterreich.
Vergangene Woche kam es zum Durchbruch: Ab Dezember 2005 wird die Chefarztpflicht für Medikamente für zwei Jahre ausgesetzt. „In der Verordnung des Gesundheitsministeriums gibt es neben der EDV- und der Fax-Lösung auch die Variante einer gemeinsamen Zielvereinbarung“, betont Dr. Hans Popper, Direktor der OÖGKK. Die Ärzte verpflichten sich, bei der Verschreibung die „eigentlich ohnehin klaren Spielregeln einzuhalten“, so Popper weiter. Das sei auch deswegen nicht schwierig, weil schon bisher mehr als 95 Prozent der Verschreibungen den chefärztlichen Sanktus erhielten.
„Jeder Vertragsarzt ist nun quasi sein eigener Chefarzt“, ergänzt Schweninger. Kammer und Kasse werden als Unterstützung ein überschaubares Handbuch erstellen, in dem die wichtigsten Regeln bezüglich Verschreibung nochmals zusammengefasst sind. Außerdem wird es Schulungsangebote geben. Ab Dezember haben die Vertragspartner ein gemeinsames Controlling vereinbart.Eigentlich könnte mit der Vereinbarung zwischen Ärztekammer und Gebietskrankenkasse im Land ob der Enns in ganz Österreich ein neues Zeitalter der Verschreibungspraxis beginnen. Der erste Schritt dazu scheint getan.
„In der Zielvereinbarung zwischen Ärztekammer und OÖGKK wurde auch festgelegt, dass der Wegfall der chefärztlichen Bewilligungspflicht weder zu einer Erweiterung noch zu einer Einschränkung bei der Verschreibung von Medikamenten führen darf“. Er betont auch, „dass für diesen vorbildhaften Durchbruch keinerlei zusätzliche Zugeständnisse von Seiten der Ärzteschaft notwendig waren“. Schon 2003 wäre – nicht nur in Oberösterreich – eine solche Lösung möglich gewesen, hätte das Gesundheitsministerium nicht das Zeitalter der Boxen überfallsartig eingeleitet.

Details der Vereinbarung

In der für die Aussetzung der Chefarztpflicht ab Dezember 2005 gültigen Vereinbarung wird auch festgehalten, dass der Arzt bei jeder Verordnung automatisch prüft, ob alternativ ein Generikum zum Einsatz kommen kann. „Viele Ärzte haben dies ohnehin auch bisher schon umgesetzt, genauso wie zu Beginn einer The-rapie Kleinpackungen verordnet werden, um zu prüfen, wie das Medikament anspricht“, unterstreicht Schweninger.

Freie Ressourcen für Chefärzte

„Die Chefärzte werden durch die Vereinbarung nicht arbeitslos“, ergänzt Popper. Es werden mehr Ressourcen frei für die Beratung von Patienten, für Case-Management und die Kontrolle von Krankenständen. Die OÖGKK wird auch ein Servicecenter einrichten, das von Ärzten in Zweifelsfällen kontaktiert werden kann. Der Wegfall der chefärztlichen Genehmigungspflicht gilt auch für die Sozialversicherung der Bauern und die Betriebskrankenkassen von Austria Tabak und Semperit. Nicht einbezogen sind die Verordnungen von Wahlärzten und Spitälern bzw. der Bereich der Verbandsstoffe, Heilnahrung sowie Diät-Lebensmittel. Aus Schweningers Sicht wäre die Lösung aus Oberösterreich jederzeit und problemlos auch in anderen Bundesländern umsetzbar: „Es ist ein Weg zu mehr ärztlicher Freiheit!“

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